Die Ehre der Kopfgeldjäger

„The Hateful 8“ zerlegt die Mythen des amerikanischen Überlegenheitsanspruchs
Von K. W.
|    Ausgabe vom 5. Februar 2016
Tarantinos Blick auf den Verfall der US-Gesellschaft. (Foto: Universum Film)
Tarantinos Blick auf den Verfall der US-Gesellschaft. (Foto: Universum Film)

Die Bilder rufen Erinnerungen wach. Berge, Täler, die grandiose Landschaft Wyomings im 70-mm-Ultra-Panavision-Format. Nur gewinnt hier keiner die legendären Schlachten des „Wilden Westens“ zum x-ten Male auf der Leinwand, wie das 24-köpfige Staraufgebot im 70-mm-“How the West was won“ von 1962. Statt der üblichen Helden, verkörpert von Henry Fonda, Richard Widmark und John Wayne sind es zwei Kopfgeldjäger, John, „der Henker“ Ruth (Kurt Russel) und Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), die mit der üblichen Stagecoach-Kutsche zu dem üblichen Red Rock zu kommen versuchen. Die beiden werden komplettiert durch John Ruth’ Kopfgeld-Beute, Daisy Domergue (Jennifer Jason Lee) und Chris Mannix (Walton Goggins), der von sich behauptet, der künftige Sheriff dieses Red Rock zu sein. Aber statt der wärmenden Sommersonne herrscht übler Winter. Der anrückende Blizzard bläst so heftig und kalt durch die Ritzen, dass einen selbst im warmen Kinosessel noch friert: Das hier wird nicht lustig. Wer sich an Sergio Corbuccis Endzeitwestern „Il grande Silenzio“ (dümmlich: „Leichen pflastern seinen Weg“) erinnert fühlt, liegt so falsch nicht.

Nachdem es die Pferde des klassischen Sechsspänners durch den hohen Schnee geschafft haben, suchen die Passagiere Schutz in „Minnie’s Haberdashery“, etwas frei als „Minnies Miederwarengeschäft“ synchronisiert. Sofort wird klar, dass hier etwas nicht stimmt. Die Tür zu dem von riesigen Bergen umstandenen, in einsam-weiter Idylle gelegenen großen, alten Holzhaus ist eingeschlagen. Sie muss von jedem, der herein oder heraus will, erneut zugenagelt beziehungsweise eingeschlagen werden.

Von Minnie keine Spur. Am Feuer sitzen nur der abgehalfterte Südstaatengeneral Sanford Smithers (Bruce Dern) und der britische Henker Oswaldo Mobray (Tim Roth). Als nun noch der unvermeidliche Cowboy, Joe Gage (Michael Madsen), und der ebenso unverzichtbare zwielichtige Mexikaner, Bob (Demián Bichir), auftauchen, sind „The Hateful 8“ beieinander. Jeder misstraut jedem und glaubt im Zweifel nur seinen Fäusten und seinem Colt.

Doch zunächst umkreisen sich die Protagonisten eher mit Worten als mit Kugeln. Es geht um die große amerikanische Legende, den gerade zu Ende gegangenen, in heroischen Farben illustrierten Amerikanischen Bürgerkrieg. Marquis Warren als farbiger Ex-Offizier der Nordstaatenarmee spielt darin natürlich ebenso eine zentrale Rolle wie sein ehemaliger Kontrahent Sanford Smithers. Beide sind sich in frisch erblühter, inniger Feindschaft herzlich verbunden.

Diskussionen auch unter den Body-huntern. Hier treffen sich die klassische Auffassung des praktisch-aufwandminimierenden Warren, der seine Opfer der Einfachheit halber durch einen Schuss in den Rücken erledigt, um dann, wie auch jetzt, mit einigen steif gefrorenen Kadavern zur Kasse des zuständigen Sheriffs zu ziehen. Dagegen legt der aufbrausend-grobschlächtige Ruth viel Wert darauf, seine Daisy Domergue lebendig beim Henker abzuliefern. Er liebe es, das Genick brechen zu hören. Henker Mobray nun vertritt das kühl-britische Legitimitätsprinzip. Erst das leidenschaftslose Töten des in der Sache unbeteiligten Henkers zeichne den Rechtsstaat aus.

Mit der langatmigen wie ironischen Werte- und Ethikdebatte, geführt ausgerechnet von zynisch-brutalen Berufskillern, demontiert Tarantino den üblicherweise im US-Gerichtsfilm („Die 12 Geschworenen“, „Das Urteil von Nürnberg“, etc.) erhobenen moralischen Überlegenheitsanspruch. Vom „Manifest Destiny“, dem pathetischen Sendungsbewusstsein des US-amerikanischen Exzeptionalismus, bleibt in „Minnie’s Haberdashery“ am Ende nur das schlichte gegenseitige Abschlachten übrig.

Nichts ist, wie es zunächst scheint. Auch der persönliche, die Rassenschranken überwindende, gefühlvoll aufmunternde Brief des Präsidenten Lincoln an seinen schwarzen Offizier, der ihm und allen eine lichte Zukunft verheißt und der selbst bei dem chronisch misstrauischen John Ruth gerührte Bewunderung hervorruft, erweist sich als schlichte Fälschung Warrens, der sich genau diese Bewunderung für seinen persönlichen Vorteil zunutze zu machen versteht.

Mehr und mehr wird klar, die große Phrase des Bürgerkriegs ist eine große Lüge. Der Krieg hat nicht den großen Frieden, sondern nichts als einen Haufen Verbrecher und Halsabschneider hinterlassen, die sich nun in diesem metaphorischen Mikrokosmos gegenseitig an die Gurgel gehen. Es gibt in diesem harten Überlebenskampf weder „die Guten“ noch „die Bösen“, sondern nur die Verlierer.

Der Wert des Menschen wird nicht von dem bombastischen wie wohlfeilen Menschenrechtsgetöse bestimmt, das den Splitter im Auge des anderen (Staates) medial zum Casus belli aufzublasen trachtet, sondern, so einfach wie neoliberal, nach dem Kopfgeld, welches auf ihn ausgesetzt ist. Daisy Domargue bringt John Ruth immerhin 10 000 Dollar, während Marquis Warren sich für 8 000 Dollar mit immerhin drei Leichen abplagen muss. Kein Wunder, dass gegen Ende die Noch-Überlebenden einen verbissenen Schacher um die immer zahlreicheren Leichen beginnen.

Tarantino bietet eine finstere Parabel auf den fortschreitenden Verfall der US-Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die es durch Sklaverei, Krieg, Völkermord, und Profitgier zum Herren der Welt gebracht hat. Die aber den Nicht-1-Prozent am Ende nicht mehr zu bieten hat, als Tittytainment, Perspektivlosigkeit, Kriminalität und Krieg in Permanenz. Wie der Boykottaufruf durch verschiedene US-Polizeiorganisationen zeigt, ist Tarantinos zunehmende Politisierung nicht unbemerkt geblieben.


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Leserbrief zu »Die Ehre der Kopfgeldjäger«, UZ vom 5. Februar 2016





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