Lehrer vieler Fotografen

Bilder waren das Wertvollste in Horst Sturms Leben
Von Gabriele Senft
|    Ausgabe vom 8. Januar 2016

„Backbord, Steuerbord, Mittschiffs – auf das Leben!“ Noch vor ein paar Tagen haben wir mit ihm angestoßen, unserem Käpt’n, wenn auch nur mit Apfelschorle, aber seine Augen leuchteten verschmitzt dabei. Wenige Tage später hat sein über 92-jähriges Herz aufgehört zu schlagen.

„Käpt’n“ – so wurde er von vielen seiner Schüler anerkennend genannt. Nicht nur, weil er das Wasser liebte. Er betreute sie neben seiner Tätigkeit als Reporter für die Agentur ADN fürsorglich und souverän auf dem Weg ins Fotografenleben. Sie erlernten von ihm Technik, aber vor allem, das Leben in all seiner Vielfalt zu schätzen und es mit der Kamera einzufangen.

Horst Sturm (13. 5 1923 – 23. 12. 2015)

Horst Sturm (13. 5 1923 – 23. 12. 2015)

( Gabriele Senft)

Dem 1923 in Geltow geborenen Horst Sturm schenkten seine in armen Verhältnissen lebenden Eltern zum 11. Geburtstag eine Box-Kamera. Sie wussten, dass sie ihm damit eine große Freude bereiteten, und sie waren auch sein erstes Motiv. Die Faszination des entwickelten Bildes hatte ihn damit für alle Zeit gepackt. Und es gelang ihm, das Hobby zum Beruf zu machen, er erlernte den Beruf eines Reprofotografen.

Der zweite Weltkrieg durchkreuzte zunächst seinen Lebensplan. Noch nicht einmal erwachsen, musste er schon in den Krieg. Bei der Marine gaben seine guten Augen den Ausschlag, dass er als Signalgast bei einer Minenräumdivision eingesetzt wurde. Sein politisches Bewusstsein entwickelte sich, als nach Ende des Krieges sein Schiff in der britischen Besatzungszone weiter unter der Nazifahne in See stechen sollte, sich die Mannschaft aber weigerte, noch einmal Bremerhaven für Hitlerdeutschland zu verlassen. Vor einem Kriegsgericht unter dem faschistischen Marinerichter Filbinger sollten alle zum Tode verurteilt werden, doch ein russisches Veto verringerte die Strafen und für Horst hieß das nun noch ein Jahr Haft. Diese Haftzeit verbüßte er, ehe er nach Berlin zurückkehrte.

Die noch vorhandene Kamera und Filme ermöglichten ihm, aus eigenem Antrieb ab 1949 in Berlin ihm wichtig erscheinende Ereignisse zu dokumentieren und der Zeitung anzubieten. Und da wurden Bilder von ihm veröffentlicht. Dieser Erfolg wies ihm den Weg zum Illus-Bilderdienst. Der Leiter Walter Heilig hatte seine Fotos in der Presse gesehen und hieß ihn als Fotoreporter willkommen. So war er einer der ersten Bildreporter und Zeitzeuge der Entwicklungen der DDR für den Illus-Bilderdienst, aus dem später Zentralbild, die Bildagentur von ADN, hervorging. Er war an Brennpunkten des Aufbaus dabei wie 1952 bei den ersten Ausschachtungsarbeiten für das Hüttenkombinat in Eisenhüttenstadt, er fotografierte Staatsmänner wie Pieck, Honecker, Ulbricht und Grotewohl oder Staatsgäste wie Ho Chi Minh, oder Gagarin und Künstler wie Bert Brecht und Anna Seghers, dokumentiert den Bau des Berliner Fernsehturms, aber ebenso leidenschaftlich fotografierte er den ihn umgebenden Alltag an seinem Wohnort, dem Kollwitzplatz. ohne Auftrag.

Vor allem darin war er allen ihm anvertrauten jungen Bildjournalisten ein Vorbild.Und so haben sich Generationen von angehenden Fotografen gern von ihm über die Schulter blicken lassen, weil er die Mühe des anderen schätzte. Oft stand er selbst neben den Volontären mit der Kamera, stellte sich wie sie der Aufgabe und lernte auch von ihnen. Verantwortungsvoll beurteilte er nach einem einjährigen Bildvolontariat ihre Fähigkeit, ein Studium anzutreten. Nicht technische Perfektion war Voraussetzung, sondern das moralische Abwägen beim Erfassen und Festhalten wesentlicher Momente sowie deren ideenreiche Umsetzung.

Wahrhaftigkeit ist in allem Wichtigste. Das lebte Horst Sturm uns vor. Die zum Studium delegierten Volontäre durften auf seine Initiative hin auch die von der Agentur erhaltene Kamera behalten, weil sein Grundsatz war, dass jeder in der Lage sein müsse, allgemeingültige Ereignisse dort, wo er wohnt und arbeitet, einzufangen. Das durchzusetzen war ihm wichtig, weil sich nicht jeder einen Apparat leisten konnte. Kaum noch zu verstehen in der Gegenwart, wo alles sogar mit dem Handy festgehalten werden kann.

Als Mitbegründer der von 1965 bis 69 existierenden Reportergruppe „signum“, zu der 21 Agenturreporter und Fotografen für Zeitschriften und Tageszeitungen gehörten, setzte sich Horst Sturm für neue Wege in der Fotoberichterstattung ein, weg von vorgegebenen Schablonen.

Horst Sturm war einer von sieben der damaligen Gruppe, die sich 2010 noch einmal zu einer gemeinsamen Fotopräsentation im Gut Geisendorf bei Cottbus unter dem Motto „So hab ich das gesehen“ trafen. Sie erinnerten an das Anliegen, die starren Schemata bei der Auswahl von Pressefotos für die Veröffentlichung aufzubrechen, um einen lebendigen und realitätsnahen Fotojournalismus zu entwickeln.

In über 33 Länder führte Horst Sturm die Berichterstattung für ADN Zentralbild, mehrmals nach Finnland, wo er in Helsinki bei den entscheidenden KSZE-Abkommen dabei sein durfte. Im Auftrag der Agentur war er als Ausbilder für junge Fotografen im Libanon, in Tunesien und in der VR Jemen. Sturm übernahm gern die Aufgabe, sein Wissen an die nächsten weiter zu geben. Dazu gehörte auch, sie zu ermutigen, sich bei Fotowettbewerben zu messen und Fotos in Ausstellungen zu präsentieren.

Es gibt ungewöhnliche, teils preisgekrönte Fotos von Horst Sturm, die in unserem Bildgedächtnis verankert bleiben. Sie umgaben ihn auch bis zuletzt in seiner Wohnung in Grunewald. Dazu gehören seine thematischen Bilder, die die Bedeutung von Händen zeigen wie das Bild „Junge Mathematiker“, wo Kinder zum Rechnen die Finger zu Hilfe nehmen, oder das Foto „Schützende Hände“ einer mongolischen Mutter, die sie um den Kopf ihres kleinen Sohnes legt. Dazu gehört ein Foto aus dem Libanon „am Grab des Vaters“ und ein ungewöhnliches Che-Guevara-Porträt. Ein von ihm besonders geschätztes Foto „Die Kohlenmänner“ hing als Poster an der Wand. Gern erklärte er das Außergewöhnliche der dargestellten Situation.

1963 war das. In der Schönhauser wurde die Straße für den Staatsbesuch von Chruschtschow abgesperrt, die Berliner bildeten am Straßenrand Spalier zur Begrüßung. Doch wenige Minuten vor dem Eintreffen des Konvois ließ die Polizei einen schwer beladenen Handkarren mit Briketts die Straße passieren. Das hat Horst festgehalten. Dieses Bild hat größere Eindringlichkeit als die Erfüllung der Aufgabe, die dem Staatsgast Zuwinkenden zu fotografieren, und es steht für seine Gabe, das erkannt zu haben.

Eine Kamera zu führen war für Horst Sturm körperlich in den letzten Wochen nicht mehr möglich, umso mehr berührte mich, als er bei unserem letzten Besuch die mit den Augen erfassten Bilder beschrieb: „So würde ich das gern festhalten, wie das Licht von der Lampe seitlich dein Gesicht erhellt, die aufgestützte Hand und wie die das Gesicht einfassende Haarsträhne die Augen betonen … und zu Michael Richter, „Das wär ein Bild, wie du da im Gegenlicht aufrecht stehst …“ Liebeserklärungen an uns, an das Leben.


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Leserbrief zu »Lehrer vieler Fotografen«, UZ vom 8. Januar 2016





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