Die „gute“ und die „schlechte“ Anna Seghers

Über die Probleme der Stadt Mainz mit der großen Schriftstellerin
Von Tobias Kriele
|    Ausgabe vom 25. Dezember 2015
Anna Seghers 1953 in Berlin im Gespräch mit Bauarbeitern. (Foto: wikicommons)
Anna Seghers 1953 in Berlin im Gespräch mit Bauarbeitern. (Foto: wikicommons)

Tobias Krieles hielt diesen Vortrag über das widersprüchliche Verhältnis der Stadt Mainz zu ihrer Ehrenbürgerin auf einer Veranstaltung zum 115. Geburtstag von Anna Seghers im Mainzer Rathaus mit dem Titel „Unangreifbar im Innersten“.

In der Einladung zur heutigen Veranstaltung bin ich als „Mainzer Kommunist“ angekündigt, was aus verschiedenen Gründen eine Ehre ist. Die kommunistische Bewegung kann in Mainz auf eine bemerkenswerte Tradition zurückblicken. Und obwohl Anna Seghers ihren Entschluss, in die Kommunistische Partei Deutschlands einzutreten, vermutlich nicht in Mainz gefasst hat, hat sie Zeit ihres Lebens einen Kontakt zu Mainzer Kommunisten gehalten, wie zum Beispiel zum ehemaligen KPD-Landtagsabgeordneten Friedel Janecek. Auf der anderen Seite forderte die Mainzer Deutsche Kommunistische Partei über Jahre hinweg, die Stadt Mainz möge Anna Seghers die Ehrenbürgerwürde verleihen, eine Ehrentafel an ihrem Geburtshaus anbringen und die neu gegründete Gesamtschule nach ihr benennen – Forderungen, die letzten Endes erreicht wurden.

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Es ist oft gefragt worden, warum Anna Seghers nach der Rückkehr aus dem Exil nicht nach Mainz zurückkehrte. Sicherlich gibt es darauf mehr als eine Antwort, aber es ist doch offensichtlich, dass es die angebliche „Stunde Null“, auf deren Mythos bis heute das Selbstverständnis der Bundesrepublik aufbaut, nie gegeben hat. Im Mainz der Nachkriegszeit durfte sich der ehemalige SS-Hauptsturmführer und Generalreferent im Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion, Karl Hetlage, an der neu gegründeten Universität Professor für öffentliches Recht nennen; der SS-Unterführer in der „Leibstandarte Adolf Hitler“, Josef Altmeyer, war Ministerialrat und Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium Rheinland-Pfalz, der Kriegsgerichtsrat bei der Division 409, Josef Nix, Senatspräsident und der ehemalige Professor für Rassenhygiene und Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für menschliche Erblehre und Eugenik, Otmar Freiherr von Verschuer, war Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Diese Beispiele sollen nur illustrieren, dass die grundlegenden gesellschaftlichen Verhältnisse, deren präzise Beschreibung uns Seghers geschenkt hat, auch nach dem Faschismus weiterhin existierten, wenn auch in einer modifizierten Form. Um es mit ihren Worten auszudrücken: Die ablenkenden, stimulierenden Maßnahmen traten an die Stelle der groben.

„Wir wollen Frieden machen mit dem
Mädchen Netty Reiling aus Mainz,
das nicht so leben will wie wir, aber das unsere Sprache spricht.
Auch wenn sie uns kritisiert, so wie wir sie kritisieren.“

Seghers entschied sich bekanntlich dafür, in der DDR zu wirken, also in dem Land, in dem man in der Akademie der Künste nicht befürchten musste, auf Rassenhygieniker zu treffen. Dort beschrieb sie in ihren Romanen „Die Entscheidung“ und „Das Vertrauen“ die Fortsetzung der Macht des Kapitals und seines Personals im Westen. Die Bundesrepublik verlegte sich jahrelang darauf, Seghers‘ Werk weitestgehend zu ignorieren. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki verurteilte 1962 die bestehenden Absichten, einen „literarischen Schutzwall“ gegen die Werke von Anna Seghers zu errichten. Sein Argument war aber keineswegs wohlwollend: „Warum sollte man einen Verleger daran hindern, den hiesigen Lesern zu zeigen, was aus Anna Seghers, die einst Meisterwerke deutscher Prosa schrieb, in der DDR geworden ist? Nichts kompromittiert die dortige Kulturpolitik mehr als dieser Roman, der mit dem höchsten Literaturpreis der DDR geehrt wurde.“ Reich-Ranicki identifizierte „große Literatur“ damals mit der „Blechtrommel“ von Günter Grass, von dem gleich die Rede sein wird.

In Reich-Ranickis Worten entdecken wir den Gedanken der Trennung in eine gute und eine schlechte Seghers, in das feinsinnige Mainzer Mädchen und die leblose, verhärmte DDR-Parteisoldatin, die die Blaupause für die weitere Beschäftigung des BRD-Feuilletons mit der Schriftstellerin abgab.

Springen wir kurz in der Zeit: Im Seghersjahr 2015 wurde genau diese Blaupause am Staatstheater Mainz in einem Stück umgesetzt. Darin wird die „alte“ Anna Seghers während einer Rede aus dem Off durch die Verlesung eines moralinsauren Briefes unterbrochen, den der Schriftsteller Günter Grass ihr tatsächlich im Jahr 1961 anlässlich des Baus der Berliner Mauer geschrieben hatte. Grass setzt darin die DDR mit einem faschistischen Konzentrationslager gleich und beschuldigt Seghers der Kooperation mit dem „Lagerkommandanten“ Ulbricht. Man erinnere sich: im Jahr 1961 wusste nur Grass selbst, dass er als Mitglied der Waffen-SS an der Front gegen die Sowjetunion Kanonen geladen hatte, heute weiß es jeder. Was aber bewegt einen Theatermacher im Jahr 2015 ausgerechnet einen ehemaligen SS-Jungen gegen die Seghers in Stellung zu bringen? Man möchte denken, es handele sich vielleicht um eine raffinierte Anspielung auf die tiefe Verstrickung der Nachkriegs-BRD mit dem Faschismus. Tatsächlich handelt es sich leider lediglich um ein wieder einmal aufgewärmtes Denkmuster aus den Zeiten des Kalten Kriegs.

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Die Geschichte der Mainzer Ehrenbürgerschaft von Anna Seghers spiegelt das Unwohlsein des Establishments gegenüber der Künstlerin wider. 1970 sind es die Jungsozialisten in der SPD, die die erste diesbezügliche Anfrage ins Rollen bringen. Eine Diskussionsveranstaltung läuft unter dem Titel: „Kann man einer Kommunistin die Ehrenbürgerschaft von Mainz verleihen?“ Die Initiative scheitert. Drei Jahre später der nächste Anlauf. Die Antwort des damaligen Kulturdezernenten lautet zunächst, eine Ehrenbürgerschaft verlange einen einstimmigen Beschluss. Als das Argument widerlegt wird, spekuliert er, Seghers würde eine in einfacher Mehrheit verliehene Würde nicht annehmen. Man fragt Seghers, diese erklärt daraufhin für diesen Fall Annahme. 1975, im nächsten Versuch, erklärt Bürgermeister Jockel Fuchs mit Blick auf die anstehenden Bundestagswahlen: „Alles was uns öffentlich – ob uns das passt oder nicht – in neue Diskussionen versetzt, wegen der ‚Liebäugelei mit Kommunisten’ bringt uns Nachteile.“ Schließlich lehnt die SPD-Fraktion den Antrag auf Geheiß des SPD-Bundesvorstandes ab, da Seghers eine „erklärte Gegnerin der Sozialdemokratie“ sei. Jungsozialisten werben in einem Brief aus taktischen Erwägungen für die Ehrenbürgerschaft: „Die Frage ist also, ob wir Kommunisten pauschal verdammen – was vielleicht, nicht einmal sicher, von der Majorität der Wähler begrüßt wird – oder ob wir auch hier differenzieren. Dadurch würde unsere grundsätzliche Ablehnung des Bolschewismus … fundierter erscheinen.“ Geht es nach den Sozialdemokraten, soll Seghers geehrt werden, „obwohl sie zum Kommunismus stehen will, nicht aber, weil sie Kommunistin ist“ (Unterstreichungen im Original). Nach Aktivitäten der DKP und der Eröffnung der parteinahen „Anna-Seghers-Buchhandlung“ anlässlich des 75. Geburtstages sagt die Stadt einen vorgesehenen Gratulationsbesuch und eine geplante Ausstellung ab.

Im Jahr 1977 schließlich ernennt die Universität Mainz Anna Seghers zu ihrer Ehrenbürgerin. Die AZ titelt: „Universität schockiert Mainz“. Der CDU-Abgeordnete Kanther bezeichnet Seghers als eine Unterstützerin des „ohne Weiteres mit dem NS-Regime vergleichbaren Unrechtssystem der DDR“. Der AZ-Verleger Zech nennt Seghers in einem Protestbrief an den Uni-Präsidenten Schneider „eine der härtesten Kämpferinnen für Unfreiheit und Unterdrückung“. Gleichzeitig schreibt er an den Verlegerfreund Axel Springer und schlägt mit den Worten „Man muss ihm behilflich sein, in Zukunft überlegter zu handeln und das Richtige zu tun“ eine Hetzjagd auf den Uni-Präsidenten vor.

Drei Jahre später, 1980, stimmt die SPD-Stadtratsfraktion zunächst wieder gegen eine Ehrenbürgerschaft. Überraschend schalten sich SPD-Parteivorstand und Kanzleramt ein und drängen die Stadtratsfraktion zur Abstimmung über die Ehrenbürgerwürde, die Ende Oktober 1981 erfolgreich ist. Die FDP stimmt mit den Worten dafür: „Wir wollen Frieden machen mit dem Mädchen Netty Reiling aus Mainz, das nicht so leben will wie wir, aber das unsere Sprache spricht. Auch wenn sie uns kritisiert, so wie wir sie kritisieren.“

Der Mainzer OB Jockel Fuchs reist mit einer Delegation in die Hauptstadt der DDR, um Seghers die Ehrenbürgerwürde zu überreichen. Beim Ausfüllen der Formulare werden die Reisenden in der bundesrepublikanischen Ständigen Vertretung gefragt: „Seghers mit einem oder zwei „e“?“

Anna Seghers drückt bei der Übergabe der Urkunde ihre Freude aus: „Dies ist bei uns kein zufälliges, augenblickbedingtes Freuen, sondern eine Freude, die tief aus dem Herzen kommt“, wird sie zitiert. OB Jockel Fuchs ist gerührt und weiß nach In­spektion der guten Stube zu berichten: „Sachlich und schlicht, wie sie schreibt, lebt sie auch.“

Mainzer Kommunistinnen und Kommunisten besuchen Seghers am 18.11.1981 und überreichen ihr mehrere hundert Glückwünsche von Mainzer Bürgerinnen und Bürgern.

Anna Seghers stirbt am 3. Juni 1983 in Berlin (DDR). Die AZ berichtet versöhnlich und rätselt: „Was Anna Seghers nach 14 Exiljahren … zu bewegen vermochte, nicht in ihre Heimatstadt Mainz … zurückzukehren, sondern sich in Ost-Berlin, der späteren Hauptstadt eines eher geistfeindlichen Staatssozialismus, anzusiedeln, ist noch weitestgehend ungeklärt.“

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Anna Seghers hat der Stadt Mainz durch ihr Werk ein literarisches Denkmal gesetzt. Dennoch war sie alles andere als eine Lokalschriftstellerin. Mainz, der Rhein und das Umland waren für Seghers wiederkehrende Orte, vor deren Hintergrund sie literarisch die – um ein Wort von Karl Marx zu gebrauchen – „unsichtbaren Fäden“ aufscheinen ließ, an denen die Menschen in gesellschaftlichen Verhältnissen vonein­ander abhängen. Seghers hat auf ihre unverwechselbare Art beschrieben, wie sich die Individualität und die Entscheidungsfindung der beschriebenen Charaktere in gesellschaftlichen Zwangs- und Abhängigkeitsverhältnissen entwickelt. Die Menschen gehen diese Zwangsverhältnisse ein und gehen zugleich aus ihnen hervor. Sie werden durch sie in an sich ebenfalls unsichtbare Gruppen zusammengefasst, Klassen, die sich gegenüberstehen, deren Interessen sich ausschließen. Seghers arbeitet in ihren Werken diese klassenmäßige Verfasstheit des gesellschaftlichen Lebens heraus und lässt dabei keinen Zweifel daran, dass sich die besitzende und die besitzlosen Klassen im Kapitalismus in einem ständigen Streit befinden. Dieser Streit, der in der Polemik der politischen Agitation der Kampf zwischen den Klassen genannt wird, existiert unabhängig davon, ob die in ihn involvierten Personen oder Klassen von ihm Bewusstsein erlangen. Seghers‘ Interesse gilt den Entscheidungen ihrer literarischen Figuren und deren unterschiedlichen Möglichkeiten, die Verhältnisse, denen sie unterworfen sind, zu deuten und sich zu ihnen zu verhalten. In diesem Sinne kann man sagen, dass Seghers in ihren Werken die genannten „unsichtbaren Fäden“, wir könnten auch sagen: den Klassenwiderspruch, sichtbar werden lässt. Genau hierin liegt die Feindseligkeit begründet, mit der Seghers in der BRD begegnet wurde.

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Seghers selbst hatte die Antwort bereits im Jahr 1965 gegeben: „Man fragt mich oft, warum ich nach dem Krieg in diesen Teil Deutschlands fuhr und nicht in meine Heimat an den Rhein. Darauf antworte ich: Weil ich hier die Resonanz haben kann, die sich ein Schriftsteller wünscht. Weil ich hier ausdrücken kann, wozu ich gelebt habe.“

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Anna Seghers konnte in Mainz nicht leben, weil die Verhältnisse dort so eng waren, wie sie sind. Für uns gehört sie gerade deshalb bis heute zum Größten, was diese Stadt hervorgebracht hat.

Tobias Krieles hielt diesen Vortrag über das widersprüchliche Verhältnis der Stadt Mainz zu ihrer Ehrenbürgerin auf einer Veranstaltung zum 115. Geburtstag von Anna Seghers im Mainzer Rathaus mit dem Titel „Unangreifbar im Innersten“.


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Leserbrief zu »Die „gute“ und die „schlechte“ Anna Seghers«, UZ vom 25. Dezember 2015





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