Du lässt das Mädel zu viel laufen

Jürgen Kuczynski und Emanuel Bruck haben 1931 ein bemerkens­wertes Experiment mit einem KPD-Agitationsroman gewagt
Von Cristina Fischer
|    Ausgabe vom 4. Dezember 2015

Noch ist es ein Geheimtipp. Zur Buchvorstellung im Oktober im Max-Lingner-Haus waren nur ein Dutzend Besucher erschienen. Doch dem jungen Berliner disadorno Verlag ist ein Coup gelungen. Ein in diskretem Beige und Schwarz gehaltenes Buch in Oktavformat – das zurückhaltende Cover erinnert an Suhrkamp-Paperbacks, verzichtet dabei auf deren auffällige Farben. Wenn man den Deckumschlag aufklappt, erscheint darunter ein wie mit Hand gebundenes Buch, der Rücken professionell mit schwarzer Leinwand verstärkt. Auch innen ein schlichtes und durchdachtes Layout. Das klare Schriftbild und der wohlbemessene Zeilenabstand erfreuen das Auge und ermöglichen entspannte Lektüre. Ein einfaches grünes Lesezeichen aus Pappe verstärkt den Eindruck des Handgemachten. Am hinteren Buchumschlag klemmt ein Metallreiter, der ebenfalls als Lesezeichen und zum Einheften von Notizen benutzt werden kann. Eine Sorgfalt und ein Sachverstand, die auf dem Buchmarkt selten geworden sind.

K. Olectiv (d. i. J. Kuczynski und E. Bruck)
Die letzten Tage von …
Recherchen zum kollektiven Fortsetzungsroman in der „Roten Fahne“
Hrsg. v. Gaston Isoz und Thomas Möbius
207 S. disadorno edition Berlin 2015, 24.- Euro

Erst Recht, wenn es sich wie im vorliegenden Fall nicht etwa um ein exquisites philosophisches Werk, um raffinierte Prosa oder einen tiefsinnigen Lyrikband handelt, mit dem ein elitäres Publikum angesprochen werden soll – sondern um nichts anderes als einen dreisten kommunistischen Agitationsroman aus der „Roten Fahne“ von 1931! Damals stand die Revolution in Deutschland direkt vor der Tür, jedenfalls waren die linientreuen Autoren davon überzeugt. Übrigens nicht nur sie. Allgemein herrschte zu dieser Zeit die Auffassung, dass entweder die Nazis oder die Kommunisten zur Macht kommen würden, nachdem die „Weimarer Republik“ von ihren teils sozialdemokratischen, teils bürgerlichen Regierungen in ihre mehr oder weniger demokratischen Bestandteile zerlegt worden war. Die Weltwirtschaftskrise hatte ihr den Rest gegeben. Kaum jemand glaubte noch an sie.

Der Roman „Die letzten Tage von …“, der in täglichen Fortsetzungen von Oktober bis Dezember 1931 erschien, drückt diese Endzeitstimmung schon im Titel aus. Hauptfiguren sind der Berliner Metallarbeiter Fritz und seine Freundin, die Warenhausverkäuferin Käthe. Fritz ist aktives KPD-Mitglied, Käthe unpolitisch. Letzteres muss natürlich geändert werden. So sinniert der viel beschäftigte Fritz: „Du lässt das Mädel zuviel laufen. Du müsstest dich öfter mit ihr ernsthaft unterhalten.“ Gesagt, getan. Er hält ihr die neueste Ausgabe der „Roten Fahne“ unter die Nase und nimmt sie zur großen Kundgebung in den „Sportpalast“ mit. Sie fügt sich nur, weil er anschließend mit ihr ins Kino gehen will. Während der Kundgebung ist sie erst einmal irritiert. „Fritz merkte, was er alles versäumt hatte. Er hatte ihr so gut wie nichts erzählt. So erzieht man keine Kämpferinnen, sondern höchstens stille Frauen, denen der Kochtopf die Welt bedeutet.“

Damit wäre klargestellt, dass der kommunistische Arbeiter seine Freundin „erziehen“ muss. Dass sie sich selbst aufgrund ihrer Lebensumstände politische Gedanken macht, schien so gut wie ausgeschlossen. Auch dies war ein Grundprinzip der KPD-Politik: die bewusste Einbeziehung der proletarischen Frauen, für die gesonderte Versammlungen und Veranstaltungen, ja, sogar eine eigene uniformierte Organisation (der „Rote Frauen- und Mädchenbund“, RFMB) geschaffen wurden. Willi Münzenberg gründete im Juli 1931 die illustrierte Zeitschrift „Der Weg der Frau“, die bald eine Auflage von 100 000 Stück erreichte. Schon seit 1925 erschien „Die Kämpferin“, und auch die „Rote Fahne“ hatte eine Frauenbeilage.

Als der Roman im Zentralorgan der KPD zu laufen begann, war eine große Kampagne zu den Mitte November geplanten Frauendelegiertenkongressen der Partei in sieben Ländern Deutschlands im Gange. Dort sollen über 700 Frauen der KPD beigetreten sein. An den von der Partei 1931 im ganzen Land speziell für sie organisierten Kongressen und Tagungen sollen insgesamt 20 000 Frauen teilgenommen haben.

Eine ähnliche (leider oberflächliche) Politisierung erlebt dann auch die Romanfigur Käthe im Schnelldurchlauf. Zur nächsten Kundgebung, auf der über die Lage der Arbeiter in der Sowjetunion referiert wird, geht sie schon allein. Sie beginnt daraufhin, in der „Roten Fahne“ zu lesen, versteht allerdings noch nicht viel.

Doch im Handumdrehen wird sie in die politischen Ereignisse hineingezogen, erlebt einen Naziüberfall mit, wird verhaftet, besucht die Redaktion der „Roten Fahne“ und beteiligt sich an der Vervielfältigung von Flugblättern. Da bedarf es nur noch eines kleinen Winks einer Genossin, und sie füllt den Antrag auf Mitgliedschaft in der KPD aus. Das wird den Fritz freuen! Außerdem will Käthe nun die Warenhausabteilung, in der sie arbeitet, so richtig aufmischen und ihre Kolleginnen ebenfalls für den Kampf gewinnen. Sie muss in ihrem Elan gebremst werden- schließlich soll sie nicht ihre Entlassung riskieren und eine der weiteren zahllosen erwerbslosen Parteimitglieder werden …

Auch die ehemalige Arbeiterin Grete, aus Not zur Prostitution gezwungen, soll von ihrem Exfreund Fritz wieder auf den richtigen klassenkämpferischen Weg gebracht werden. Als er sie zu sich nach Hause einlädt, provoziert er damit allerdings einen Zornes- und Tränenausbruch der eifersüchtigen Käthe. Fritz reagiert hilflos, Grete geht ins Wasser und kann gerade noch gerettet werden. Schließlich sieht Käthe ihren Fehler ein und die beiden werden sogar Freundinnen. Aber Grete nimmt bei einem Naziüberfall ein blutiges Ende.

So schlicht gestrickt wie diese nah an der Tagesaktualität entwickelte Handlung ist auch die Figurenzeichnung. Die Sprache ist klar, im Umgangston gehalten, manchmal ruppig, auch humorvoll. Agitation, die – meist – Spaß macht. Ein literarischer Anspruch ist auf Anhieb nicht zu entdecken.

Doch machen die Herausgeber, der Verlagsleiter Gaston Isoz und Thomas Möbius, der das informative Vorwort verfasst hat, zu Recht darauf aufmerksam, dass es sich bei diesem Fortsetzungsroman um ein bemerkenswertes literarisches Experiment handelt, das seinesgleichen sucht. Kein weiterer kollektiv verfasster proletarischer Roman konnte bisher ermittelt werden. Übrigens handelte es sich eigentlich gar nicht um ein Autorenkollektiv, sondern bloß um ein Duo – nämlich den damaligen Wirtschafts- und den Feuilletonredakteur der „Roten Fahne“, Jürgen Kuczynski und Emanuel Bruck, die aber möglicherweise bei ihrer Schreibarbeit von ihren Kollegen unterstützt wurden. Wir haben nur das Zeugnis von Kuczynski, der auch berichtet hat, dass Ernst Thälmann persönlich dafür gesorgt habe, dass der Roman nicht weitergesponnen werden solle – angeblich aus Angst vor einem drohenden Verbot der Parteizeitung.

Die Fortsetzung des Romans orientierte sich ja Tag für Tag an den jeweiligen politischen Ereignissen und nahm auf Meldungen Bezug, die tatsächlich in der „Roten Fahne“ standen. Und als witziger, ja surrealistischer „Purple Rose of Kairo“-Effekt werden schließlich die Hauptfiguren Fritz und Käthe in die Redaktion eingeladen, um sich dort umzusehen und über ihr weiteres Romanschicksal zu entscheiden. Wurden hier nicht die Grundsätze des sozialistischen Realismus gröblich verletzt?

Ein Interview mit Thomas Kuczynski ergänzt diese ungewöhnliche Edition, die aufgrund ihrer sorgfältigen Gestaltung auch als Weihnachtsgeschenk empfohlen werden kann. Vielleicht will irgendein Fritz seine Käthe damit politisieren? Oder eine Käthe ihren Fritz beglücken?


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Leserbrief zu »Du lässt das Mädel zu viel laufen«, UZ vom 4. Dezember 2015





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