Legat im Dschungel

Missbrauch, Autos und biografische Illusionen
Von Michael Böse
|    Ausgabe vom 29. Januar 2016

Einer der zurzeit prominentesten Ex-Profifußballer ist sicher der gebürtige Bochumer Thorsten Legat. Während seine sportlichen Erfolge nicht gerade das Prädikat „Weltfußballer“ verdienen, ist er dem Publikum v. a. durch lustige Zitate („unsere Chancen stehen 70:50“) und Auftritte in einer Handvoll Fernsehshows (u. a. Promiboxen und Dschungelcamp) bekannt. Der Autor hat einen Blick in die Biografie des Mannes aus schwierigen Verhältnissen geworfen und derzeit wieder durch die Boulevardmedien gejagt wird. Wie wird man so? Das ist die Frage, die Legat mit seinem Buch ausdrücklich beantworten möchte.

Die Biografie, die Legat mit dem ehemaligen Kicker-Redakteur Hubert Meyer verfasst hat, ist über weite Strecken grausam geschrieben - mag ein derartiger Schreibstil auch als authentisch und unverfälscht gelten. Schon der Titel ist eine schlechte Anspielung auf Legats Ruf als Klopper und zugleich die Zusammenfassung der von Legat aufgemachten selbsterfüllenden Prophezeiung: „Wenn das Leben foul spielt“. Auf dem Klappentext schreibt er, er „möchte den Leuten erklären, warum ich so geworden bin, wie ich heute bin.“ Die Antwort gibt er gleich darauf: „Ich wollte mich wehren können gegen Übergriffe, wie ich sie durch meinen Vater erleiden musste.“ Diese Erklärung, die man auch so hätte stehen lassen können, wird dann auf über 200 Seiten mit Details gefüttert: Legat und seine Familie wurden lange Zeit vom Vater sexuell missbraucht und verprügelt. Die Kapitel, in denen das alltägliche Zusammenleben mit dem gewalttägigen Alkoholiker und die psychischen Auswirkungen auf Thorsten Legat und sein Leben beschrieben werden, sind dann auch viel spannender als die Berichte aus seiner Profizeit. Zwar haben diese Kapitel genauso furchtbare Titel wie die späteren über sein (Ex-)Profileben („Drogen und Fitness“, „Ich bin ein totaler Autofreak“), allerdings sind die Schilderungen der Jugendzeit tatsächlich ein unter die Haut gehender Bericht über häusliche Gewalt.

Leider liegt genau hier der Hund begraben. Weil Legat zu Beginn des Buchs eben diese Erfahrungen schildert und alle späteren Entscheidungen und Erlebnisse seines Lebens aus diesen Erfahrungen ableitet, unterliegt und schürt Legat das, was Pierre Bourdieu die „biografische Illusion“ nennt: die Neigung, sich „zum Ideologen seines eigenen Lebens zu machen, dass man im Dienste einer allgemeinen Intention gewisse […] Ereignisse auswählt und zwischen ihnen eigene Beziehungen stiftet“, um letztlich eine künstliche „Kreation von Sinn“ zu schaffen.

Keine Frage, Erfahrungen wie jene, die Legat als Kind und Jugendlicher mit seinem Vater machte, beeinflussen einen das ganze Leben lang. Allerdings wird fast jeder Charakterzug, jede einzelne von Legat geschilderte Handlung mit diesen Erfahrungen erklärt. So wird das Anliegen beschädigt, Verständnis für Legat zu wecken, „der unter einer kaum vorstellbaren Hypothek leidet, die er sein ganzes Leben wie einen schwerbepackten Rucksack mit sich herumschleppt.“ Es drängt sich der Eindruck auf, Legat nutze die schrecklichen Erfahrungen während seines Heranwachsens, um spätere, eigene Fehler damit zu entschuldigen. So kann vielleicht vieles erklärt werden, aber eben nicht alles. Es hätte dem von Legat erklärten Interesse des Buchs geholfen bzw. würde dabei helfen, den Ex-Profi ernster zu nehmen, wenn er nicht in dem einen Moment das geprügelte, gebrannte Kind geben würde, um dann, eine Lesestunde später, Dinge zu lesen wie: „Ich schob schon genug Frust wegen meines erzwungenen Abschieds vom Profifußball. Nun erlebte ich auch noch den absoluten Tiefpunkt meines Autofahrer-Daseins.“ – so schildert er den Kauf eines VW Beetles.

So bleibt der Verdacht, Legat möchte mit seiner Biografie genauso wie mit seinen TV-Auftritten v. a. Gesprächsthema bleiben und weiter die Beachtung bekommen, die man mit dem Ende der Profikarriere in der Regel verliert.


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Leserbrief zu »Legat im Dschungel«, UZ vom 29. Januar 2016





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