Ein Künstler ohne Lobby

Zum Tod von Karl Herrmann Roehricht
Von Rüdiger Bernhardt
|    Ausgabe vom 22. Januar 2016

Bereits am 27. Dezember 2015 starb der Schriftsteller und Maler Karl Herrmann Roehricht. Am 22. Januar 2016 wird er anonym beigesetzt; so hat er es bestimmt. – Es bleibt den Lebenden ein einmaliges künstlerisches Werk, das aus Romanen, Erzählungen, Kinderbüchern, Dramen, Gedichten, zahlreichen Bildern und Grafiken besteht, die eine Besonderheit in der Kunstlandschaft darstellen: Er hat in unnachahmlicher Weise die von ihm erlebte Wirklichkeit in verständliche und farbige Bilder gebracht, in der Malerei ebenso wie in der Literatur. Manche würden das Naivität nennen; ich halte Roehrichts Kunst für die ursprüngliche „naive“ Kunst, wie Schiller sie pries.

Die „Geradheit des Erzählens“ habe er bei Fallada gefunden, schrieb er einmal. Sein Schaffen galt ausnahmslos den schlichten und einfachen Menschen, die er in naturnahen Landschaften beobachtete. Mit Zuneigung und auch mit ein wenig Ironie sah er diese Welt schwinden, die er zeitlebens suchte und nur in Ansätzen und manchmal gefunden hat.

1991 erschien sein Band „Lebensläufe“, eine Autobiografie der besonderen Art, denn Roehricht spiegelte sein Leben in den Biografien anderer. Es gehörte zu seiner Bescheidenheit, aber auch zu seinem Stolz, zu sagen, „so war ich“. Der Kreis seiner Freunde und Bewunderer sowie der Kreis jener, die seine stille Kunst verstanden, blieben überschaubar. Den Mächtigen ging er aus dem Wege, auch den Machthungrigen; für die offenherzigen, geradlinigen Menschen hatte er einen besonderen Sinn und machte sie zu seinen Gestalten in Literatur und Malerei. Sein Credo war: „Ich habe immer die kleinen Leute geliebt.“ Er bestimmte sich als „Kleine-Leute-Poet“.

Bis 1998 war er fünfzehn Mal umgezogen, auch zwischen Ländern wechselnd, und hatte immer gehofft, in einem Zuhause anzukommen. Es gelang ihm nicht. Seine Offenheit war verdächtig, den Funktionären im Osten ebenso wie den Parteipolitikern im Westen. Besonders Bayern enttäuschte ihn maßlos. 1984 war er dahin aufgebrochen und hatte Haus und Atelier am Rande Berlins hinter sich gelassen; 2000 hatte er wieder angefangen zu malen, nachdem er heimgekehrt war an den Stadtrand von Berlin. Sein Atelier befand sich in einer ehemaligen Pathologie in Spandau. Er musste malen, auch wenn es das Augenlicht kaum mehr zuließ. Aber ohne zu malen und zu schreiben konnte er nicht leben. Und noch etwas hatte er erlebt, der sich als einen „freischwebenden Linken“ sah: Er hatte gehofft, irgendwo auf die oft verkündete „geistig-moralische Wende von 1983“ zu treffen und erkannte sie, wie er schrieb, endlich „als das, was sie ist: Das deutsche Andreotti-System“. Es war eine Enttäuschung mehr in seinem an Enttäuschungen reichen Leben.

Er wurde 1928 als Kind eines Konditors und einer Metallarbeiterin in Leipzig geboren. 1937 erlebte er an der Hand seines schlesischen Vaters Gerhart Hauptmann in dessen Garten in Agnetendorf; das vergaß er nicht. Nach Arbeitsdienst und amerikanischer Gefangenschaft war er seit 1945 in verschiedenen Berufen tätig – als Bauhilfsarbeiter und als Gebrauchswerber, auch erfolgreich als Puppenspieler –, studierte von 1951 bis 1958 Malerei in Berlin (West), weil ihn die Leipziger Kunsthochschule abgelehnt hatte. 1956 führte ihn das Stresemann-Stipendium an die Akademie von Palermo, er schrieb erste Gedichte. Gern bemerkte er, dass er eine Zangengeburt gewesen sei und nicht lebensfähig erschien; gerade dadurch sei er mit dem Leben zurechtgekommen ohne sich zu verbiegen und habe vor allem seinen Humor entwickelt. Der war nicht nur bemerkenswert, sondern ausgesprochen geistreich und wohltuend, geschult an Villon und an Berliner Originalen. 1981 stellte er einen Ausreiseantrag aus der DDR, der 1984 genehmigt wurde. Er siedelte nach Bayern um und kehrte 1998 enttäuscht und verbittert nach Berlin zurück.

Zwölf Bücher hat er veröffentlicht, meist wurden sie von ihm auch illus­triert. 1979 bekam er den Kunstpreis der DDR. Seine Bilder hängen bei Prominenten, aber auch bei den einfachen Menschen und in öffentlichen Einrichtungen. Tafelbilder nahmen die Galerien in Dresden, Schwerin, Halle (S.), Regensburg, Frankfurt, Eisenhüttenstadt u. a. auf. Sein Werk wurde nie von aufdringlicher Selbstinszenierung begleitet, er sprach niemanden nach dem Munde. So entstand keine Lobby für sein umfangreiches Werk. Er war stolz, wenn er in einem Krankenhaus – 2000 in Berlin-Spandau – eine Ausstellung bekam: Den Kranken Freude zu verschaffen beim Anblick seiner farbenprächtiger Natur, in der sich Menschen ohne die Attribute der großen Welt bewegten, oft mit freundlicher Ironie versehen. Er hatte auch andere Ausstellungen, eine vielbeachtete 2004 auf der Burg Beeskow, 2009 in Eisenhüttenstadt-Fürstenberg (Oder) und anderen Orten.

Er sah sich in großen Traditionen, die vom großbürgerlichen Thomas Mann bis zum Bohemien Peter Hille reichen, von der Romantik über Arnold Böcklins „Toteninsel“ bis zur italienischen und niederländischen Tafelmalerei und den Naiven. Auf seinen Bildern werden Menschen klein unter großen Himmeln; Repräsentanten der Vergangenheit, beispielsweise Windmühlen, verfallen, und hinter schönen Landschaften stehen Ruinen. In seinen Erzählungen und Romanen ist die „Vorstadtkindheit“ gefragt, so der Titel des ersten Bandes seiner erfolgreichen Trilogie, nicht das Villenviertel. Diese Sicht machte ihn zum großen Künstler und zum bedeutenden Schriftsteller; aber er bezahlte seine Unabhängigkeit mit einem Platz zwischen allen Stühlen. Er wusste es und wollte es nicht ändern, der „Außenseiter auf der Rutsche nach unten (auch in die Erde)“. Dort ist er jetzt angekommen; es bleibt uns die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Künstler und es bleibt seine Kunst.


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Leserbrief zu »Ein Künstler ohne Lobby«, UZ vom 22. Januar 2016





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