„Die respektieren nicht mal mich“

Franz Beckenbauer im Wandel der Zeiten
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 27. November 2015
Beckenbauer erhält 1990 den Bambi in der Leipziger Oper. (Foto: Bundesarchiv 183–1990-1127–023.)
Beckenbauer erhält 1990 den Bambi in der Leipziger Oper. (Foto: Bundesarchiv 183–1990-1127–023.)

Alle schrieben und palaverten über Beckenbauer. Alle schreiben und palavern über Beckenbauer und alle werden morgen über Beckenbauer schreiben und palavern. Und soll ich da nun über den Münchner Golfprofi Alex Cejka – derzeit lebt er in Las Vegas – schreiben, der im Halbfinale des Millionen-Dollar-Turniers in Mexiko gescheitert ist? Das geht nicht! Muss ich also auch über Beckenbauer schreiben. Aber was? Da fiel mir ein, dass ich 1974 Helmut Schön im Museum in Dublin begegnet war – wo er einen Journalistenpokal für die WM abgeholt hatte – und verraten muss ich Ihnen auch noch, dass Schön und ich 1948 nebeneinander gesessen hatten, als der FDGB und die FDJ die Ostzonen-Sportorganisation gründeten. Wir waren seitdem – behutsam formuliert – gute Bekannte. In Dublin fragte ich ihn, wie denn die bundesdeutsche Elf nach dem 0:1 von Hamburg reagiert hatte. Schön: „Vor dem Spiel hatte ich Sie gewarnt und Beckenbauer maulte: ‚Wir wissen woher Sie kommen!‘ In der Halbzeit entschuldigte er sich: ‚Die respektieren nicht mal mich! Unglaublich!‘“

Das fiel mir ein, als ich jetzt all die Schlagzeilen über Beckenbauer las und da entschloss ich mich, keine Zeile über Beckenbauer für die UZ zu schreiben, sondern ausnahmsweise cool bei anderen abzuschreiben.

Ich entschied mich für die Hamburger „Zeit“: „Über Beckenbauer wird zunehmend geredet, wenn es um die Moral des Fußballs geht. Sein Ansehen leidet. Für viele Fußballfans ist er zwar noch immer eine Lichtgestalt. Für viele andere längst eine Witzfigur, eine Art Doppelgänger von Dittsche. Doch ist er nach wie vor einer der gewieftesten Geschäftsmänner im globalen Fußballbusiness. Beckenbauer hat mit den beiden skandalösen WM-Vergaben an Russland und Katar im Dezember 2010 zu tun, er war als Mitglied der Fifa-Exekutive einer von 22 Wählern. (…)

Die aktuelle Spiegel-Story enthält eine andere pikante Mutmaßung: Beckenbauer könnte den Kataris seine Stimme als Dank für deren Unterstützung der WM 2006 gegeben haben. Das wäre ein noch höherer Preis für Deutschland als die 6,7 Millionen Euro. Katar missachtet Menschen- und Arbeitsrechte. Auch wenn Beckenbauer ‚keinen einzigen Sklaven gesehen hat‘, wie er sagte. Deutlicher wird Beckenbauers Inter­essenkonflikt bei der WM-Vergabe an Russland. Nur gut ein halbes Jahr nach der Wahl wurde er Sportbotschafter Russlands. Die Sache hat offensichtlich ein Geschmäckle, zumal eine englische Zeitung sogar bereits Mitte 2010 prophezeit hatte, dass Beckenbauer und Russland Geschäftspartner werden würden. Nachfragen verbittet er sich, auch über sein Honorar. ‚Die genaue Summe habe ich vergessen‘, sagte sein Manager (…) Er zählt zum Hof des Monarchen Beckenbauer und organisiert das Camp Beckenbauer, das jährliche Treffen des globalen Sportadels. Dort trifft man, wenn man Einlass erfährt, auch Fedor Radmann. Der jahrzehntelange Vertraute Beckenbauers hat beim ehemaligen Adidas-Chef Horst Dassler die Sportpolitik des Gebens und Nehmens gelernt. (…) Beckenbauer war schon als Spieler geschäftstüchtig. Robert Schwan, der Manager des FC Bayern, wurde sein persönlicher Manager. ‚Ich kenne nur zwei vernünftige Menschen: Robert Schwan am Vormittag und Robert Schwan am Nachmittag‘, sagte der. Die Werbegelder flossen, mit dem Fiskus nahmen es die beiden nicht so genau, stattdessen erfanden sie kreative Steuersparmodelle. ‚Es muss zwar sein, dass man einen Teil seines Einkommens an den Staat abführt‘, schrieb Beckenbauer in seiner Autobiografie. ‚Aber gleich so viel?‘ Später machte sich Beckenbauer gut als wandelnde Litfaßsäule. Er trat in Werbespots für teilweise konkurrierende Unternehmen auf. Seine Steuern zahlt er längst in Österreich, früher tat er das in der Schweiz. Beckenbauer durfte alles, auch wegen seiner Nähe zur CSU-Landesregierung. (…) Kein anderer hat im heiligen Fußball so viel gewonnen wie er. Weltmeister als Spieler und Trainer. Beckenbauer steht quasi über dem Gesetz. Mit ihm legt sich kaum ein Politiker an. ‚Wie Herr Beckenbauer unser Land regiert‘, lautete vor gut zehn Jahren der Untertitel eines Beckenbauer-Porträts im SZ-Magazin.“


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Leserbrief zu »„Die respektieren nicht mal mich“«, UZ vom 27. November 2015





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