Wie sich Literaturwissenschaft mit Solidarität verbündet

Jahrestagung der Anna-Seghers-Gesellschaft in Mainz
Von Eva Petermann
|    Ausgabe vom 4. Dezember 2015
<p>Aufnahme von Anna Seghers während ihrer Rede vor dem II. Schriftstellerkongress in Madrid und Valencia „Zur Verteidigung der Kultur“; aus der Ausstellung „Bilder der Solidarität“.</p>
<p>Aufnahme von Anna Seghers während ihrer Rede vor dem II. Schriftstellerkongress in Madrid und Valencia „Zur Verteidigung der Kultur“; aus der Ausstellung „Bilder der Solidarität“.</p>

„Bilder der Solidarität“ begrüßten die Gäste der Anna-Seghers-Gesellschaft (AGS) im Foyer der Akademie für Wissenschaft und Kultur in der Geschwister-Scholl-Straße in Mainz, dem Geburtsort der weltberühmten Autorin von „Das siebte Kreuz“. Die anlässlich des Wissenschaftlichen Kolloquiums der Gesellschaft eröffnete Ausstellung des Hamburgers Benedikt Behrens zeigt bislang unbekannte Fotos aus dem Spanien der Jahre 1936/37, darunter Aufnahmen der jungen deutschen Exilfotografin Gerda Taro.

Ein Gedicht-Titel des Chilenen Pablo Neruda „Spanien im Herzen“ diente der ASG als Motto auf ihrer diesjährigen Jahrestagung zu „Anna Seghers und der Spanische Bürgerkrieg“. Im Bericht des Vorstands auf der vorgeschalteten Jahreshauptversammlung konnte der AGS-Vorsitzende Hans-Willi Ohl (Darmstadt) auf eine Vielzahl von Publikationen, Übersetzungen und Veranstaltungen verweisen. Die Schaupielerin Ute Kaiser stellte ihr neues Hörbuch zu „Die Legende von der Reue des Bischofs Jehan d’Aigremont von St. Anna in Rouen“ vor, einer erst spät von Pierre Radvanyi, dem Sohn von Anna Seghers, entdeckten Erzählung.

Fester Bestandteil der Arbeit der ASG ist außerdem die Kooperation mit Schulen. In der Gedenkstätte im Berliner Adlershof kann sich ASG-Vorstandsmitglied Monika Mel­chert über Mangel an Besuchern, nicht zuletzt Schulklassen, keineswegs beklagen.

Wie jedes Jahr stand eine Performance von Schülerinnen und Schülern am Anfang, in dem Fall von der Musik-Theater-AG der Integrierten Gesamtschule Anna Seghers. Für den Abend sah das Programm den Besuch des Theaterstücks „Der Kopflohn“ vor. Über die packende, für manchen Geschmack allerdings zu drastisch-brutale Umsetzung des gleichnamigen Seghers-Romans wurde anschließend mit dem Theater-Ensemble noch lebhaft diskutiert.

Seghers schrieb den Text im Jahr 1933 in Amsterdam, nach ihrer Flucht vor der Gestapo. Er handelt von der schleichenden Einnistung der Nazis auf dem Lande, denen sich die wenigen Mutigen der KPD vergeblich entgegenstellen. Drei Jahre später folgte dann in Spanien der Putsch Francos.

In Vorträgen von Experten aus Berlin und Hamburg, den USA und Madrid setzte sich ein bewegendes Bild jener dramatischen Ereignisse zusammen. Von deren Ausgang schien das künftige Schicksal Europas abzuhängen. Nicht zuletzt Intellektuelle und Künstler bezogen in Wort und Tat Position in diesem Bürgerkrieg, rund zwei Drittel der deutschsprachigen Exilschriftsteller kämpften auf Seiten der Republik.

Auch diesmal gelang es der ASG, im Tagungsprogramm Literaturwissenschaft mit Geschichtsforschung und politischem Engagement in eine sich gegenseitig bereichernde Balance zu bringen – wie es der großen kommunistischen Intellektuellen Anna Seghers auch zukommt.

Gertraud Gutzmann aus Massachusetts beschäftigte sich mit den späteren Seghers-Romanen „Das Vertrauen“ und „Die Entscheidung“, in denen ehemalige Spanienkämpfer jeweils gewichtige Rollen spielen. In der Erzählung „Die große Reise der Agathe Schweigert“ (in der DDR 1972 verfilmt) geht es direkt um Spanien: Wie sich die Mutter eines deutschen Spanienkämpfers zum Schauplatz des Geschehens begibt, um ihren Sohn zu finden.

Anna Seghers selbst hielt sich dort nur kurze Zeit auf. Sie begab sich zu dem II. Schriftstellerkongress „Zur Verteidigung der Kultur“ in Madrid und Valencia aus dem französischen Exil. Georg Pichler (Madrid) konnte zu dem Thema eine ganz besondere Rarität präsentieren: Er hatte lang verschollene Originalaufnahmen sowjetischer Kameraleute vom Kongress aufgestöbert. Darin war kurz auch Anna Seghers zu sehen, übrigens eine der ganz wenigen Frauen auf der Versammlung. Ausgerechnet ihre Rede jedoch ist in dem seinerzeit publizierten Sammelband der (vor Ort mitprotokollierten) Beiträge nicht enthalten, aus ungeklärten Gründen, so Pichler. Immerhin wurde ihr Auftritt in einer spanischen (anarchistischen) Zeitschrift als besonders kämpferisch gelobt.

Sie selbst habe ihren Aufenthalt in Spanien „als etwas ganz Entscheidendes“ empfunden – für ihr künstlerisches Schaffen wie für sich persönlich. Dies unterstrich nachdrücklich Pierre Radvanyi, der wie immer mit Frau und Sohn aus Paris gekommen war und begeistert begrüßt wurde.

Interessant auch Elisabeth Wagners Blick auf zwei andere Künstler, in deren Werk sich der Spanische Bürgerkrieg widerspiegelt: Peter Weiss („Die Ästhetik des Widerstands“) und Hans Magnus Enzensberger („Der kurze Sommer der Anarchie“). Die Referentin aus Berlin schilderte deren widersprüchliches Verhältnis zueinander, aber auch zur DDR, wo Anna Seghers und viele andere Exilschriftsteller ihren Wohnsitz gewählt hatten.

Unter den vielen spannenden und bewegenden Momenten dieser Tagung seien zwei emotionale Höhepunkte hervorgehoben: Der Vortrag über „Gedächtniskultur der Internationalen Brigaden in Spanien“ von Ana Perez (Madrid) als Vertreterin der „Asociación de Amigos de las Brigadas Internacionales“ und die Vorführung von „The Spanish Earth“.

Perez berichtete, dass erst im Oktober 2011 das erste Denkmal zu Ehren der Inter­brigadisten errichtet wurde, auf dem Campus der Universität zu Madrid. Dessen Berechtigung werde bis heute unter bürokratischen Vorwänden in Frage gestellt.

Schließlich durfte d a s mitreißende Dokument der internationalen Solidarität nicht fehlen: Der legendäre Dokumentarfilm „Spanische Erde“ von Joris Ivens, an dem 1937 die amerikanischen Künstler Ernest Hemingway und Orson Welles maßgeblich beteiligt waren.

Zum Ausklang des Symposiums las Erich Hackl (Wien und Madrid) auf einer Sonntagsmatinee aus seiner 2016 im Rotpunkt-Verlag erscheinenden Anthologie „So weit uns Spaniens Hoffnung trug“. Der Band wird nicht weniger als 42 Beiträge umfassen; auch Anna Seghers ist vertreten.

Für die nächste Jahrestagung, in Berlin, hat sich die Anna-Seghers-Gesellschaft wiederum ein hoch aktuelles Thema vorgenommen: Flucht und Exil. Beides musste Seghers, doppelt verfolgt als Jüdin und als Kommunistin, mit ihrer Familie höchst schmerzhaft selbst durchleben. Trotz alledem hat die Ehrenvorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes – wie ihr Freund und Genosse Pablo Neruda – Zeit ihres Lebens von dem Ziel einer selbstbestimmten Zukunft ohne Kapitalismus und Krieg nie abgelassen, in Wort und Tat.

Ausführlich dokumentiert wird das Symposium demnächst im „Argonautenschiff“, dem Jahrbuch der ASG. Das soll 2016 herauskommen, punktgenau zum 80. Jahrestag der Verteidigung der Spanischen Republik. No pasarán!

www.anna-seghers.de

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Leserbrief zu »Wie sich Literaturwissenschaft mit Solidarität verbündet«, UZ vom 4. Dezember 2015





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