Innsbruck statt Denver – Olympia 1976

Wie die FAZ sich einmal bei der „Stasi“ entschuldigte
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 29. Januar 2016

Ein „kleines Jubiläum“: Vor vierzig Jahren fanden die Olympischen Winterspiele in Innsbruck statt. An der Inn, weil die US-amerikanische Stadt Denver (Bundesstaat Colorado), die 1970 ihr übertragenen Spiele 1973 zurückgab, weil sich herausstellte, dass man nicht genügend Geld hatte. So hatten die Yankees dem IOC mitgeteilt, dass man sich eine Bobbahn, auf der neben Zweierbobrennen auch Viererbobrennen ausgetragen werden konnten, nicht leisten könne. Das ratlose IOC fragte in Innsbruck nach, ob man nach den Spielen 1964 noch einmal Gastgeber sein könne. In drei Jahren modernisierten die Österreicher Schanzen, Bobbahn und vieles andere, errichteten ein neues Olympisches Dorf und erwiesen sich als brillante Gastgeber. Ich wurde ungewollt für einen Tag abseits von allen Medaillen zu einem „Hauptdarsteller“. Der Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Haffner, hatte mich täglich am Ziel der Bobbahn stehen sehen und machte mich durch einen verfehlten Fotoauftrag zum „Stasi“-Agenten. Haffner und ich kannten uns ganz gut und er hatte seinen Fotografen beauftragt, den „Großen“ im DDR-Dress zu fotografieren, meinte aber wohl jemand anderen im DDR-Dress – der sicher auch kein Stasi-Agent war. Der Fotograf machte sein Bild von „einem Großen im DDR-Dress“, nämlich von mir und da Haffner nicht noch mal draufsah, erschien ich am nächsten Morgen als das „Das Auge“ in der FAZ.

Als ich das Pressezentrum betrat, empfing mich turbulentes Gejohle. Alle amüsierten sich über den „Stasi“-Agenten Huhn. Eine halbe Stunde später ließ mir Haffner durch einen Kurier einen umfänglichen Entschuldigungsbrief zustellen, in dem er sich nicht nur bereiterklärte, den Fehler richtigzustellen, sondern mir auch eine finanzielle Entschädigung anbot. Nach Rücksprache mit der Redaktion verzichtete ich darauf, konnte mir aber fortan den Spaß leisten, allen Interessenten mitzuteilen, dass mir die FAZ Stasi-Tätigkeit bescheinigt hatte – und sich dafür entschuldigte. Wann immer mir man fortan Tätigkeit für die Stasi vorwarf, riet ich, die FAZ zu lesen, die mir schwarz auf Weiß bescheinigt hatte, dass ich mit dem DDR-Geheimdienst nie etwas am Hut gehabt hatte. Wer verfügte schon über solche Kronzeugen?

Aber damit erschöpften sich die Querelen von Innsbruck nicht. Als wir ein Jahr vor den Spielen Innsbruck besuchten, fiel den Bobtrainern ein Landhaus ins Auge, das sich unweit des Ziels als ideale Unterkunft erwies. Ich machte mich auf den Weg und suchte nach dem Besitzer des Häuschens, den ich auch bald fand und der sich als Besitzer eines Ladens für Küchengeräte erwies. Das Angebot, sein Haus für die Dauer der Spiele zu mieten, akzeptierte er sofort. Wir schlossen einen Vertrag und so mussten die DDR-Bobfahrer die Freizeit nicht in den kalten Hütten am Start verbringen, sondern aalten sich in den Betten des Ladenbesitzers. Kurz bevor die Spiele begannen, „entdeckten“ die Österreicher das Haus als ideale Unterkunft, erfuhren aber vom Besitzer, dass die DDR es schon ein Jahr zuvor gemietet hatte. Wutschnaubend nahmen sie das zur Kenntnis und „rächten“ sich in der Finalnacht, in dem sie die im Schuppen gestapelten Kohlen ringsum im Schnee verstreuten und wir in der Nacht noch die Kohlen einsammeln mussten. Der Ladenbesitzer wurde schon vorher als „Landesverräter“ beschimpft und, um ihn vor Ärger zu bewahren, reservierte man ihm eine FDGB-Ferienwohnung in der DDR, in die er auch mit seiner Frau zog. Fußnote: Nicht alle Medaillen errang die DDR durch „Pillen“.

Wäre noch anzumerken, dass die DDR-Athleten in Innsbruck zum zweiten Mal den zweiten Rang in der Medaillenwertung belegten. Sie erkämpfte sieben Goldmedaillen, die USA drei, die BRD zwei …


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Leserbrief zu »Innsbruck statt Denver – Olympia 1976«, UZ vom 29. Januar 2016





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