„Wir sollten keine Anstrengung und kein Risiko scheuen“

Zum 20. Todestag des Dichters Heiner Müller am 30. Dezember
Von Rüdiger Bernhardt
|    Ausgabe vom 25. Dezember 2015

Heiner Müller bei der Berliner Großdemonstration am 4.11.1989

Heiner Müller bei der Berliner Großdemonstration am 4.11.1989

( Bundesarchiv)

Es bedürfte nicht des Jubiläums, um festzustellen, wie beeindruckend modern Müllers Werk ist und wie weit sein Blick in die Zukunft reichte. Wir erleben, wie sich seine schrecklichen Voraussagen über Gewaltausbrüche erfüllen; es bleibt eine kleine Hoffnung, die selbst der meist hoffnungslose Dichter nicht aufgegeben hat, dass andere seiner Voraussagen, wie das von ihm ersehnte „Schöne“ als das Ende der Schrecken, eintreten werden. Aber dazu wird es noch lange nötig sein, sein Werk zu lesen, sich mit ihm zu beschäftigen und es in Taten umzusetzen. Man hat seine großen Entwürfe zu verdrängen versucht, seine Visionen sollten unbeachtet bleiben: Sie seien zu sehr vom „postmodernen Zeitgeist und der Lust an der Morbidität geprägt, als dass sie überdauern könnten“ (Michael Schneider, 1998); „Kurzschlüssigkeit“ wurde seinem Denken nachgesagt und „ziemlich leise sei es um ihn geworden (Elke Schmitter, 1998). Nichts von dem ist eingetreten, vor allem auch deshalb nicht, weil die Gewalt und der Terror um vieles gegenwärtiger geworden sind als zu Müllers Lebzeiten. Er hatte es kommen sehen.

Der Begriff „Terror“ war für Heiner Müller nichts Neues. Er schrieb von ihm und erklärte: „Der Terror von dem ich schreibe kommt aus Deutschland.“ Er verstand darunter den faschistischen Terror, sah aber dessen Wurzeln in der Menschheitsgeschichte, in der Antike, die bei ihm nie klassische Schönheit und Reinheit hatte, sondern eine Ansammlung von Morden und Kriegen war (Elektratext). Aber er unterschied zwei Arten des Terrors: Da war die brutale Verdrängung der Menschen in Armut, Not und Hilflosigkeit, und da war der Terror, der sich seiner Unmenschlichkeit bewusst war, die er praktizieren musste, um für die Zukunft Menschlichkeit zu erreichen.

Dieser Gedanke stieß in keinem politischen Lager auf Gegenliebe. In der DDR, wo er leben wollte, sah er diese Widersprüche aufeinanderprallen. Er hatte deshalb keinen Sinn für „Behagen“, wie ihm Peter Hacks einmal vorwarf. Entschieden konterte er in einem Brief, den er statt eines Interviews 1975 der Zeitschrift „Theater der Zeit“ schickte: „… ich habe nicht das weit genug verbreitete Talent, ein abgearbeitetes Publikum mit Harmonien aufzumöbeln, von denen es nur träumen kann.“ Kurz zuvor war Hacks‘ „Rosi träumt“ erschienen.

In dem dichten, auch zum Widerspruch reizenden Text „Shakespeare eine Differenz“ (1988) heißt es: „… der Abgrund ist die Hoffnung“. Die Metapher war nicht neu: Georg Büchner, dem Heiner Müller geistig nahe war, hatte sie in seiner Novelle „Lenz“ als Bild verwendet. Lenz war es unangenehm, „dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte“; er hätte den Himmel als Abgrund unter sich gehabt. Die DDR-Führung honorierte spät durch die Verleihung eines Nationalpreises Müllers große Entwürfe. Zu sehr war ihrem Harmoniebedürfnis, das selbst kleine Fortschritte zu Endzielen erklärte, Müllers entschiedener Kampf gegen die Gewalt unbequem und zu weit ab lag seine Konzeption von der „Vorgeschichte“, in der die Menschheit immer noch lebe, ehe sie in die Geschichte eintreten könne, von dem staatlichen Konzept der entwickelten sozialistischen Gesellschaft. „Der Staat, dem Müller nicht diente, hatte sich entschieden, ihn als Gegner zu sehen und ging auch daran zugrunde“, sagte Stephan Hermlin in seiner Trauerrede. Als ihm andererseits der Hamburger Senat, das „Lessingpreiskollegium“, ein Stipendium auf „Herrn Horkheimers Frankfurter Schul-Bank“ angetragen hatte, lehnte er entschieden ab, sah sich „missverstanden“ und wollte „den Irrtum aufklären, indem ich ablehne … Mich trennt von Herrn Horkheimer mehr als eine Staatsgrenze.“

Die Wirklichkeit hat Müllers Vorstellungen inzwischen schrecklich bestätigt. „Vorgeschichte“ war ihm alles, was auf unmenschlichen Beziehungen gründete, in einer Anmerkung zu „Philoktet“ betrachtete er die Vorgeschichte als die Zeit „vom Trojanischen bis zum Japanischen Krieg“; damit war sie jedoch, wie er feststellen musste, nicht zu Ende. „Geschichte“ dagegen war gleichbedeutend mit Menschlichkeit und bedeutete Zukunft. In der Oktoberrevolution sah er den Beginn des Übergangs von der Vorgeschichte zur Geschichte. Erst das „Schöne bedeutet das mögliche Ende der Schrecken“ heißt es in „Bilder“. Das Gedicht wurde variiert in andere Stücke aufgenommen („Der Bau“) und diente einer Inszenierung der Szenenfolge „Die Schlacht“ an der Volksbühne als Prolog. Für Müller war der Kommunismus das Ziel der Weltgeschichte. In den Bemerkungen zum „Glücksgott“ (1958) hatte er formuliert: „… auf dem Hintergrund der Weltgeschichte, die den Kommunismus (Chancengleichheit) zur Bedingung hat, steht der Dialog für die Befreiung der Vergangenheit.“ Mit der Befreiung der Vergangenheit beginnt der Eintritt in die Geschichte. In „Zement“ war der Weg als weit beschrieben worden: „Unser Kampf hat erst angefangen, und wir haben einen langen Weg vor uns. Wir werden ihn auf unsern Füßen nicht zu Ende gehn, …, aber die Erde wird allerhand Blut saufen, eh wir das Ziel wenigstens aus der Ferne sehn. Die einen werden ersaufen im Blut der andern, und wir haben nur eine Gewissheit: Wir haben mehr Blut.“

Was Heiner Müller entwarf und bedachte war die Globalisierung der Revolution. Noch ehe von Globalisierung überhaupt gesprochen und diese auf Wirtschaft und Politik bezogen wurde, hatte Müller die Entsprechung im Blick: Einer globalen Unterdrückung folgt ein globaler Kampf, der nicht mehr mit traditionellen Mitteln geführt wird. Der bürgerlichen Welt der Grausamkeiten ist nur grausam zu begegnen. „Nicht eh die Revolution gesiegt hat endgültig … werden wir wissen, was das ist, ein Mensch.“

1989 brachte Heiner Müller die Erkenntnis, dass der Beginn der Geschichte vertagt worden war. Trotz der Enttäuschungen und Ernüchterungen über die unerfüllt gebliebene Geschichtlichkeit des Menschen, seine Menschwerdung, gab er die Hoffnung nicht auf und sprach vom „vorläufigen Grab der Utopie, die vielleicht wieder aufscheinen wird, wenn das Phantom der Marktwirtschaft, die das Gespenst des Kommunismus ablöst, den neuen Kunden die kalte Schulter zeigt, den Befreiten das eiserne Gesicht der Freiheit.“ (1990)

2014 erschien, außerhalb der Werkausgabe und sie ergänzend, eine Sammlung seiner Gedichte unter dem Titel „Warten auf der Gegenschräge“; er stammt aus einem seiner letzten Gedichte „DRAMA“ (Dezember 1995). Der Band machte deutlich, wie Müller bis zuletzt daran glaubte, ja zu wissen schien, dass sein Tod nicht das Ende seiner Wirkung war: „Ich werde wiederkommen außer mir/Ein Tag im Oktober im Regensturz“. Der Oktober war ihm ein verlässliches Datum für Revolutionen.

Müller muss nicht wiederkommen, er ist ständig anwesend. Nicht so gutbürgerlich präsent wie sein großer Widerpart Peter Hacks, aber dafür scharf analytisch, wie nur er denken konnte: Kurz vor seinem Tod wurde das Gedicht „Ajax zum Beispiel“ veröffentlicht, schon im Titel jene Phase der Menschheitsgeschichte anrufend, in der Müller statt klassischer Schönheit mörderische Brutalität erkannte. Und in diesem Gedicht beschrieb er die nächste Zeit: Das kommende Jahrhundert „wird den Advokaten gehören die Zeit/steht als Immobilie zum Verkauf“. Deutlicher hat niemand den Charakter des 2000 anbrechenden Jahrhunderts beschrieben als er, der es nicht mehr erlebte. Aber er hatte sein Leben lang die Vergangenheit mit ihren Schrecken beschworen, um eine menschliche Zukunft denken zu können. Diese Kenntnis der Vergangenheit half ihm, die Gegenwart um 1990 als ihre Wiederkehr zu erkennen.

Seine Werke werden gespielt: Beispielhaft Dimiter Gotscheffs Münchner Inszenierung 2013 von „Zement“, einem der bedeutendsten Werke Müllers, ein Werk über eine Revolution, die alle Verhältnisse und auch den Menschen so verändert, dass das Alte nur noch im mythischen Bild begriffen werden kann: Der Bezugspunkt für die Revolution von 1917 wurde der Trojanische Krieg und der antike Mythos. Eine der Inszenierungen 2015 war das Greuelmärchen Müllers „Leben Gundlings“ in Chemnitz (Regie: Silke Johanna Fischer), eine herausragende Inszenierung eines Geschehens, in dem Politik als Irrwitz und fortwährendes Scheitern erscheint, eine Welt, in der Sadismus zur Alltagsnormalität gerät.

Eine Internationale Heiner Müller Gesellschaft fühlt sich für die Verbreitung seines Werkes verantwortlich. Dabei besteht immer die Gefahr des Missverstehens oder der Reduktion auf Randerscheinungen wie Müller als Pop-Ikone, so jedenfalls widmet sich eine Veranstaltung am 9. Januar 2016, Müllers Geburtstag, dem genialen Dichter.

Müllers ästhetische Überlegungen zielten auf eine zukünftige Menschheit, die den Terror der Unmenschlichkeit überwinden muss mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, mit dem Wissen, dass diese zerstörerisch sein können, ja müssen. In seinem Gedicht „Bilder“ (1955) beschrieb er den Kommunismus als Ergebnis von Vernichtung, die aufhört, wenn der Terror der „Vorgeschichte“ besiegt ist. Der Kommunismus, „das Endbild, das immer erfrischte/Weil mit Blut gewaschen wieder und wieder“, war eine seiner berühmten Bestimmungen dieser Vorgänge. Der Satz der Überschrift – Heiner Müller formulierte ihn in einem Artikel, den er zur Erläuterung seiner Rede am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz schrieb – lautet vollständig: „Wir sollten keine Anstrengung und kein Risiko scheuen für das Überleben unsrer Utopie von einer Gesellschaft, die den wirklichen Bedürfnissen ihrer Bevölkerung gerecht wird ohne den weltweit üblichen Verzicht auf Solidarität mit andern Völkern.“


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