Fliegende Litfaßsäulen

Beobachtungen bei der Skiflugweltmeisterschaft
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 22. Januar 2016
Der nicht mehr aktive deutsche Skispringer Martin Schmitt wurde als Mann mit dem Schokoladenhelm berühmt. (Foto: Alexander Nilssen; Attribution-Share Alike 2.0 Generic; CC BY-SA 2)
Der nicht mehr aktive deutsche Skispringer Martin Schmitt wurde als Mann mit dem Schokoladenhelm berühmt. (Foto: Alexander Nilssen; Attribution-Share Alike 2.0 Generic; CC BY-SA 2)

Viele Sportfans dürften die Skiflugweltmeisterschaft in Mitterndorf verfolgt und sich vielleicht auch mit den deutschen Springern über die Silbermedaille in der Mannschaftswertung gefreut haben. Und sicher auch am Vortag dem slowenischen Skiflugweltmeister Peter Prevc zugejubelt haben, der mit dem Schanzenrekord von 244 Metern den Titel geholt hatte. Dass er – oder sein Manager? – dafür 26 250 Euro kassierte, sollte man vielleicht erwähnen, um zu illustrieren, was so ein Titel heutzutage „wert“ ist. Die Springer auf den hinteren Rängen mussten darauf hoffen, dass ihr Rückflug schon bezahlt war und sich den Kopf zerbrechen, wer ihre nächste Reise bezahlt!

Wie unendlich zudem das Risiko ist, musste der 23-jährige Österreicher Lukas Müller erleben, der bei der Landung stürzte, sich zwei Halswirbel brach und für den Rest des Lebens querschnittgelähmt sein wird. Ihn sollte man bei all dem Trubel nicht vergessen, und wenn das auch vor allem eine moralische Geste ist, möchte ihm die UZ alles Gute für die Zukunft wünschen!

Doch der Wettstreit der Springer signalisierte in schockierender Weise auch die Dimension der Kommerzialisierung des Sports. Es sei in dieser Stunde daran erinnert, dass der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, der US-Amerikaner Avery Brundage, 1972 den österreichischen Skistar Karl Schranz disqualifiziert und von den Spielen ausgeschlossen hatte, weil er ein Trikot getragen hatte, das für eine Kaffeesorte warb. Der damalige österreichische Minister Sinowatz hatte die Welt aufgerufen, die Spiele zu boykottieren, doch reagierte niemand darauf.

Wenn ich das einem Zwanzigjährigen heute erzählen würde, würde er vermutlich ungläubig grinsen. Zwei Tage lang mühte ich mich vor dem Fernsehschirm bei den Skifliegern zu ermitteln für wie viele Firmen sie eigentlich warben. Es war ein mühsamer Job. Die Reklame auf dem Helm wechselte bei einigen, doch beließ ich es bei einer „eins“. Die nächste Werbung folgte auf dem Band, das die Brille hielt. Dann folgte die Startnummer, die ja eigentlich nur erkennen lassen soll, wer da von der Schanze kommt. Am Sonnabend warb eine große Bank mit Buchstaben, die der Größe der Startnummer etwa entsprach. Eine zweite Werbung hielt ich für zulässig: „Salzkammergut“, die darunter kam. Schultern und Ärmel erhöhten die Zahl der Werbeanzeigen auf vier – summarum sieben – und schließlich war auch noch ein Aufnäher auf der Hose zu finden. Am nächsten Tag waren die Startnummern umgenäht: Eine Versicherungsgesellschaft – die Werbung behauptete, sie sei Österreichs größte – benutzte die Springer als Litfaßsäule.

Die Springer wären aber ja nie ohne ihre Skier gelandet, die im Schnitt drei – einige auch vier – Werbeslogans trugen, was deren Gesamtzahl auf ein Dutzend erhöhte.

Ich muss noch einmal an Brundage erinnern und an den Wandel, den der Sport seitdem vollzogen hat. Sein Nachfolger Samaranch ließ sich einfallen, dem Schranz, der ein brillanter und ehrenwerter Athlet war, 1988 eine nie zuvor und nie danach vergebene Goldplakette zu überreichen. Eine Art olympischer Wiedergutmachung, zu der ihn niemand ermächtigt hatte.

Fazit dieses Fazits der Skiflug-Weltmeisterschaft: Stellen wir einmal mehr fest, dass Sport ohne Finanziers nicht mehr denkbar und möglich ist. Wir werden nie erfahren, auf wessen Konten das Geld der in Mitterndorf auf den Startnummern werbenden Bank und der Versicherungsanstalt fließen, auch nicht, aus wessen Taschen es stammt. Der Unterschied zu den früheren Skiflugweltmeisterschaften besteht darin, dass deren Teilnehmer meist Talente waren, die kundige Trainer entdeckt hatten und die ohne Manager starten und auch siegen konnten.

Wenn‘s recht ist: Die Kapitalisierung des Sports hat die Zahl der Sieg­anwärter reduziert. Bei allem Spektakel geht es nicht mehr allein darum, wer der Beste ist, sondern wer den besten Finanzier hat. Schade drum!


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Leserbrief zu »Fliegende Litfaßsäulen«, UZ vom 22. Januar 2016





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