Hipster gibt es nicht

… und wenn doch, dann sind sie gasförmig
Von Friedhelm Vermeulen
|    Ausgabe vom 15. Januar 2016

Philipp Ikrath
Die Hipster
Trendsetter und Neo-Spießer
Promedia Verlag
208 Seiten, 17,90 Euro

16 bis 30 Jahre alt, männlich, Vollbart, mit einem Jutebeutel über der Schulter, so wird das Äußere des Hipster meist beschrieben. Mit diesem Erscheinungsbild beginnt auch der „Jugendforscher“ Philipp Ikrath in seinem Buch „Die Hipster – Trendsetter und Neo-Spießer“. Nun kenne ich Hipster auch nur als Gegenstand von „Hipster Bashing“ im feulletonistischen Teil der sogenannten Sozialen Medien, also aus verschiedenen Variationen des Sich-Lustig-Machens über vermeintliches Aussehen, Verhaltensweisen und Doppel- oder Amoral hipper Großstadtbewohner. Entsprechend ratlos stand ich also vor ein paar Monaten der Aussage meines Spanischlehrers gegenüber, als er behauptete, ich sähe aus wie einer.

Was ist überhaupt ein Hipster? Angesichts mangelnder Erfahrung greife ich zur einzigen seriös erscheinenden Publikation. „Die Hipster“ ist bemüht um eine „differenzierte Auseinandersetzung“. Autor Ikrath hinterfragt nicht nur den allseits beliebten Hohn und Spott, der Hipstern vor allem im Netz, aber auch in gutbürgerlichen Zeitungen entgegenschlägt, sondern stellt sogar in Frage, ob es Hipster überhaupt gibt – eine mutige These für einen Autor, der ein immerhin 200 Seiten umfassendes Buch zum Thema vorgelegt hat.

Doch die Frage ist berechtigt, gibt es doch keinen Verein und keine Subkultur, die sich zum Hipstertum bekennt. Auch Individuen outeten sich nicht als Hipster; und wenn, so Ikrath, dann sei das wohl ironisch gemeint.

Doch der Hipster hat eine Basis, und zwar eine ökonomische. Ikrath beschreibt den Hipster als kreativen, qualifizierten und flexiblen Menschen – alles zunächst im Sinne der „employalbility“, also der Verwertbarkeit im Sinne von Unternehmen – für den der Arbeitsmarkt nur prekäre, befristete und gemessen an der Ausbildung relativ schlecht bezahlte Jobs bereit hält. Der Hipster arbeite in der Kreativwirtschaft, wobei er eher zur Vermittlung, Kombination und somit Verwertung von Kunst (z. B. in der Werbeindustrie) beiträgt, Künstler ist er nicht.

Der Hipster versucht sich diese Verhältnisse zu eigen zu machen, ist Opfer und Täter zugleich. Interessant ist in diesem Zusammenhang Ikraths Feststellung, dass der Hipster in den Großstädten als Mieter zwar alte Sozialstrukturen zerstört, indem er relativ hohe Mieten zahlen kann und so Altmieter in sozial schwachen Stadtteilen verdrängt, er nach der sozialen Aufwertung dieser Stadtteile aber selbst zum Verdrängten wird und weiterzieht.

Auch sein Konsumverhalten ist speziell. Einerseits kann der Hipster sich die wirklich teuren Statussymbole der Oberschicht nicht leisten, andererseits trägt er allerhand Auffälliges zur Schau – vom Einrad bis zu mit abstrusen Motiven bedruckten T-Shirts. Dabei kommt es laut Ikrath darauf an, den dank Internet vorhandenen Informationsvorsprung vor anderen modisch sichtbar zu machen und möglichst „frei“ zu kombinieren. Diese Freiheit im Erwerb oder der Gestaltung von Konsumgegenständen ist weitgehend unabhängig davon, ob damit etwas bestimmtes ausgesagt werden soll. Frei nach der Zeile aus dem Song „Teil des Plans“ von „Kettcar“: „Die Bedeutung zahlt hier immer der Empfänger“.

Das alles ist Ausdruck des „gasförmigen Ichs“ – wie Ikrath es angelehnt an die Marxsche Formulierung, der Kapitalismus verdampfe alles Stehende und Ständische, ausdrückt. Es lässt beim Hipster keine stabile politische Haltung zu. Der Hipster hat keine Wurzeln, kein gewachsenes lokales Umfeld, keine „Sozialisation“. Er ist ahistorisch auch gegenüber seinen eigenen Vorläufern. Daraus ergebe sich eine Indifferenz bis Ablehnung gegenüber Einstellungen, die sich aus der Vergangenheit speisen oder auf die Zukunft beziehen. Politisches Handeln oder gar Widerstand seien dem Hipster zwar möglich, aber eher thematisch begrenzt, auf bestimmte Vorfälle und auf die Gegenwart bezogen.

Der Vorwurf – wieder dem feuilletonistischen Teil der Sozialen Medien entnommen – der Hipster zersetze mit seiner ätzenden Haltung und seiner vermeintlich ziellosen Ironie den gesellschaftlichen Zusammenhalt, trifft laut Ikrath nicht den Hipster, sondern die ihn hervorbringende Gesellschaft selbst. Zumal die häufig gescholtene apolitische Haltung des Hipsters nun wirklich nicht seine Besonderheit gegenüber anderen darstellt.

Es gibt ihn also, den Hipster, und die Gesellschaft, die ihn hervorgebracht hat.

Philipp Ikrath
Die Hipster
Trendsetter und Neo-Spießer
Promedia Verlag
208 Seiten, 17,90 Euro


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Leserbrief zu »Hipster gibt es nicht«, UZ vom 15. Januar 2016





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