Crash- und Kriegsgefahren

Fallende Börsenwerte, steigende Rüstungsprofite
Von Klaus Stein
|    Ausgabe vom 12. Februar 2016
 (Foto: pezibear, pixabay, CC0 Public Domain)
(Foto: pezibear, pixabay, CC0 Public Domain)

Das folgende kurze Referat hielt der Kölner Kreisvorsitzende der DKP am 3. Februar im Kreisvorstand:

Im Sommer 2014 wurde nicht selten pro Liter Diesel 1,38 Euro bezahlt. Aber kürzlich war er schon für weniger als 90 Cent zu bekommen. Was für den Konsumenten erfreulich und für das Klima schädlich, wirkt wie ein Konjunkturprogramm auf die deutsche Volkswirtschaft, reißt ölproduzierende Länder aber in die Tiefe.

Der Handel orientiert sich am Preis für ein Fass Rohöl (mit 159 Litern) der Sorte Brent. Im Laufe der Finanzkrise 2008 fiel der Preis und geriet unter die Marke von 40 Dollar pro Fass. Mit Beginn des Jahres 2010 stabilisierte er sich auf einem Niveau zwischen 70 und 80. Am 23. Juni 2014 lag er bei 113 Dollar und sank danach kontinuierlich in den Keller. Vor zwei Wochen, am 21. Januar 2016, geriet er unter die 28 Dollar-Marke. Das war der vorläufige Tiefpunkt. Denn mittlerweile hält er sich labil bei etwas über 30 Dollar.

Im Jahre 1972 sah die Welt noch anders aus. Damals bezahlte man noch 3 Dollar. Aber im Zuge des Ölboykotts der OPEC vervierfachte sich 1973 der Preis auf 12 Dollar. Das war ein Schock, Strafe für den Jom-Kippur-Krieg. Ölkrise. Von 1974 bis 1978 wurden die Ölpreise meist halbjährlich um fünf bis zehn Prozent erhöht. Die OPEC entscheidet über die Preise. Dieses Kartell der erdölexportierenden Länder ist am 14. September 1960 gegründet worden und verfügt mittlerweile über 75 Prozent der weltweiten Erdölreserven.

Noch vor einigen Jahren war von Peak Oil die Rede, davon, dass diese Ressource ebenso endlich sei wie am Ende unendlich teuer werde. Gegenwärtig aber wird über eine Schwemme geklagt. Nach der Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran sprudelt iranisches Öl auf den Markt. Auch Russland sucht durch erhöhte Mengen den Preisverfall zu kompensieren. Das ist so marktkonform wie kurzsichtig. Selbstverständlich hat der Preisverfall politische Gründe. Der Ölpreis ist ein politisches Kampfmittel. Offenbar ist Saudi-Arabien der Akteur. Über die Absichten kann man nur spekulieren. Die Saudis äußern sich nicht. Sie selbst sind weniger betroffen, weil etliche Öl-Milliarden in westliche Indus­trien geflossen sind und von billigem Öl profitieren. Die Saudis freuen sich womöglich über die Wirtschaftsprobleme in Venezuela und Brasilien. Erst recht passt ein Ölkrieg gegen Russland in das syrische Kriegsszenario, wo Saudis und Russen Gegner sind.

Aber der Ölpreisverfall trifft auch Ölkonzerne wie Shell, BP und Total. Sie verbuchen Gewinneinbrüche, streichen ebenso wie Ölförderfirmen Investitionen und entlassen Hunderttausende Mitarbeiter, schreibt die FAZ am vergangenen Dienstag (26. Januar). Aktienkurse wie von Royal Dutch Shell sind binnen eines Jahres um 40 Prozent gefallen, an den Börsen verlor die Branche seit Mitte 2014 mehr als 1 000 Milliarden Dollar. Ratingagenturen wie Moody’s drohen mit Herabstufungen, weil sie erhebliche finanzielle Risiken auf die Energieunternehmen zukommen sehen. Tatsächlich sind die Renditen von Hochzinsanleihen amerikanischer Unternehmen, insbesondere der Ölbranche, von 6,5 auf fast zehn Prozent gestiegen, weil Kreditausfälle drohen. Rund drei Dutzend Förderunternehmen hat es in den vergangenen zwölf Monaten schon erwischt. Amerikanische Banken haben der Ölindustrie insgesamt 220 Milliarden Dollar geliehen. Insbesondere Unternehmen, die sich beim Fracking engagieren, benötigen einen Ölpreis von mindestens 70 Dollar. Dass Finanzinstitute wegen der drohenden Kreditausfälle wie Dominosteine nacheinander fallen könnten, bestreitet Jörg Krämer. Der Chefvolkswirt der Commerzbank glaubt, dass der Ölbereich zu klein sei, um eine Destabilisierung wie 2008 auszulösen. Die Lage sei mit den damaligen Problemen am Hypothekenmarkt nicht zu vergleichen.

Aber wir haben es hier nur mit einer von mehreren Krisenerscheinungen zu tun. Auf der einen Seite sind die Öllager vollgepumpt. Es gibt ein Überangebot. Auf der anderen Seite sinkt der Verbrauch. Just in den Schwellenländern, namentlich in China, wird der Ölverbrauch gedrosselt. In die BRICS-Staaten sind noch im Jahr 2013 Investitionen von 339 Milliarden geströmt. Jetzt fließt Kapital ab: 735 Milliarden im Jahr 2015, sieben Mal so viel wie schon 2014. Mal hört man, Hedgefonds würden gegen Chinas Währung spekulieren, ein anderes Mal, dass China im Ausland investiere. Wie auch immer, unter dem Strich schwindet Kapital. Die scheue Reh flüchtet aus den BRICS-Ländern. Wohin geht es? Welche Investitionen sind noch profitabel?

Nachdem am Freitag (29. Januar) auch die japanische Zentralbank Strafzinsen angekündigt hat, stabilisierten sich Aktienkurse zeitweise. Aber insgesamt ist in den ersten Wochen des neuen Jahres viel Kapital entwertet worden. Die 30 Dax-Unternehmen haben allein in den ersten zwei Wochen des neuen Jahres 100 Milliarden Euro an Börsenwert verloren. Offenbar funktioniert die Geldschwemme durch die EZB nicht mehr wunschgemäß. Blasen, nicht nur bei den Immobilien, entstehen. Bevor sie platzen, explodieren schon mal die Mieten. Die Konjunktur indes will und will nicht anspringen. Verzweifelt, getrieben von der Angst vor der fälligen Entwertung, sucht das Kapital nach profitablen Anlagemöglichkeiten.

Die schlichte Erkenntnis „Rheinmetall profitiert vom Krieg“ findet sich als Schlagzeile in der FAZ vom 6. November, allerdings ziemlich versteckt hinten im Wirtschaftsteil, den mir meine Frau meist ungelesen überlässt. 14 Tage und sieben Pariser Terroranschläge später teilt die Zeitung mit, dass das Branchenbarometer, der Dow Jones US Defense Index, nach den Attentaten von Paris mit zwei Prozent plus deutlich stärker als der Marktdurchschnitt mit 0,4 Prozent angestiegen war. Überhaupt legte der US-Defense in 2015 bis zu diesem Zeitpunkt schon um 16 Prozent zu, der breitgefasste Aktienmarktindex S&P 500 im gleichen Zeitraum nur um ein Prozent (FAZ 20. 11. 15). Drei Tage nach Paris ratifizierte das US-Außenministerium den Verkauf von computergesteuerten Bomben und anderen Waffen an Saudi-Arabien. Deutschland genehmigte bereits vor Wochen den Export von Kampfpanzern und Panzerhaubitzen an Katar. Heckler & Koch wurde vom Bundessicherheitsrat ein Millionendeal zur Ausfuhr von Kleinwaffen in den arabischen Raum genehmigt.

Möglicherweise bahnt sich unterdessen beim Ölpreis eine Wende an. Am Donnerstagnachmittag (28. Januar) teilte der russische Energieminister Alexander Nowak in Sankt Petersburg mit, Saudi-Arabien schlage die Drosselung seiner Ölproduktion um 5 Prozent vor und Russland sei bereit, darüber zu diskutieren. Der Ölmarkt reagierte sogleich, der Preis stieg zunächst um 8 Prozent. Es wird aber wohl noch eine Weile dauern, bis es zu tatsächlichen Absprachen kommt. Jedenfalls sind heute wieder Ölpreis und Börsenwerte gefallen, im Gleichschritt. Es dröhnt.

Ich erinnere an das Interview, das der Nobelpreisträger Prof. Robert J. Shiller zur Lage der Weltwirtschaft dem Handelsblatt gab. Das war im September 2014. Shiller sagte: „Wir stecken fest. Die Frage ist: Wie kommen wir da raus?“ Handelsblatt: „Und Ihre Antwort?“ Shiller: „Die bereitet mir vielleicht die größten Sorgen: Ein Krieg.“

Die Zeit drängt. Crash und Krieg sind durch Schuldenschnitte, Schuldenerlasse oder Wegsteuern asozialen Reichtums zu verhindern.


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Leserbrief zu »Crash- und Kriegsgefahren«, UZ vom 12. Februar 2016





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