Kampf dem imperialistischen Krieg

Aus der Gruppe „Internationale“ entstand vor 100 Jahren der „Spartakusbund“
Von Nina Hager
|    Ausgabe vom 29. Januar 2016

Der Krieg dauerte schon fast eineinhalb Jahre. Einundeinhalb Jahre hatten die Kriegsgegner in der Linken auch in Deutschland versucht, Kräfte zu sammeln, Überzeugungsarbeit zu leisten.

Am 1. Januar 1916 fand in Berlin nach längerer Vorbereitung eine wichtige Reichskonferenz der Gruppe „Internationale“ unter illegalen Bedingungen statt. Die Vorsicht der Beteiligten war berechtigt. Karl Liebknecht – zu diesem Zeitpunkt noch Abgeordneter der SPD-Fraktion im Deutschen Reichstag – durfte als Armierungssoldat laut Militärgesetzgebung nicht an politischen Treffen teilnehmen. Über die Zusammenkunft schrieb Käthe Duncker einen Tag später an ihren Mann Hermann: „Gestern war eine größere Familienbesprechung zusammen mit Onkel Franz und Karl. Es handelt sich um die Ordnung des Nachlasses von Tante Rosa, da waren natürlich auch die Verwandten aus den übrigen Orten gekommen, aus Stuttgart, Frankfurt, Leipzig, Dresden, Chemnitz, Jena, Erfurt, Braunschweig, Düsseldorf, Bremen u. Harnburg.“ An der Zusammenkunft nahmen neben Käthe Duncker Karl Liebknecht, Franz Mehring, Hugo Eberlein, Ernst Meyer und Wilhelm ­Pieck aus Berlin, Johann Knauf aus Bremen, Rudolf Lindau aus Hamburg, Carl Minster aus Duisburg, Fritz Rück aus Stuttgart, Otto Rühle aus Dresden, Georg Schumann aus Leipzig, August Thalheimer aus Braunschweig, Berta Thalheimer aus Cannstatt teil. Clara Zetkin war wegen Krankheit verhindert, Rosa Luxemburg saß im Gefängnis.

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Über die Debatte auf dieser Konferenz ist nur wenig bekannt. Doch vor allem von den Bremer und Hamburger Linksradikalen gab es Kritik an vorgelegten Leitsätzen: Sie forderten eine klare Strategie zur schnellen Trennung von den rechten und zentristischen Kräften in der deutschen Arbeiterbewegung. Anderen, die sich später zu den Leitsätzen äußerten, fehlte noch ein klareres Aktionsprogramm.

Der SPD-Parteivorstand verkündete am 25. Juli 1914 – wenige Tag vor Kriegsausbruch und noch ganz im Sinne der Antikriegsbeschlüsse der Internationalen Sozialistenkongresse in Stuttgart (1907) und Basel (1912) – noch im „Vorwärts“: „Gefahr ist im Verzuge. Der Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die euch in Frieden knechten, verachten, ausnutzen, wollen euch als Kanonenfutter missbrauchen. Überall muss den Machthabern in den Ohren klingen: Wir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Kriege! Es lebe die internationale Völkerverbrüderung!“

Und dann? Am 4. August stimmte die SPD-Reichstagsfraktion trotz vieler Bedenken und großer Ablehnung in den eigenen Reihen für die Bewilligung der Kriegskredite (Liebknecht und 13 weitere Abgeordnete hatten sich entschieden gegen diesen Schritt ausgesprochen). Wie Karl Liebknecht in seinen 1916 verfassten „Betrachtungen und Erinnerungen aus ‚großer Zeit’“ über den 4. August 1914 über die Lage der Minderheit in der Fraktion schrieb, kam der Abfall der Fraktionsmehrheit für die Minderheit überraschend, „die Atomisierung des bisher radikalen Flügels nicht minder.“ (Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 2, S. 432) Es galt Fraktionsdisziplin, der selbst der „radikale Flügel“ folgte. Ein Minderheitenvotum war offenbar einem Teil der vermeintlichen Parteilinken in der Fraktion nicht vermittelbar. Es brauchte Zeit für Einsichten und Entscheidungen.

Doch es galt, die Möglichkeiten zu nutzen, um möglichst viele Antikriegskräfte in der eigenen Partei zu stärken und zum entschiedenen weiteren Widerstand gegen den Krieg und die eigene rechte Führung zu ermutigen: Bei der zweiten Sitzung des Reichstags zu den Kriegskrediten stimmte bekanntlich Karl Liebknecht als Einziger gegen deren Bewilligung. Und er erhielt viel Zustimmung aus der eigenen Partei, in der es in jenen Monaten zur Herausbildung oppositioneller Gruppen kam. Otto Rühle schloss sich ihm am 20. März 1915 bei der dritten Sitzung des Reichstags zu den Kriegskrediten an. Im weiteren Verlauf des Krieges nahm die Anzahl der sich auch öffentlich gegen den Krieg aussprechenden SPD-Mitglieder zu.

Im März 1915 (nach einigen Quellen im August 1914, aber noch ohne Liebknecht) entstand die Gruppe „Internationale“ um Rosa Luxemburg (und Liebknecht) – zunächst als lose Verbindung der marxistischen Internationalisten und Antikriegsgegner. Sie gab die Zeitschrift gleichen Namens heraus. Liebknecht wurde an die Front einberufen, obwohl er eigentlich als Reichstagsabgeordneter politische Immunität genoss. Doch er ließ sich auch im Weiteren nicht einschüchtern und setzte auch im Reichstag seinen Kampf fort.

Am 12. Januar 1916 schloss die SPD-Reichstagsfraktion 20 ihrer Abgeordneten, die im Dezember 1915 gegen weitere Kriegskredite gestimmt hatten, aus ihren Reihen aus – darunter auch Karl Liebknecht. Die Parteirechte wollte die Spaltung. Und die Parteiopposition war darauf nicht eingestellt.

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Der Krieg, das zunehmende Elend, die Zuspitzung der Klassenauseinandersetzungen im Land und die Notwendigkeit nicht nur mit der rechten Sozialdemokratie und zentristischen sozialdemokratischen Kräften die Auseinandersetzung zu führen, sondern auch in der zersplitterten linken Antikriegsopposition im Land, forderten Ende 1915 zunehmend eine Klärung. Es war schwierig, ein entsprechendes Treffen der Gruppe „Internationale“ zu organisieren, weil die Organisatoren fehlten. Erschwerend wirkte auch das Wirken ultralinker Kräfte. Offensichtlich gab es in der marxistischen deutschen Linken auch noch Illusionen über die Möglichkeiten, die schwankenden zentristischen Kräfte in der SPD für ein gemeinsames Vorgehen zu gewinnen. Andererseits: Hätte die marxistische Linke die bestehenden Möglichkeiten nicht genutzt, was wäre dann geschehen?

Die Januarkonferenz der Gruppe „Internationale“ befasste sich jedoch nicht nur mit den eingangs erwähnten Leitsätzen. Die Zusammenkunft diente zugleich der Berichterstattung über den Stand der Arbeit. In ihrem Brief an Hermann Duncker schrieb Käthe Duncker, dass die Nachrichten eigentlich überall erfreulich wären, „besonders aus Dresden, Frankfurt u. Rheinland. Aus Leipzig u. Chemnitz erfuhren wir allerdings nicht viel Gutes.“ Bei den Berichten und der lebhaften Diskussion über die Agitation unter den Massen und insbesondere über die Straßendemonstrationen und Streiks habe Karl Liebknecht nach allen Einzelheiten gefragt und wiederholt gemahnt, die Jugend und die Frauen in die Aktionen und die revolutionäre Kleinarbeit einzubeziehen.(Heinz Wohlgemut, Die Entstehung der Kommunistischen Partei Deutschlands, S. 143)

Weiterhin wurde die Herausgabe eines eigenen Mitteilungsblattes beraten, das der Aufklärung, Mobilisierung und Organisierung der Massen zum Kampf gegen den Krieg dienen sollte. Diese Aufgabe übernahmen die „Politischen Briefe“, die seit der Reichskonferenz im Januar 1916 regelmäßig erschienen und mit „Spartacus“ unterzeichnet waren. Der erste Brief dieser Art wurde am 27. Januar 1916 veröffentlicht. Karl Liebknecht analysierte die Reichstagssitzung vom 21. Dezember 1915, auf der erstmals 20 Mitglieder der SPD-Reichstagsfraktion gegen die Kriegskredite gestimmt hatten. Ab 20. September 1916 konnten die „Spartakusbriefe“ – so wurden sie fortan genannt – gedruckt erscheinen.

Die Reichskonferenz der Gruppe „Internationale“ am 1. Januar 1916 war von großer historischer Bedeutung: Mit Recht wird der 1. Januar 1916 die Geburtsstunde des Spartakusbundes, des Vorläufers der Kommunistischen Partei Deutschlands, genannt.

Nach der Reichskonferenz der Gruppe „Internationale“, die nach den Spartakusbriefen bald den Namen Spartakusgruppe erhielt, nahm die Antikriegsarbeit der revolutionären Marxisten noch entschiedenere Formen an.

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Es ist hochinteressant, was man heute daraus lernen könnte. Eigentlich. Wenn man es denn will.

Meines Erachtens gehören dazu die Geduld und der Mut, die zunächst Karl Liebknecht und die anderen MarxistInnen in der deutschen Sozialdemokratie aufbrachten, um möglichst viele Mitglieder der Partei zum marxistisch orientierten Erfurter Programm der SPD und eindeutigen Antikriegspositionen zurückzuführen bzw. zu mobilisieren. Und dazu nahmen sie vieles in Kauf.

Und sie haben versucht, alle Möglichkeiten zu nutzen – trotz all der unabdingbaren Auseinandersetzungen mit Rechten und Zentristen, trotz der Auseinandersetzung mit ultralinken Positionen in der eigenen Partei und im Umfeld, trotz letztlich auch nötigen Grenzziehungen, um die Linken unterschiedlicher Orientierungen im Kampf gegen den Krieg zu einen und möglichst viele Parteimitglieder für diese Politik und den gemeinsamen Kampf zu gewinnen. Warum sollten wir heute – auch international – eigentlich anders handeln?

Die Brücken in der eigenen Partei wurden erst dann abgebrochen – zunächst über die USPD (die als Antikriegspartei und Abspaltung von der SPD im April 1917 entstand) –, als keinerlei Verständigung mehr möglich war.

Quellen unter anderem:Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd, 2, Berlin 1966
Heinz Wohlgemuth,: Die Entstehung der Kommunistischen Partei Deutschlands. 1914 bis 1918. Überblick, Berlin 1968


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Leserbrief zu »Kampf dem imperialistischen Krieg«, UZ vom 29. Januar 2016





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