Tickende Zeitbombe

Belgische Schrottreaktoren wieder am Netz. Aachen verteilt Jodtabletten
Von bm
|    Ausgabe vom 22. Januar 2016

Die belgischen Atommeiler Tihange und Doel verunsichern im deutsch-belgischen Grenzraum die Bewohner. Nachdem die Reaktoren wegen zahlreicher Mängel und Störfälle monatelang stillgelegt waren, sind sie vor zwei Wochen wieder ans Netz gegangen – ohne dass die Mängel beseitigt wurden. Im grenznahen Aachen bereitet man sich derweil schon auf eine Katastrophe vor.

Zwei der sieben Reaktorblöcke an den beiden Standorten mussten schon 2012 und 2013 eine Zeitlang stillgelegt werden. Ultraschalluntersuchungen hatten ergeben, dass tief im Stahl der Reaktordruckbehälter mysteriöse Materialfehler entstanden waren. Dennoch genehmigte die belgische Atomaufsicht „Federaal Agentschap voor Nucleaire Controle“ (FANC) im Sommer 2014 das Wiederanfahren der Meiler.

Nach neueren Untersuchungen stieg nun die Zahl nachgewiesener Risse, die sich in unregelmäßigen Gruppen im Stahl verteilen, auf über 16 000 an. Die FANC verfügte daraufhin die erneute Abschaltung und setzte eine internationale Expertenkommission ein. Kurz vor Weihnachten gingen die Reaktoren nach nunmehr fast 21 Monaten Stillstand wieder ans Netz, aber die Probleme waren keineswegs behoben – ganz im Gegenteil: In einem Reaktor kam es zur automatischen Schnellabschaltung aufgrund eines Feuers, bei einem anderen leckte eine Heißwasserleitung, und am 4. Januar wurde das Wiederanfahren des Blocks Doel-3 wegen eines Defekts wieder verschoben.

Seit dem 6. Januar sind nun alle sieben Reaktoren in Belgien wieder am Netz. Die 16 000 Risse seien zu 99,75 Prozent harmlos, begründete laut Welt Online (11.1.2016) die FANC die ausgestellte Betriebsgenehmigung: Die Bruchfestigkeit des Behälters, in dem die nukleare Kettenreaktion abläuft, sei „nur leicht reduziert“ und liege immer noch eineinhalbfach über dem vorgeschriebenen Grenzwert.

Beruhigt sind die Bewohner auf der deutschen Seite deshalb allerdings nicht. Die Stadtverwaltung von Aachen ließ ihren Krisenstab im Dezember umgehend einen atomaren Ernstfall durchspielen, nachdem der belgische Betreiber Electrabel den Neustart in Tihange angekündigt hatte. Die Reaktoren liegen nur etwa 60 Kilometer von der Grenze entfernt und im Falle eines Ernstfalls wären auch das Rheinland und die Region Aachen-Düren betroffen. Einer Studie der Universität für Bodenkultur in Wien zufolge müsste in so einem Fall etwa Aachen damit rechnen, zum „langfristig unbewohnbaren Gebiet“ erklärt zu werden. Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) will rund 300 000 Jod-Tabletten vorsorglich an Schulen und Kindergärten verteilen lassen, da ihre Einnahme in gewissem Maße gegen die Aufnahme radioaktiver Isotope schützt.

Kritik kam aber nicht nur von deutscher Seite. Tom de Meester, Energiespezialist der belgischen PVDA (Partei der Arbeit) fand in einem Interview vom 28. Dezember klare Worte. „Wir sind nicht in der Lage, für Sicherheit zu sorgen“, kommentierte er die Pannenserie. Zumindest die Blöcke Doel 1 und 2 seien für den Betrieb von 30 Jahren konstruiert worden, inzwischen liefen sie aber schon über 40 Jahre. Wenn es zu einem GAU komme, müssten allein auf belgischer Seite etwa 900 000 Menschen evakuiert werden und der wirtschaftliche Schaden beliefe sich auf 1 400 Milliarden Euro. Dass die Regierung die Laufzeiten weiter verlängert habe, sei ein Skandal. So habe es weder eine Umweltverträglichkeitsprüfung gegeben noch eine parlamentarische Debatte. Die Entscheidung sei allein in den Salons der Macht, hinter verschlossen Türen getroffen worden.


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Leserbrief zu »Tickende Zeitbombe«, UZ vom 22. Januar 2016





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