Olympische Sparmaßnahmen auf Japanisch

Die Qual gewisser Sitz- und Liegemaße
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 25. Dezember 2015
Das Olympiatrikot von Patrick Sercu im belgischen Nationaal Wielermuseum. Sercu wurde 1964 auf der Radrennbahn von Izu Olympiasieger im 1000-m-Zeitfahren. (Foto: Nicola, wikicommons, CC BY-SA 3.0)
Das Olympiatrikot von Patrick Sercu im belgischen Nationaal Wielermuseum. Sercu wurde 1964 auf der Radrennbahn von Izu Olympiasieger im 1000-m-Zeitfahren. (Foto: Nicola, wikicommons, CC BY-SA 3.0)

Nein, ich wusste nicht, wo Izu liegt. Zwar riskierte ich, dem Leser deswegen vielleicht als „ungebildet“ zu erscheinen, fasste aber Mut, bekannte mich zu meiner Unwissenheit, „surfte“ im Internet und erfuhr dort: „Die Izu-Halbinsel ist eine Halbinsel südwestlich von Tokio auf der japanischen Insel Honshu. Die Luftlinien-Entfernung von Tokio beträgt 121 km und auf den Straßen sind es 179 km.“

Wen das interessiert? Vermutlich die Radrennen fahrenden Teilnehmer der Olympischen Spiele 2020 in Tokio, denn dieser Tage verkündeten die dort Zuständigen, dass man 100 Millionen Dollar sparen, und die Izu-Radrennbahn für Olympia benutzen werde, statt eine neue in Tokio zu errichten.

Ich wühlte in meinem Archiv und ermittelte die Entfernung, die ich bei den Olympischen Spielen 1964 zum Radstadion zurückzulegen hatte: 43 km. Ich fand die Nachricht deshalb so beachtlich, weil es seit Jahr und Tag die erste im Hinblick auf Olympische Spiele war, die eine Einsparung verhieß. Bislang war immer nur von steigenden Kosten die Rede. Obendrein könnte ich bezeugen, dass die Japaner schon 1964 Mut zum Sparen bewiesen hatten, als sie die Sitze der Pressetribüne mit japanischen Maßen tischlerten, was mir zwar persönlich einige Probleme bereitete, den Gastgebern aber nachträgliche Umbauten ersparten. Das galt – ganz am Rande – übrigens auch für mein Bett im Pressedorf. Meine aktuelle vorolympische Sympathie für japanische Sparsamkeit und den Verzicht auf die Errichtung einer neuen Radrennbahn war jedoch noch nicht erloschen, als ich erfuhr, dass der japanische Sportminister Hakubun Shimomura zurückgetreten sei. Nein, weder ein Ladendiebstahl noch Unterschlagungen hatten seinen Rücktritt bewirkt, sondern – typisch japanische Formulierung – die „aus dem Ruder gelaufene Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2020“. Wie der Minister mitteilte, habe ihn Premierminister Shinzo Abe gebeten, bis zu einer „in Kürze“ folgenden Kabinettsumbildung im Amt zu bleiben. Shimomura kündigte sogar an, einen Teil seines Gehalts zurückzahlen zu wollen.

Was war geschehen? Der Minister, der vorgeschlagen hatte, die Radrennen in Izu auszutragen und so Millionen zu sparen, waren die explodierenden Baukosten beim Bau des neuen Olympiastadions, vorgeworfen worden. Meine erste Frage: Was war aus dem Stadion geworden, in dem ich 1964 unbequem – auch hier Sitze im Izu-Maß – auf der Pressetribüne gesessen hatte? Es war abgerissen worden! Und nun errichtete man eines nach dem Entwurf der britisch-irakischen Stararchitektin Zaha Hadid. Bei dem ließ sich das Dach schließen, wenn es während der Spiele mal regnen sollte. Ich konnte mich allerdings nicht erinnern, dass es 1964 geregnet hatte. Aber ich verstand, warum der Minister zurücktreten musste und ringsum auch sonst alle Welt gegen Olympia stimmt: Bei den neuen Stadien füllen Stararchitekten als erstes ihre Konten und auf dem Fuß folgen ihnen die Bauunternehmer – die Bauarbeiter gehen meist leer aus. Das erklärt wohl hierzulande auch rundum die Gegen-Stimmen bei verschiedenen Olympia-Abstimmungen!

Logisch wäre also, dass man als erstes das IOC fragt: Warum verlangt ihr eigentlich von den Bewerbern Olympischer Spiele nicht eine Kosten-Obergrenze für das Stadion? Ist noch niemand auf diese Idee gekommen? Ich bin dem davongejagten Minister nie begegnet, doch ist er mir sympathisch, weil er die Radrennen nach Izu verlegen ließ, wo die Radrennbahn schon steht. Ob dort die Sitze auf der Pressetribüne der hiesigen Konfektionsgröße rund um 60 – das wäre meine – entsprechen, konnte mir niemand verraten, aber es ist auch gleichgültig, weil mich garantiert niemand zu den Spielen 2020 schicken wird.

Natürlich sollte ich daran erinnern, dass die Japaner damals nicht nur sparsam waren, sondern auch politisch konsequent vorgingen. Ungeachtet der Drohungen aus Washington ließen sie das olympische Feuer von einem als Baby Überlebenden des Massenmords in Hiroshima entzünden. Dazu gehörte damals viel Mut, aber den brachten sie auf! Und auch Sicherheitsmaßnahmen, was ich bezeugen kann, weil ich diesen letzten Fackelläufer in einer Markthalle interviewen musste …


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Leserbrief zu »Olympische Sparmaßnahmen auf Japanisch«, UZ vom 25. Dezember 2015





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