Nur die Engel sind im Himmel

Krawall im Deutschen Olympischen Sportbund
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 18. Dezember 2015

Die führenden Männer des bundesdeutschen Sports sind sich bei ihrer jährlichen Mitgliederversammlung derb in die Haare geraten. Alfons Hörmann – Präsident des Sammel-Verbands DOSB – hatte heftige Anwürfe gegen führende Funktionäre verschiedener Verbände erhoben und auch Bundesminister nicht vor borstiger Kritik bewahrt. Um die Motive dieser Ausfälle zu verstehen, muss man wohl einmal mehr erklären, dass sich die Bundesrepublik für eine Sport-Organisationsstruktur entschieden hatte, die weltweit rar ist. 1896 hatte man in Deutschland – wie vielerorts – ein Nationales Olympisches Komitee gegründet, das vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannt wurde, so wie inzwischen 205 andere in der Welt. 2006 – also nach 110 Jahren – entschloss man sich in der BRD, sämtliche Sportverbände mit diesem Komitee zu vereinen, was nach den Statuten der olympischen Bewegung im Grunde gar nicht zulässig war, denn die fordern bekanntlich die absolute Unabhängigkeit der Nationalen Olympischen Komitees. Was die BRD bewogen hatte, das NOK nach einem Jahrhundert in einen Sportbund (DOSB) einzugliedern, wurde nie erklärt oder gar begründet, führte aber dazu, dass der Bundespräsident die Schirmherrschaft übernahm und die Kanzlerin Merkel die Gründungsrede hielt.

Und nun also Krawall. Und zwar handfester. DOSB-Präsident Hörmann hatte Kritik am Fußballverband geäußert. Um die Dimension der gegenseitigen Vorwürfe deutlich zu machen, ein einziger Wortwechsel. Der arg kritisierte Ex-DFB-Präsident Zwanziger hatte auf seine Krankheit verwiesen und versichert, er hätte wohl schon die Engel gehört. Hörmann giftig: „Das kann nicht sein, denn die Engel sind im Himmel!“

DOSB-Präsident Alfons Hörmann verortet Theo Zwanziger anscheinend in der Hölle.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann verortet Theo Zwanziger anscheinend in der Hölle.

( Martin Rulsch, Wikimedia Commons, CC-by-sa 4.0)

Der Redner übte indes auch berechtigte Kritik. So hatte der aussichtsreichste Kandidat als künftiger Fußballverbands-Präsident wissen lassen, dass er sich dann seine ehrenamtliche Tätigkeit mit 170 000 Euro im Jahr vergüten lassen würde. Hörmann: „Ich warne davor, eine Mogelpackung zu beschließen. Wo Ehrenamt draufsteht, muss echtes Ehrenamt drin sein,“ was nicht nur für diese Funktion gilt. Auch Bundesfinanzminister Schäuble attackierte er, der in einer Talkshow gemeint hatte, der Sport müsse „liebenswürdiger“ werden. „Das klingt in der Adventszeit gut und sympathisch“, warf er ihm vor und fragte dann, ob es denn liebenswürdig sei, dass ein Drittel der Schulsportstunden entfielen, die Mittel für den Schulwettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“ um Haaresbreite gestrichen worden wären und meinte: „Das verstehen wir nicht unter Liebenswürdigkeit.“

Die Kritisierten forderten, dass Hörmann sich bei ihnen entschuldige, was der strikt ablehnte. Nicht nur diese Weigerung ließ die Frage aufkommen, was die ungewöhnlichen Attacken überhaupt ausgelöst haben könnte. Das ließ sich nicht mal erahnen, denn es hätte Themen gegeben, die wichtiger gewesen wären als solch Streit. Ganze 30 Worte hatte Hörmann denen gewidmet, die rund um die Uhr dafür sorgen, dass in Dörfern Fußball gespielt werden kann und Kinder schwimmen lernen. Das waren einige dieser mageren 30 Worte: „Ich könnte nach dem Motto ‚Alle Jahre wieder‘ kurz vor Weihnachten von den 27 Millionen Mitgliedern berichten, den sozialen Tankstellen an der Basis, den 8,6 Millionen Ehrenamtlichen, 290 Millionen ehrenamtlich geleisteten Stunden, und könnte mit Stolz verkünden, dass 20 000 Vereine sich dem Thema der Flüchtlings-Integration aktiv widmen.“ Dabei beließ er den Dank an diejenigen, die den Sport Tag für Tag bewahren. Und der DOSB-Präsident war auch nicht auf die Idee gekommen, wenigstens einige jener Ehrenamtlichen zu dieser Versammlung oder gar einem Bankett zu laden. Sagen wir mal einige aus Bayern, einige von der Insel Rügen, einige Schiedsrichter, die jedes Wochenende Kreisklassenspiele in Essen oder Chemnitz über die Runden bringen und natürlich Übungsleiter, die dafür sorgen, dass Kinder turnen lernen und sich dabei nicht verletzen. Sollte Finanzminister Schäuble das Geld für eine solche Party nicht auftreiben können, der Sportberichterstatter der „UZ“ würde mindestens einen Zehn-Euro-Schein von seiner Rente spendieren. Und vielleicht könnte auch der Kassenwart von Bayern München mal einen prüfenden Blick auf seine Konten werfen. Verdient hätten es die Platzwarte und die ehrenamtlichen Trainer jedenfalls!


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