Meine progressive Woche

Vom 30. Januar bis 5. Februar
Von Adi Reiher
|    Ausgabe vom 12. Februar 2016

Dienstag
Rund um die US-Vorwahlen sehen wir zumindest eines besonders deutlich. Unsere Medien sind kaum in der Lage, die Realität abzubilden, besonders dann, wenn es um den großen Bruder von jenseits des Atlantik geht.

Trump hier, Trump da, Trump tralala. In den letzten Wochen wurde jeder F… des US-Milliardärs in gefühlter Echtzeit über uns ausgelassen. Jetzt stimmen die republikanischen Vorwähler von Iowa eher für seinen Rivalen Ted Cruz. Wer jetzt erleichtert ist, dass es sich ausgetrumpt haben könnte, muss ernüchtert feststellen, dass Cruz noch treuer als Donald Silberlocke zu alten Werten, der Verfassung und zur Bibel steht. Krankenversicherungen hält er für Teufels Werk.

Cruz ist überzeugter Anhänger der Tea-Party-Bewegung und – zumindest öffentlich – geneigt zu glauben, dass Gott die Welt an sieben Tagen vor ein paar tausend Jahren geschaffen hat. In einigen Medien steht zumindest das. Für einen Tag – ab morgen wird wieder getrumpt, dass man den Ton vor lauter Lärm nicht mehr hört.

Mittwoch
Ist es eigentlich rassistisch, wenn Asiaten Asiaten diskriminieren? Wer als „Weißer“ in den USA ein Auto von Toyota kaufte, bekam bessere Kreditkonditionen als Afro-Amerikaner oder Kunden, die aus Asien stammten.

Die Eingangsfrage ist natürlich rhetorisch. Das Beispiel beweist aber schlagend, dass Rassismus keine Abstammungs-, sondern ein soziale Frage ist.

Donnerstag
Kölner Straßenkarneval nach Silvester, wie jedes Jahr – diesmal irgendwie anders. Internationale Medien sind am Alter Markt und berichten aus der „Welthauptstadt der sexuellen Belästigung durch kriminelle Flüchtlinge“.

Eine belgische Journalistin zieht den Haupttreffer, ihr wird vor laufender Kamera an den Busen gefasst, behauptet sie. Es gibt zwei Schönheitsfehler: die „Belästiger“ sind blond, groß und offenkundig deutsch, einer trägt – ausgerechnet – eine Bundeswehrjacke. Zweitens ist auf keinem You-Tube-Video irgendetwas von sexueller Belästigung zu sehen. Vor allem ein Jugendlicher macht zwar hinter der Journalistin zweideutige Bewegungen, fasst sie aber zu keinem Zeitpunkt an. Sein Verhalten ist blöd, besoffen und pubertär, aber wohl kaum strafbar.

Blöd ist auch die Berichterstattung über den kölschen Karneval. Selbst in der Süddeutschen Zeitung wird behauptet, dass der Straßenkarneval diesmal nicht funktioniert. Immerhin muss die SZ zugeben, dass in den Kneipen wie üblich gefeiert wird, wie soll es bei Dauerregen auch sonst sein.

Erkennbar geht es bei der tendenziösen Berichterstattung darum, Angst zu verbreiten und die Gattung „Freiluftveranstaltung“ zu desavouieren. Die Methode ist zumindest erfolgversprechender als wenn man mit der wahren Absicht herausplatzt und per Plakataktion und Bahnsteigansage verkünden ließe: „Bürger verhaltet Euch ruhig, geht nicht demonstrieren.“


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Leserbrief zu »Meine progressive Woche«, UZ vom 12. Februar 2016





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