Vor 45 Jahren – Zur Vorgeschichte der Marx-Engels-Stiftung

Auszüge aus der Rede von Georg Polikeit zum 195. Geburtstag von Friedrich Engels
|    Ausgabe vom 4. Dezember 2015

Für die Aktivitäten zum 150. Geburtstag von Frie­drich Engels im Jahr 1970 gab es zwei unterschiedliche Kreise von Veranstaltern. Zum einen die damals von einem SPD-Oberbürgermeister regierte Stadt, die sich bei ihrer Engels-Ehrung auf die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung und das Trierer Karl-Marx-Haus stützte. Zum anderen die erst zwei Jahre vorher neu konstituierte DKP, also die trotz des fortbestehenden KPD-Verbots wieder legal in der BRD existierende kommunistische Partei.

Beide Veranstaltungsreihen standen daher in einem gewissen Spannungs- und Konkurrenzverhältnis. Obwohl es auch gewisse Kontakte gab, allerdings vorwiegend auf administrativ-technischer Ebene. Schon weil die DKP für ihre Veranstaltungen auch städtische Gebäude wie die Stadthalle, das Opernhaus und das Haus der Jugend angemietet hatte.

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Die SPD-geführte Stadt hatte bereits vom 25.–29. Mai 1970 mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung eine vom Teilnehmerkreis her durchaus gewichtige „Internationale wissenschaftliche Konferenz“ durchgeführt.

Bemerkenswert und für die damalige politische Situation durchaus symptomatisch ist, dass neben Engels- und Marxismus-„Experten“ aus westlichen Ländern auch eine ganze Reihe Wissenschaftler aus Ostblockstaaten eingeladen worden waren. Darunter zum Beispiel Prof. Dr. Heinrich Gemkow vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Prof. Dr. Erich Hahn vom Institut für Gesellschaftswissenschaften und Prof. Dr. Jürgen Kuczynski von der Akademie der Wissenschaften der DDR sowie Prof. Dr. Alexander Malysch vom Institut für Marxismus-Leninismus des ZK der ­KPdSU. Wissenschaftler ähnlichen Rangs kamen aus Ungarn, Rumänien und Jugoslawien.

Von den Teilnehmern aus der BRD seien als Beispiele für die Bandbreite des vertretenen Spektrums Prof. Dr. Walter Fabian von den Gewerkschaftlichen Monatsheften, Dr. Claus Kernig vom Herder-Verlag Freiburg, Prof. Dr. Wolf Dieter Marsch von der Kirchlichen Hochschule Wuppertal und Prof. Dr. Hans Mommsen von der Ruhr-Uni Bochum erwähnt. Aber auch der Leiter des im Dezember 1968 in Frankfurt/Main neu gegründeten „Instituts für Marxistische Studien und Forschungen“ (IMSF), Professor Dr. Josef Schleifstein, Mitglied des DKP-Parteivorstands, gehörte zum Teilnehmerkreis.

Debattiert wurde in sieben thematisch abgegrenzten Sessionen, nämlich 1. Der junge Engels, 2. Engels als Geschäftsmann und Wirtschaftswissenschaftler, 3. Engels und die Militärwissenschaft, 4. Engels und die deutsche Arbeiterbewegung, 5. und 6. Engels und die internationale Arbeiterbewegung (in zwei Sessionen) und 7. Engels‘ Weltanschauung und Geschichtsauffassung.

Die Ergebnisse der Tagung sind später in einem Buch des in Hannover ansässigen Verlags für Literatur und Zeitgeschehen veröffentlicht worden. Die darin wiedergegebenen Texte widerspiegeln bei aller Gegensätzlichkeit der Einstellungen eine durchaus sachlich geführte Debatte, die sich um eine faktenorientierte wissenschaftliche Bearbeitung der Themen bemühten.

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Zum 150. Jahrestag des Engels-Geburtstags selbst hatte die Stadt mit Unterstützung der SPD-Führung zu einem Festakt in der Stadthalle mit geladenen Gästen eingeladen, auf der der erst im Jahr zuvor zum Bundeskanzler gewählte SPD-Vorsitzende Willy Brandt die Festrede hielt.

Brandt bemühte sich zwar, Friedrich Engels als bedeutende historische Persönlichkeit und „politischen Theoretiker“ darzustellen. Sein Hauptbestreben zielte jedoch darauf, Engels als einen „Wegbereiter der sozialen Demokratie“ darzustellen, dessen „wohlverstandenes Erbe“ ebenso wie das von Marx „bei denen am besten aufgehoben“ sei, „die ohne Dogma daran festhalten, dass es die menschliche Gesellschaft zu humanisieren gilt“.

Was natürlich heißen sollte, bei der damaligen SPD, die mit dem 1959 angenommenen Godesberger Programm den letzten Bezug auf die marxistische Theorie offiziell aus dem Parteiprogramm gestrichen hatte und sich auf die Anerkennung der „sozialen Marktwirtschaft“, das heißt der bestehenden kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung festgelegt hatte.

Dazu verbreitete Brandt unter Nutzung einer bekannten Falschinterpretation des von Engels 1895 geschriebenen Vorworts zur Neuauflage von Marxens „Klassenkämpfen in Frankreich“ u. a. ein weiteres Mal die alte Legende, Engels habe sich in seinen letzten Lebensjahren von einem klassenkampforientierten sozialistischen Revolutionär zu einem reinen Anhänger der Nutzung des allgemeinen Stimmrechts im Rahmen des bürgerlichen Parlamentarismus gewandelt.

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Die DKP legte mit ihren Veranstaltungen am gleichen Wochenende Wert darauf, Friedrich Engels nicht nur als „großen Mann“ der Vergangenheit, Theoretiker und museales Vorzeigeobjekt darzustellen, sondern sichtbar zu machen, dass die von Marx und Engels begründete marxistische Theorie mit ihren Weiterentwicklungen durch Lenin auch für die aktuellen Auseinandersetzungen immer noch von größter Aktualität und eine wichtige Orientierungshilfe ist. …

An der Internationalen Theoretischen Konferenz der DKP in der Stadthalle nahmen nicht nur Wissenschaftler, theoretisch Interessierte und Studenten teil, sondern in der Mehrzahl Arbeiter und Angestellte, Praktiker aus der Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, zahlreiche junge Menschen aus der DKP, SDAJ und anderen Jugendgruppen.

Zur Eröffnung gab es vier Referate …. Danach tagte die Konferenz in vier Arbeitskreisen. Sie befassten sich u. a. mit dem Zusammenhang des Kampfes um Demokratie und Sozialismus, Fragen der Aktionseinheit der Arbeiterklasse und der Bündnispolitik, mit dem Beitrag von Engels zur Entlarvung des Militarismus und dem heutigen Kampf um Frieden und Entspannung, mit den „Sozialismus-Modellen“ im Arsenal der Gegner des Sozialismus und dem Verhältnis zu den existierenden sozialistischen Staaten sowie mit der Auseinandersetzung mit Erscheinungsformen des rechten und linken Opportunismus, dem Verhältnis von Arbeiterklasse und Intelligenz und zwischen Marxisten und Christen.

Zu letztgenanntem Aspekt hielt der Wuppertaler Pfarrer Schneider einen beeindruckenden Diskussionsbeitrag.

Mit starkem Interesse aufgenommen wurde auch ein Grußwort von Prof. Dr. Wolfgang Abendroth an die Konferenz, in dem er auf Fragen der Studentenbewegung und den Kampf um eine demokratische Erneuerung der BRD unter Nutzung der Möglichkeiten des Grundgesetzes einging. …

In der abschließenden Plenarsitzung am zweiten Tag hielt Willi Gerns das Schlusswort. Darin sagte er u. a., ganz dem damaligen Empfinden und tatsächlichen Aufschwung der DKP nach ihrer Neuformierung entsprechend, wenn Willy Brandt in seiner Rede behauptet habe, der Marxismus sei zu einer Heilslehre gemacht worden, wie sie in der Geschichte kommen und gehen, so habe die Konferenz bewiesen, dass der Marxismus auch in der Bundesrepublik „keinesfalls geht, sondern vielmehr im Kommen ist“.

Zugleich hob Willi Gerns aber auch hervor, dass sich die DKP bei aller Auseinandersetzung mit den Angriffen der SPD-Führung auf den Marxismus von einer klaren Haltung zur sozialdemokratisch geführten Bundesregierung leiten lasse. Sie richte das Feuer keineswegs in erster Linie gegen die SPD-Führung und die von ihr geführte Bundesregierung. Vielmehr sei ihre Haltung von dem Grundsatz bestimmt: „Wir werden jeden Schritt dieser Regierung in Richtung Frieden, Demokratie und sozialen Fortschritt unterstützen. Wir werden sie aber immer dann kritisieren, wenn ihre Politik dem Monopolkapital dient und den Interessen der Arbeiterklasse widerspricht“. …

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Das Engels-Zentrum solle eine „Stätte der Begegnung“ werden, hatte sein erster Leiter Dr. Richard Kumpf gesagt, der später auch der erste Geschäftsführer und danach der erste Vorsitzende der Marx-Engels-Stiftung war. Das ist es in der Tat dann auch geworden. Bis 1989 hatte es mehrere tausend Besucher gehabt, individuell Interessierte, aber auch zahlreiche Gruppen, vor allem aus der DKP, der SDAJ und dem MSB Spartakus aus der ganzen Bundesrepublik im Rahmen ihrer Bildungsarbeit, aber auch von nicht der DKP nahestehenden Jugendgruppen, beispielsweise der Gewerkschaftsjugend, oder von Vereinen der in der BRD lebenden Menschen ausländischer Herkunft.

Das änderte sich allerdings spürbar mit der großen Wende von 1989/90. Das hatte zur Folge, dass die bisherige Form der Tätigkeit nicht weiter so beibehalten werden konnte. Auch die Gestaltung der Ausstellung, die stark von der in den 70er und 80er Jahren in der kommunistischen Bewegung gepflegten Vorstellung von einer Unumkehrbarkeit des Vormarschs zum Sozialismus geprägt war, entsprach nicht mehr der neuen Weltlage. Deshalb wurde sie nach längerer Diskussion abgebaut. Der große Versammlungssaal im Erdgeschoss wurde an ein privates Geschäftsunternehmen vermietet, um zur Finanzierung der Hauskosten und der Stiftung beizutragen, ebenso die daneben liegende Buchhandlung, die schon vorher wegen unzureichender Umsätze geschlossen worden war. …

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Für die Entwicklung der damaligen Bundesrepublik entscheidend war aber, gefördert durch die internationalen Ereignisse, der in den 60er Jahren zu verzeichnende spürbare Aufschwung vielfältiger außerparlamentarischer Bewegungen.

Das war nicht nur die Studentenbewegung der 68er, wie die führenden Meinungsmacher heute noch immer gerne nahelegen. Dazu gehörte in erster Linie das Erstarken der Friedensbewegung, sichtbar im raschen Anwachsen der Ostermarschbewegung. Die Bewegung gegen den 1964 eskalierten Vietnam-Krieg der USA verband sich mit der wachsenden Opposition gegen die Stationierung US-amerikanischer Atomwaffen auf deutschem Boden und gegen die von CSU-Chef Strauß und anderen geforderte Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen. Die sogenannte „Spiegel-Krise“ im November 1962 verband die Friedensbewegung stärker mit dem Kampf um Demokratie. Ab Dezember 1964 erwuchs daraus die wachsende Bewegung gegen die Notstandsgesetze, die mit dem Sternmarsch am 11. Mai 1968 nach Bonn ihren Höhepunkt erreichte.

Wichtig war auch, dass sich bereits ab Ende der 50er Jahre größere Teile der Gewerkschaften sowohl in der Friedens- und Abrüstungsfrage wie in der Frage der Notstandsgesetze in Übereinstimmung mit den Forderungen der außerparlamentarischen Bewegungen engagierten. Im Mai 1966 sprach sich der 7. DGB-Bundeskongress trotz der Beteiligung der SPD an der damaligen Regierung der Großen Koalition gegen die Notstandsgesetze aus.

Nach ersten großen Protestaktionen der Bergarbeiter gegen Zechenstilllegungen schon im August/September 1959 und den gewerkschaftlichen Protestkundgebungen gegen die geplanten Verschlechterungen bei der Krankenversicherung im Februar 1960 erschütterte die erste Rezession in der bundesdeutschen Wirtschaft Mitte der 60er Jahre die ökonomischen Grundlagen der langjährigen Praxis der Sozialpartnerschaft und der von SPD-Wirtschaftsminister Schiller praktizierten Einbindung der Gewerkschaften in die „konzertierte Aktion“. Mit den Septemberstreiks 1969 in der Stahlindustrie und im Bergbau, der größten spontanen Streikwelle seit 1945, bei der auch die Abqualifizierung als „wilde Streiks“ nicht mehr abschreckend wirkte, forderten zehntausende Beschäftigte angesichts der Gewinnexplosion der Großkonzerne höhere Löhne.

Das war das hier nun nur im Eilzugstempo, stichwortartig und mit dem Mut zu großen Lücken skizzierte Umfeld, in dem in den 60er Jahren auch ein neues Interesse am Marxismus entstand und zugleich die Bedingungen für eine legale Betätigung von Marxisten in der BRD trotz des fortwirkenden KPD-Verbots sich verbesserten.

Bereits ab Anfang 1963 konnte das legale Erscheinen der „Marxistischen Blätter“ in Frankfurt/Main als Zeitschrift der dortigen August-Bebel-Gesellschaft gesichert werden. Ab 1964 entwickelten sich zunehmende Möglichkeiten für individuelles öffentliches Auftreten einzelner Kommunistinnen und Kommunisten und danach auch für die Durchführung von Diskussionsveranstaltungen über die Aufhebung des KPD-Verbots. Im November 1964 wurde eine vielbeachtete Sendung des Magazins „Panorama“ mit Recherchen des Journalisten Lutz Lehmann über die Kommunistenverfolgung in der BRD im Fernsehen ausgestrahlt. Der ab März 1967 in Aktion tretende „Initiativausschuss für die Aufhebung des KPD-Verbots“ konnte zahlreiche Diskussionsveranstaltungen quer durch die ganze Bundesrepublik durchführen. Am 8. Januar 1968 erschien der Aufruf zur Gründung der SDAJ als am Marxismus orientierter Jugendorganisation, die am 5. Mai des gleichen Jahres zum Geburtstag von Karl Marx in Essen vollzogen wurde.

Dies alles führte schließlich zu der Situation, in der sich die bundesdeutschen Kommunisten, nicht ohne einige Bedenken und länger dauernde Debatten, entschlossen haben, am 25/26. September 1968 die Neukonstituierung einer legalen kommunistischen Partei in der BRD zu wagen, die über Erwarten positiv verlief.

Kurz danach, am 5. Dezember 1968, konnte in Frankfurt/M. das „Institut für Marxistische Studien und Forschungen“ unter Leitung von Prof. Dr. Josef Schleifstein und Dr. Heinz Jung gegründet werden. Im März 1969 schlossen sich über 60 bundesweit bestehende marxistische Bildungsgemeinschaften zur Vereinigung „Marxistische Arbeiterbildung“ zusammen. Am 12. Oktober 1969 wurde die „Assoziation Marxistischer Studenten“ (AMS) als Vorläufer das Marxistischen Studentenbundes Spartakus gegründet.

All dies gehört zum Vorfeld der „Engels-Renaissance“ anlässlich seines 150. Geburtstags in Wuppertal und damit auch der späteren Gründung der Marx-Engels-Stiftung.

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Ich kann und will hier keine Bilanz ziehen, was die Stiftung nun in den vergangenen Jahrzehnten geleistet und erreicht hat.

Festgehalten zu werden verdient meiner Ansicht nach aber, dass es wahrscheinlich zu ihren größten Leistungen gehört, dass sie heute immer noch existiert und weiter im Sinne der Satzung tätig ist, in der es bekanntlich heißt, Zweck des Vereins ist es, das wissenschaftliche Werk von Marx und Engels und seine geschichtliche Wirksamkeit zu erforschen.

Es gehört zu den Leistungen, dass die Stiftung die große Niederlage der kommunistischen Bewegung durch den Zusammenbruch der realsozialistischen Staaten und deren schwerwiegende Auswirkungen sowohl auf das weltpolitische Kräfteverhältnis und die Situation in Deutschland wie insbesondere auch auf das geistige Leben überlebt hat.

Und nicht nur überlebt hat, sondern auch den Weg zu einer Neuausrichtung ihrer Tätigkeit fand. Die Verbundenheit mit den Aktivitäten der DKP wurde zu einer marxistischen Theoriearbeit über die bisherigen Themen- und Teilnehmerkreise hinaus in Kooperation mit anderen Linkskräften erweitert. …

Bewahrung und Verbreitung der Grundlagen der marxistischen Theorie und kreative Erforschung neu auftretender Entwicklungen im Licht der marxistischen Theorie – ich denke, da steht unsere Stiftung auch in Zukunft noch vor enormen Aufgaben.


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Leserbrief zu »Vor 45 Jahren – Zur Vorgeschichte der Marx-Engels-Stiftung«, UZ vom 4. Dezember 2015





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