Die großen Ausreden

Herr Niersbach erklärt die Vergabe der Fußball-WM 2006
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 5. Februar 2016
Kleiner ging es schon 2006 nicht; die Welt vor dem Brandenburger Tor; ein Schelm, wer Böses dabei denkt. (Foto: GFDL, CC BY-SA 3.0)
Kleiner ging es schon 2006 nicht; die Welt vor dem Brandenburger Tor; ein Schelm, wer Böses dabei denkt. (Foto: GFDL, CC BY-SA 3.0)

Alle Medien haben dem Fußballskandal ausgiebig Aufmerksamkeit geschenkt, haben Schlagzeilen erfunden, Kommentare geschrieben, die sie für „Enthüllungen“ hielten – nur „Unsere Zeit“ hielt sich zurück. Welchen Grund mochte sie gehabt haben? Was mich angeht, der zuweilen Sportkommentare für die Zeitung schreibt, hielt ich mich an die alte Weisheit, wonach Reden Silber und Schweigen Gold ist. Denn: Man wusste längst, dass die Vergabe der WM 2006 – gern als „Sommermärchen“ deklariert, obwohl es nicht mit dem Triumph der BRD endete – nicht seriös zugegangen war, hatte aber keine Beweise dafür und wollte sich nicht an dem Konzert der Fabulanten beteiligen.

Nun beginnt man klarer zu sehen, was nicht etwa dem Umstand zuzuschreiben ist, dass jemand die Wahrheit offenbart hat, sondern dass sich die Betroffenen in die Haare geraten sind, jeder von ihnen Schnipsel der Wahrheit wissen ließ, was keineswegs die volle Wahrheit ans Licht ließ, aber klarer sehen lässt.

Der Fußball-Präsident Niersbach trat vor die Fernsehkamera und versicherte: „Ich möchte am heutigen Tag die Gelegenheit nutzen, in aller Offenheit und Ehrlichkeit nur die Dinge so darzustellen, wie ich sie in Erinnerung habe und teilweise auch erst seit Kurzem kenne.“ Fragt man sich nicht sofort: Führt der Präsident keine Akten und muss sich deshalb auf seine Erinnerung stützen?

„Die sehr wichtige Kernbotschaft ist die: Es ist bei der WM-Vergabe 2006 alles mit rechten Dingen zugegangen. Es hat keine schwarzen Kassen gegeben, es hat keinen Stimmenkauf gegeben. Wir haben die Vergabe am 6. Juli 2000 mit 12:11 Stimmen gewonnen. (…) Also die Behauptung, dass wir auf unlauterem, unkorrektem Wege die WM, diese wunderbare WM 2006 bekommen hätten, die stimmt definitiv nicht.“

Behauptet der Präsident, damals Pressesprecher! Und ergänzte diese Behauptung noch: „Jetzt kommt der zweite Teil, den ich in dieser Geschichte, wie er sich darstellt, auch erst seit Kurzem kenne, auch immer noch nicht vollständig.“ Nochmal: Der DFB hatte sich um die WM beworben, dessen Präsident vertrat den Verband und sein Nachfolger gesteht Jahre später, dass er den „zweiten Teil“ nicht vollständig kennt. Die verschwundenen Millionen – so er – sollten ursprünglich für eine „Gala“ gedacht gewesen sein.

Niersbach teilte nun mit, dass sie „ausfiel“: „Auch die Frage, wie die Gala abgesagt wurde: Hättet ihr da das Geld denn nicht zurückfordern müssen? Die lässt sich so beantworten, dass da schon erhebliche Organisationskosten entstanden waren, so dass man gesagt hat – wer genau, weiß ich auch nicht –, wir lassen das so. Was habe ich mir persönlich vorzuwerfen? Ich habe von dem Vorgang erfahren im Juni etwa, den Tag genau kann ich nicht sagen, über Umwege.“

Ein Kalender, in dem die wichtigsten Termine eingetragen werden. Wird im DFB nicht geführt? Niersbach fuhr fort: „Vielleicht noch ein Punkt, der auch immer wieder in der Berichterstattung auftauchte, dass es ein Gespräch gegeben habe im Frankfurter Airport-Club, wo man innerhalb der alten OK-Besetzung darüber gesprochen hätte. Dies stimmt also nicht. Wir haben uns da getroffen, aber da ist über dieses Thema nicht gesprochen worden.“

Spielten die Mitglieder des Organisationskomitees da vielleicht Skat, da sie kein wichtigeres Thema hatten? Und dann: „Die wichtige Botschaft steht: Das Sommermärchen war ein Sommermärchen, und es bleibt ein Sommermärchen und ist nicht mit unlauteren Mitteln nach Deutschland gekommen.“ Zu den vielen Millionen-Überweisungen des DFB gehörte auch eine an den Adidas-Chef Louis-Dreyfus und die spielte in der endlosen Pressekonferenz mit Niersbach eine entscheidende Rolle.

Ein Journalist fragte: „Herr Niersbach, wenn ich es richtig verstehe, sagen Sie ja, es gab dieses Darlehen von Herrn Louis-Dreyfus, und es gab diese Rückzahlung an die Fifa, die über die Kulturveranstaltung begründet wurde. Und Sie sagen, diese 6,7 Millionen waren immer sauber in den Büchern. Das heißt aber, wenn ich Sie richtig verstehe, sie waren in den Büchern, als Zahlung für eine Kulturveranstaltung. Und Sie wissen aber, und sagen das hier auch, dahinter stand eine Rückzahlung eines privaten Darlehens. Ist das nicht ein Widerspruch in der Buchführung?“ Niersbach: „Das weiß ich heute“ (nickt). (Aufgezeichnet hatte die Aussagen Christian Krämer.)


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Leserbrief zu »Die großen Ausreden«, UZ vom 5. Februar 2016





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