Schamlos …

Die Kommerzialisierung Olympias nach 1981
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 8. Januar 2016
Als IOC-Präsident öffnete Juan Antonio Samaranch den internationalen Konzernen die attraktiven Pfründe Olympias. (West-)Deutsche Sportfunktionäre waren seine treuen Verbündeten. (Foto: Darz Mol~commonswiki)
Als IOC-Präsident öffnete Juan Antonio Samaranch den internationalen Konzernen die attraktiven Pfründe Olympias. (West-)Deutsche Sportfunktionäre waren seine treuen Verbündeten. (Foto: Darz Mol~commonswiki)

Vor fünf Jahren feierte man in der BRD noch den Jahrestag der „Umwandlung“ der Olympischen Spiele. Ob IOC-Präsident Thomas Bach (BRD) im beginnenden Jahr 2016 den 35. Jahrestag jenes unseligen Kongresses in Baden-Baden zu feiern gedenkt, ist schwer vorauszusagen. Im Jahreskalender des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) fand ich jedenfalls keinen Termin, der das ahnen ließ. Wen der Begriff „Umwandlung“ stören sollte, mag einen anderen wählen, doch kein Begriff kann etwas daran ändern, dass die Spiele seit dem Kongress 1981 radikal kommerzialisiert wurden. Der DOSB hatte 2011 (27. 9.) den Wandel so beschrieben: „Baden-Baden veränderte 1981 die Sportwelt. Vor 30 Jahren überschritt der Sport in Baden-Baden die Schwelle vom Amateur- ins Profizeitalter. Bei einer Feier am Mittwoch auf Einladung des DOSB wird die historische Dimension noch einmal deutlich. Wohl kein anderes Ereignis hat die Sportwelt seit den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit im Jahre 1896 so verändert wie die Botschaft des XI. Olympischen Kongresses 1981 in Baden-Baden. (…)“

Nach damaliger Sicht Bachs gab es vier entscheidende Schritte: „Die Abschaffung des Amateurparagrafen, der Beginn der Athleten-Mitarbeit im IOC bis hin zur Präsenz eines ihrer Vertreter in der IOC-Exekutive, die Abwehr des Versuchs einiger Länder, den Sport der Politik unterzuordnen, und den Kampf gegen Doping.“

Der Ordnung halber gilt festzustellen, dass der Schritt zu den Profis brutal vollzogen worden war, die anderen drei Bach-Schritte aber faktisch nie realisiert wurden: Jener Ex-Athlet im IOC hat noch keine belangvolle Entscheidung durchsetzen können, ob Bach mit seiner Kritik an der Politik die USA meinten, die den Boykott der Spiele in Moskau inszenierten, hat er nie mitgeteilt und der „Kampf“ gegen das Doping ist heute noch so aktuell wie damals.

So blieb als also nur der Schritt vom Amateur zum Profi und der hatte gravierende Folgen. Evi Simeoni schrieb in der „Frankfurter Allgemeinen“ schon 2011 (27. 9.): „Die Ideen von 1981 prägen bis heute das olympische Athletenbild – und öffneten dem Kommerz das Tor zu den Spielen. (…) Ein cleverer Schachzug des Katalanen“ (gemeint war Samaranch, d. Verf.), „gemeinsam mit Daume, dem Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland. Das ganze IOC verlor damit seinen Amateurstatus – heute hat es Rücklagen in Höhe von fast einer halben Milliarde Dollar auf dem Konto.“

Die „Welt“ hatte schon 2000 (2. 8.) vor den Spielen in Sydney geschrieben: „Die traurige Kunde erreichte die Olympische Bewegung am späten Montagabend. Tennisprofi Anna Kurnikowa ließ wissen, dass sie auf die Teilnahme an den Spielen in Sydney verzichten werde. Die Werbe-Ikone Kurnikowa (BH-Werbung: ‚Nur die Bälle sollten hüpfen‘) kalkulierte kühl: Das alle vier Jahre stattfindende Treffen passt nicht in die Turnierplanung. Mit ihrer Absage reihte die Nachwuchs-Diva Kurnikowa (19) sich in eine lange Liste prominenter Sportstars ein, die leichtfertig auf das Erlebnis Olympia pfeifen. Seit das Internationale Olympische Komitee sich mit der Abschaffung des Amateurparagraphen 1981 im großen Rahmen Profisportlern, kommerziellen Disziplinen und Sponsoren öffnete, gingen viele olympische Ideale zu Bruch. Nach Kräften hat IOC-Chef Juan Antonio Samaranch mit seiner Gefolgschaft das olympische Programm nach den wirtschaftlichen Interessen von Firmen und Fernsehen neu geordnet. (…) Als Baseball 1992 aufgenommen wurde, machte James Easton, (…) sein Vermögen als Sportgerätehersteller. Sein Aluminium-Betrieb florierte, weil die Baseballer ihre Bälle mit Alu-Schlägern zu bearbeiten pflegten. (…) Schamlos wird nach dem Verlust der Wertewelt rund um die Ringe nach einem ähnlichen Muster überall um Vorteile geschachert wie auf einem türkischen Basar.“

Eine Ausgabe der „UZ“ würde nicht reichen, all diejenigen aufzulisten, die heutzutage an Olympia verdienen und sollte irgendwann ein Staatsanwalt auf die Idee kommen, zu untersuchen, wer sich an den Spielen bereichert, müsste er als erstes ausreichend Kräfte einstellen, die ihm in den kommenden Jahren bei den Ermittlungen helfen. Deshalb sollten sich alle an Frieden und Freundschaft Interessierten um den Erhalt der Olympischen Spiele bemühen!


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Leserbrief zu »Schamlos …«, UZ vom 8. Januar 2016





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