„Wir werden sichtbar“

Roman gibt angekommenen Flüchtlingen aus Ghana, Sierra Leone, Niger und anderen Staaten ein Gesicht
Von Anne Rieger
|    Ausgabe vom 5. Februar 2016

Jenny Erpenbeck
Gehen, ging, gegangen.
Roman
Knaus-Verlag, München 2015

„Am Donnerstag Ende August versammeln sich zehn Männer vor dem Roten Rathaus in Berlin. Sie haben beschlossen, heißt es, nicht mehr zu essen. Drei Tage später beschließen sie, nun auch nichts mehr zu trinken. Ihre Hautfarbe ist schwarz. Sie sprechen Englisch, Französisch, Italienisch. Und noch andere Sprachen, die hierzulande niemand versteht. Was wollen die Männer? Arbeit wollen sie.“ Auf einem Schild, das an einen Campingtisch gelehnt ist, steht: „We become visible“, in kleinen Buchstaben hat jemand grün übersetzt: Wir werden sichtbar.

Der Roman von Jenny Erpenbeck bezieht sich auf den realen Protest von Flüchtlingen, die 2012 nach einem Fußmarsch aus Bayern nach Berlin kamen. Erst am Alex, dann im Protestcamp am Oranienplatz, später auf dem Dach einer Schule versuchen sie auf sich aufmerksam zu machen. Sie verlangen das Ende der Residenzpflicht und fordern Abschiebestopp, Arbeitserlaubnisse, die Abschaffung von Gemeinschaftsunterkünften.

Der Protagonist Richard, ein gerade emeritierter Professor (erst DDR dann Berlin), geht an einem heißen Donnerstag im August an dem Protestcamp der hungerstreikenden afrikanischen Flüchtlingen vorbei, ohne diese Menschen und ihren Protest wahrzunehmen. Er ist mit seinen Gedanken bei den archäologischen Funden unter dem Alexanderplatz, von dem ihm ein Freund berichtet hat. Erst am Abend erfährt er in den Fernsehnachrichten von dem Hungerstreik. Er schämt sich und fragt sich, warum er die Männer am Alexanderplatz nicht gesehen hat.

Richard, der nach seiner Emeritierung nichts mehr zu tun hat, außer seinem „Krempel“ aus dem Institut nun zu Hause einen Platz zu geben, die Odysee zu lesen oder bei Ovid nachzuschlagen, hat einfach nur Zeit, „die ihn quält“. Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben, Kinder hat er keine, seine Geliebte hatte ihn verlassen. „Er muss aufpassen, dass er nicht irre wird wenn er jetzt ganze Tage allein ist und mit niemandem spricht“. Dieser mit überflüssiger Zeit zu leben Lernende wird den geflohenen Menschen aus Afrika gegenübergestellt. Sie haben ebenfalls Zeit. Sie aber, weil diejenigen, „die dieses Gebiet bewohnen, seit ungefähr 150 Jahren heißt es Deutschland“ ihr Revier verteidigen „mit Paragraphen, mit der Wunderwaffe der Zeit hacken sie auf die Ankömmlinge ein, stechen ihnen mit Tagen und Wochen die Augen aus, wälzen die Monate über sie hin“ und geben ihnen am Schluss eine „Fiktionsbescheinigung“.

Der Professor beginnt ein Projekt, lernt zuerst aus Büchern über die Länder und Lage der Flüchtlinge. Er entwirft Fragen und geht damit zu den Geflohenen, um sie zu interviewen. Mit der Zeit lernt er ihre Erlebnisse, ihre Persönlichkeiten, die Ursachen ihrer Flucht kennen, verliert die akademische Distanz und hilft Einzelnen – gemeinsam mit Freunden – wo er kann. Er begleitet sie zu Behörden, erklärt unverständliche Papiere, gibt Deutsch- und Klavierunterricht oder hört einfach nur zu. Ein sehr gut recherchierter Roman, der durchaus humoristische Züge hat, beispielsweise, als Richard, der jahrelang kein Weihnachten mehr gefeiert hat, einem Flüchtling aus Afrika das deutsche Weihnachten einschließlich Tannenbaum und dem im Keller verstaubten Baumschmuck nahe bringen will.

Und Richard lernt neue Begriffe wie Dublin II, Duldung, Rückführung, Abschiebehaft, Asylrechtsverordnung, Aufenthaltstitel, Ausreisefristverlängerung, Engpassberufe. Er lernt auch, dass es in Niger soviel Uran wie sonst in keinem Land der Erde gibt.

Jenny Erpenbeck gibt mit diesem Roman in Berlin angekommenen Afrikanern aus Ländern wie Ghana, Sierra Leone, Niger und anderen der 54 afrikanischen Staaten ein Gesicht. Sie lässt sie ihre Geschichten erzählen – nicht am Stück sondern in kleinen Einheiten. So können MitteleuropäerInnen, für die Behandlung von Menschen mit schwarzer Hautfarbe bisher ein empörendes, aber doch eher weit vom persönlichen Leben entferntes Ereignis war, sie besser verdauen, nachdenken und Einsichten erhalten über die inhumane europäische sogenannte „Flüchtlingspolitik“.

Die Kritik am inhumanen – bürokratisch versteckten – Umgang mit flüchtenden Menschen ist unüberlesbar. So unterschreibt z. B. ein Senatsmitglied mit den Flüchtlingen eine Vereinbarung, die sich im Nachhinein als ungültig erweist. Schwammig ist sie noch dazu: „Unterstützung und Begleitung bei der Entwicklung der beruflichen Perspektive“.

Der Wunsch vieler Menschen ihnen zu helfen wird besonders gut herausgearbeitet, als die Gruppe der flüchtenden Menschen zum dritten Mal zerteilt werden soll und für 147 von 469 ein Schlafplatz in Berlin außerbehördlich organisiert wird. „Wo die übrigen 329 geblieben sind, bringt Richard nicht in Erfahrung“. Denn sie müssen nach den Regeln des deutschen Rechts nach Italien zurück, wollen aber nicht. Deutlich zeigt sich die Grenze der individuellen Hilfsmöglichkeiten, wenn die Regierung nicht gezwungen wird, die Gesetze zu ändern.

Ein eindringlicher Roman, der auf die Ursachen der jeweiligen Flucht eingeht, auch einmal die Bomben der Besatzer benennt, die Ursache ihrer Abschiebung aus ihrer Heimat waren. Außen vor lässt die Autorin allerdings die Kriegsführung von NATO und EU-Ländern, die Profite der Rüstungsunternehmen, die massenhafte Ausbeutung der Ursprungsländer der Flüchtlinge. Vielleicht ist das von einem Roman, der die persönliche Begegnung von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und die Inhumanität eines reichen Industrielandes erlebbar machen will, auch zu viel verlangt.

Ein Buch, das den Perspektivwechsel unterstützt und hilft zu verstehen: „Würde zu bewahren, ist eine Anstrengung, die den Flüchtlingen täglich auferlegt wird und sie bis in ihre Betten hinein verfolgt.“

Jenny Erpenbeck
Gehen, ging, gegangen.
Roman
Knaus-Verlag, München 2015


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