Meine progressive Woche

Vom 12. bis 18. Dezember
Von Adi Reiher
|    Ausgabe vom 25. Dezember 2015

Dienstag
„Elf Freunde sollt ihr sein.“ Dieses Motto gilt im Profi-Fußball schon lange nicht mehr. Die Logik des großen Geldes hat es – wie so vieles andere auch – niedergestampft. Trotzdem soll es auf und neben dem grünen Rasen immer noch Freunde geben – nein, Matthäus und Klinsmann sind es nicht.

Dann schon eher Niersbach und Beckenbauer, die in der Vergangenheit wenig Gelegenheiten ausließen, ihre Freundschaft zu betonen. Jetzt stellt sich heraus, dass sie eher Kumpane waren, die sich in den Höhen und Niederungen des Weltfußballs zusammengetan haben, um den jeweils eigenen Schnitt und Karriere-Schritt zu machen. Nachdem das öffentlich bekannt wurde, ist es mit der Kumpanei vorbei. Heute belastet Niersbach Beckenbauer schwer. Die Freundschaft wird er vorher kaum gekündigt haben. Kumpane brauchen so was nicht.

Mittwoch
„Schlagfertig“ und „witzig“ sei Beate Zschäpe, Hauptangeklagte im NSU-Prozess. Das bescheinigt ihr der Mitangeklagte Ralf Wohlleben, dem sie außerdem sympathisch gewesen sei.

Seine Aussage verliest der „Mann hinter dem Mord-Trio“ anders als Zschäpe immerhin selbst. Sogar Fragen will er – wiederum anders als Frau Z. – allen Prozessbeteiligten hochderoselbst mündlich beantworten. Frau Z. dagegen will nur Fragen des Gerichtes schriftlich beantworten. Dabei hätten wir uns so gerne daran gelabt, wie sie mündlich schlagfertigen Ausländerhass, witzige Zeckenjagden und sympathische Kopfschüsse schildert – natürlich immer in Notwehr und als eigentliches Opfer.

Donnerstag
Vorgestern hat ein Lehrer in Paris sich selbst verletzt und behauptet, das sei ein Terrorist des IS gewesen, ganze Polizeibataillone sind ausgerückt – für nix; gestern hatte ganz Los Angeles wegen eines – falschen – Terroralarms schulfrei; und heute heißt es, die Konjunktur lahmt wegen Terrorangst. Das ist wohl kein Fake. Tatsächlich gibt es vermehrt Zeiten, wo das öffentliche Leben und in der Folge auch die Wirtschaft zum Stillstand kommt – wegen tatsächlichen und eingebildeten Terrors.

Liebe Bourgeoisie, liebe Wirtschaftsbosse, so weit ist es gekommen, die Terroristen gehen an euer Liebstes – die Profite. Jetzt mal ehrlich, wäre es nicht besser, diesem Terrorspuk ein Ende zu setzen? Ihr seid doch die Herren der Welt, überall ist Kapitalismus und ihr lasst zu, dass die euch die Geschäfte vermasseln? Wo bleibt euer Sinn für steigende Profitraten? Macht Schluss. Ein Anruf genügt. Am besten in Langley, wo die meisten Terrorsuppen zusammengerührt werden. Die können dann auch den anderen Bescheid sagen.

Freitag
Sechsmal werden wir noch wach, heißa dann ist Weihnachtstag.
Etwas länger müssen wir warten, so ungefähr 100 000 Jahre, bis „wir“ wissen, ob die Insel Olkiluoto an der finnischen Westküste der richtige Standort für das erste Atommüll-Endlager der Welt gewesen ist. Dann nämlich hat der Schrott endlich ausgestrahlt. Ob er sich am Ende noch im Lager mit dem schönen Namen Onkalo befindet, ist allerdings fraglich. In hunderttausend Jahren kann so einiges passieren, kleine oder große Eiszeiten, Meteoriteneinschläge und Meeresspiegelerhöhungen inklusive.

Den Chef der Betreiberfirma Posiva, Janne Mokka, ficht das nicht an. Er will erst mal endlagern, dann weitere Tunnel bohren und sehen, ob das Lager sicher ist. Irgendwie ist da die Reihenfolge durcheinandergekommen. Vielleicht hat Janne einfach nur gedacht, solange ich lebe, wird schon nix passieren.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Meine progressive Woche«, UZ vom 25. Dezember 2015





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.