Meine progressive Woche

Vom 2. bis 8. Januar
Von Adi Reiher
|    Ausgabe vom 15. Januar 2016

Dienstag
Na, jetzt aber. Irland wird zum Musterland. Jahrelang waren die Worte Krise und Irland eins. Inzwischen ist das Land die am schnellsten wachsende Wirtschaftsnation der Euro-Zone – und der Staatshaushalt ist nahezu ausgeglichen. Möglich gemacht hat das der Euro-Rettungsschirm. Wie?

Ganz einfach: Alles was nicht schnell genug auf den Bäumen war, wurde privatisiert; die Sozialsysteme zerschlagen; und die Wirtschaftsleistung so weit heruntergefahren, dass jede Kerze, die in Dublins St.Patrick-Kathedrale aufgestellt wird, beim Bruttoinlandsprodukt im Prozentbereich zu Buche schlägt. Genauso wie das Hundefutter, das die Armen essen, um nicht zu verhungern.

Mittwoch
Über 30 000 Menschen sterben in den USA jährlich durch Schusswaffen – übertroffen nur noch vom Straßenverkehr. Experten rechnen allerdings damit, dass die Zahl der Schusswaffenopfer die Zahl der Verkehrstoten in den nächsten Jahren übersteigen wird. Daran ändern auch die Tränen nichts, die Präsident Obama heute vergießt, als er sein Maßnahmenpaket gegen Schusswaffengebrauch vorstellt.

Nach einhelliger Meinung werden die halbherzigen Schritte Obamas nichts verhindern, manche sagen sogar, das Aufschrecken der Waffenlobby führe zu noch mehr Schusswaffen und noch mehr Toten. Das ist gut möglich in einer Gesellschaft, in der Gewalt auf allen Ebenen der Gesellschaft propagiert und praktiziert wird. Als Obama in seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf „Yes, we can“ rief, hat das auch hierzulande viele mit Hoffnung erfüllt. Am Ende seiner zweiten Amtszeit hinterlässt er, was das US-Militär so gern jenseits der US-Grenzen ausmacht, bevor die Bomber fliegen – einen gescheiterten Staat.

Donnerstag
Da weiß man doch gleich, was die „Dienste“ wert sind. Messerscharf analysiert der Bundesnachrichtendienst, dass die Terrorgefahr heute größer ist als 2001. Grob gesprochen kann das jedes Schulkind in den USA, jeder Konzertbesucher in Paris, jeder Londoner U-Bahnfahrer oder jedes Opfer der Meinungsschlacht in den „zivilisierten“ Ländern bestätigen – ganz ohne Analyse.

Im Detail „analysiert“ der BND weiter, dass der Islamische Staat und Al Quaida mehr Territorium beherrschen als je zuvor, dass der IS in 20 Staaten präsent und der Salafismus ein „gesellschaftliches Breitenphänomen“ ist. Nur die Hauptursache des anwachsenden „Terrors“ findet man in der Analyse nicht, den vor knapp 15 Jahren erklärten „Krieg gegen den Terror“, mit dem die „zivilisierten“ Staaten jeden überziehen, der ihren strategischen Zielen entgegensteht, natürlich nicht, ohne das Opfer vorher zum Terroristen erklärt zu haben – soviel immerhin ist vom Völkerrecht übrig geblieben. Wenn man schon nicht zivilisiert ist, weiß man doch, was sich gehört.


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Leserbrief zu »Meine progressive Woche«, UZ vom 15. Januar 2016





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