Zur Frage der Verelendung

Von Philipp Kissel
|    Ausgabe vom 12. Februar 2016

In UZ Nr. 1 2016 (8. Januar) hatte unser Autor Philipp Kissel in einem Beitrag unter dem Titel „Gesetzmäßige Verelendung“ unter anderem die Aussage getroffen, die Armen würden immer ärmer. Norbert Birkwald wies in einem Leserbrief darauf hin, dass die Aussage „Arme werden immer ärmer“ statistisch nicht zu belegen sei und der Autor dazu auch keine Aussage treffe. Dies holt er hiermit nach.

Genosse Norbert Birkwald wirft in seinem Leserbrief eine wichtige Frage auf: Werden die Armen immer ärmer oder werden sie „nur“ mehr? Die dahinter liegende Frage ist grundsätzlicher Natur: Gibt es eine absolute Verelendung? Dazu einige kurze Überlegungen.

Unbestritten ist, dass die relative Verelendung existiert: Im Verhältnis zum Wachstum der Profite stagnieren oder fallen die Löhne, im Vergleich zum Reichtum hängt der Lebensstandard der Mehrheit hinterher. Die Kluft zwischen arm und reich wächst. Umstrittener ist die Frage der absoluten Verelendung, der Verschlechterung der Lage der Arbeiter und Werktätigen.

Werden die Armen hierzulande ärmer? Aus dem Datenreport 2013 des Bundesamts für Statistik geht hervor, dass neben dem Umfang auch die „Intensität“ der Armut zugenommen haben. Diese besagt, wie groß der Abstand der armen Haushalte von der Armutsgefährdungsschwelle ist: „Die Einkommen der Armen haben sich immer weiter von der Armutsschwelle entfernt und die Intensität der Armut hat sich erhöht.“

Gab es auch schon vor der „Flüchtlingskrise“: Armut in Deutschland.

Gab es auch schon vor der „Flüchtlingskrise“: Armut in Deutschland.

( Wikimedia.org/Hendrike/CC BY-SA 3.0)

Hinzu kommt: Untere Einkommen müssen prozentual deutlich mehr für Miete, Energie und Lebensmittel ausgeben. Hier ist die Teuerungsrate in den letzten beiden Jahrzehnten teilweise deutlich angestiegen. Die „materiellen Entbehrung“ steigt ebenfalls. Sie zeigt an, wie oft man sich eine vollwertige Mahlzeit leisten oder ob die Wohnung angemessen geheizt werden kann. Der „verborgene Hunger“, die Mangelversorgung mit Nährstoffen wie Eisen, Vitaminen und Jod nimmt zu und führt bei Kindern aus armen Haushalten zu geringerem Wachstum, wie Studien der Universität Hohenheim nachweisen. Es ist davon auszugehen, dass auch in Hinsicht auf die physische Existenz eine Verschlechterung der Lage von Teilen der Arbeiterklasse eingetreten ist, insbesondere seit der Krise von 2008 und in längerem Zeitraum betrachtet seit der Niederlage des Sozialismus 1989.

Die Arbeitsintensität, die Verdichtung der Arbeit ist ein weiterer wesentlicher Faktor der Verschlechterung der Lage. Ablesbar ist dies an der Zunahme psychischer Erkrankungen auf Grund von Überbelastung, aber auch an wichtigen Arbeitskämpfen zur Reduzierung der Arbeitsbelastung wie beispielsweise bei den Lokführern und im Gesundheitswesen. Die zunehmende Existenzunsicherheit durch die industrielle Reservearmee und prekäre Beschäftigung prägen die Lage großer Teile der Klasse. Leiharbeit und Werkverträge sind mit die wichtigsten Themen in den Betrieben. Weitere Faktoren sind zu beachten, wichtig sind auch die zunehmende moralische Degradation, Brutalisierung und Unwissenheit, die die Lage und die Kampfkraft der Klasse verschlechtern.

Die Frage der absoluten Verelendung ist nicht auf den nationalen Rahmen beschränkt. Das deutsche Kapital beutet weltweit Arbeitskräfte aus. Die hungernden Kinder in Griechenland hängen auch mit der Akkumulation des deutschen Kapitals zusammen. Die hunderttausenden vor Krieg und Zerstörung fliehenden Menschen sind ein offenkundiges Zeichen der absoluten Verelendung.

Dabei vollzieht sich die Verschlechterung der Lage nicht immer gleichmäßig. Bei Ausbruch der Krise geht es schneller, bei Erholung der Konjunktur langsamer. Nicht alle Teile der Arbeiterklasse sind gleichartig davon betroffen. In der Phase des Imperialismus vertieft sich die Spaltung der Arbeiterklasse in eine Arbeiteraristokratie – die gewisse Privilegien genießt und teilweise verschont wird – und weitere Schichten der Arbeiterklasse.

Hinzu kommt: „Die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung wie das Hungerdasein der Massen sind wesentliche, unvermeidliche Bedingungen und Voraussetzungen dieser Produktionsweise.“ (Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus) Die Krise und deren „Lösung“ bedeutet eine enorme und drastische Verschlechterung: Kapital muss vernichtet werden, das heißt Lebensmittel, Waren, Fabriken, Maschinen und schließlich – im Krieg – auch Menschen, die „überflüssige Bevölkerung“.

Ein die Verelendung verlangsamender Faktor ist der Klassenkampf. Wenn es der Arbeiterklasse gelingt, erfolgreich zu kämpfen, kann sie die Verelendung verlangsamen, aber niemals aufheben. Die positive Auswirkung des Sozialismus auf den Klassenkampf in den kapitalistischen Ländern ist ein Beleg dafür, ebenso wie in negativer Weise die schnelle Verschlechterung nach der Niederlage 1989.

In UZ Nr. 1 2016 (8. Januar) hatte unser Autor Philipp Kissel in einem Beitrag unter dem Titel „Gesetzmäßige Verelendung“ unter anderem die Aussage getroffen, die Armen würden immer ärmer. Norbert Birkwald wies in einem Leserbrief darauf hin, dass die Aussage „Arme werden immer ärmer“ statistisch nicht zu belegen sei und der Autor dazu auch keine Aussage treffe. Dies holt er hiermit nach.


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Leserbrief zu »Zur Frage der Verelendung«, UZ vom 12. Februar 2016





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