Trostloser Alltag?

„Das (de)konstruierte Glück“ – eine zwiespältige Ausstellung der DDR-Fotografin Barbara Köppe in Berlin
Von Cristina Fischer
|    Ausgabe vom 13. November 2015
„Multitaskende Vieltaktweiber in den Mühen der sozialistischen Eintakt-Ebene“ . War das alles? (Foto: Nicolai Verlag)
„Multitaskende Vieltaktweiber in den Mühen der sozialistischen Eintakt-Ebene“ . War das alles? (Foto: Nicolai Verlag)

Kraftvoll und witzig ist das Foto der noch jungen Frau, die, einen gefüllten Einkaufskorb und einen Beutel in der Linken, ihr Baby in einem Tragetuch auf dem Bauch, sichtlich in Eile unter einer vollbehängten Wäscheleine verschwindet. Ihr Gesicht ist schon nicht mehr zu sehen. Die Mehrfachbelastung der berufstätigen Frau ist hier zum leicht komischen, leicht verzweifelten Bild geronnen.

Die Kunstexpertin der „Berliner Zeitung“, Ingeborg Ruthe, schwärmte in ihrem Artikel über die Ausstellung im Willy-Brandt-Haus enthusiastisch von „siebenarmigen Ost-Alltags-Göttinnen“ und „multitaskenden Vieltaktweibern in den Mühen der sozialistischen Eintakt-Ebene“.

Ausstellung im Willy-Brandt-Haus
Stresemannstraße 28
nur noch bis Sonntag, 15. 11., 12–18 Uhr
Eintritt frei (mit Ausweis)

Im Nicolai Verlag Berlin ist der empfehlenswerte
Katalog zur Ausstellung erschienen (24,95 Euro).

Die Fotografin Barbara Köppe, 1942 in Magdeburg geboren, hatte zunächst eine Ausbildung an der Letteschule in Westberlin absolviert, bevor sie in der DDR für Zeitungen und Zeitschriften zu arbeiten begann. Oft standen Frauen im Mittelpunkt ihrer Werke.

1989 lichtete sie für einen Artikel über Schwangerschaftsabbruch in der „Neuen Berliner Illustrierten“ Frauen in einer gynäkologischen Klinik ab; schon 1968 hatte sie es auf den Titel der Zeitschrift geschafft, als sie zwei Schauspieler neben dem – übrigens ziemlich erotischen – Plakat zur internationalen Fotoausstellung „Vom Glück des Menschen“ zeigte. Der damalige Ausstellungstitel wurde nun von der Kuratorin Ursula Röper zitiert oder eben „dekonstruiert“.

1982/83 gestaltete Köppe einen ersten eigenständigen Fotozyklus: „Fünfzehn Versuche über Frauen in künstlerischen Berufen“. Dafür begleitete sie u. a. die Malerin Nuria Quevedo, die Sängerin Sonja Kehler und die Schauspielerinnen Katja Paryla und Christine Schorn. Der Zyklus hatte Erfolg und wurde auf Ausstellungen präsentiert.

Die Fotografin schuf einprägsame Aufnahmen etwa von den Schriftstellern Stephan Hermlin, Heiner Müller und Hedda Zinner. Ihr Foto der ernsten, streng dreinblickenden Christa Wolf mit schräg geneigtem Kopf und vor der Brust gefalteten Händen an ihrem Schreibtisch gelangte in den Bildband des Aufbau-Verlages „Dichter im Frieden“ (1986).

In der Ausstellung zu sehen sind auch ein ausdrucksvolles Porträt der alten Anna Seghers und das eines offensichtlich etwas verlegenen Erwin Strittmatter. Das fröhliche Bild einer jungen Familie: der Schauspieler Ulrich Mühe und seine Frau, die Schauspielerin Jenny Gröllmann, mit ihrem Baby.

Kurz vor dem Ende der DDR entstand dann im VEB Kosmetik-Kombinat die Serie „Frauen – Schönheit – Schicht“. Das Kombinat war 1980 aus sechzig Einzelbetrieben gebildet worden, hatte diverse Produktionsstandorte im ganzen Land, darunter zunächst sieben Betriebsteile in Berlin. Es verfügte über 8000 Mitarbeiter, davon über 75 Prozent Frauen, und wurde seit 1985 von einer Generaldirektorin, im selben Alter wie Barbara Köppe, geleitet.

Es gab dort noch körperlich schwere Arbeit an für heutige Begriffe veralteten Maschinen unter unangenehmen, zum Teil ungesunden Bedingungen. Doch rechtfertigt das Fotos wie aus einem Zwangsarbeitslager? Da blickt ein verhärmtes Frauengesicht hinter einem kleinen, vergitterten Fenster hervor, dort zieht eine gebeugte Gestalt eine schwere Last hinter sich her. Am erschreckendsten das von einem grotesken Atemschutz verunstaltete Gesicht, von dem nur die traurigen Augen zu sehen sind.

Barbara Köppe wollte, wie sie 2012 berichtete, den „trostlosen, grauen Alltag“ dieser Arbeiterinnen schildern. Dabei spielte sicherlich eine Rolle, dass sie selbst als Künstlerin und Model einer ganz anderen, privilegierten Schicht angehörte und von der Wirklichkeit der Betriebe schockiert war.

So hat sie in ihrer Serie die negativen Seiten der damaligen Arbeits- und Lebensbedingungen in den Vordergrund gestellt. Ihre Empathie mit den abgebildeten Frauen ist fühlbar. Mutig war das 1988/89 schon nicht mehr. Berechtigt war es als Polemik gegen beschönigende Darstellungen in DDR-Medien durchaus.

Doch heute, für sich genommen, wirken diese Fotos denunziatorisch: „Seht her, so haben Frauen in der DDR leben müssen.“ Was waren Vollbeschäftigung und zunehmende Gleichberechtigung, Mütterschutz und Babyjahr wert, wenn Frauen im Betrieb durch eklige Pfützen waten und ihre schmutzigen und von Laugen zerfressenen Hände an altmodischen Apparaturen hantieren mussten, und wenn in den Pausen ein hässlich tapezierter Raum mit Erich-Honecker-Bild auf sie wartete?

Ein Besucher kommentierte dementsprechend im Gästebuch der Ausstellung, hier könne man sehen, wie es im Sozialismus wirklich gewesen sei. Auch das „Neue Deutschland“ stellte fest, die Fotografien erlaubten „Blicke in die DDR, wie sie war“.

Aber wie war die DDR? „Grau und trostlos“? Und sonst?

Die Generaldirektorin des VEB Kosmetik-Kombinats, Christa Bertag, deren Porträt in der Ausstellung zu sehen ist, hat im Oktober 2013 in Berlin einen Vortrag über ihre Arbeit gehalten.*

Das Kombinat sei 1989 der größte Kosmetikbetrieb in Europa gewesen, erzählte sie damals, mit einer „Riesenkapazität“, moderner Wasseraufbereitung und einer eigenen Forschungsabteilung. Ein umfangreiches Sortiment, einige tausend verschiedene Produkte wurden hergestellt. Man musste den gesamten Kosmetikbedarf der DDR-Bevölkerung abdecken und hatte zudem Verpflichtungen gegenüber der Sowjetunion zu erfüllen. Zahnpasta gegen Erdöl, wie sich Bertag lachend erinnerte.

Sie gestand auch ein, dass sie zunächst einen „Schock“ erlitten hatte, „entsetzt“ war, als sie das Kombinat übernahm, so rückständig seien manche Abteilungen gewesen. Sie setzte sich für bessere Produktionstechniken ein; moderne Maschinen aus dem NSW, dem „nichtsozialistischen Währungsgebiet“, waren jedoch schwer zu bekommen. Möglichkeiten der Refinanzierung fehlten, da nur in sozialistische und Entwicklungsländer exportiert wurde. Bertag ist deshalb stolz auf eine „Gestattungsproduktion“, die mit Beiersdorf zustande kam. Man produzierte also Niveacreme für den Westen und holte auf diese Weise Valuta ins Haus. Bertag, für die ihre außergewöhnliche Arbeit als Leiterin eines Riesenbetriebs kein „Job“, sondern eine Herausforderung war, hat auch die Zerlegung des Kombinats nach dem Ende der DDR miterleben müssen. Ein Kapitel für sich. Einige Betriebsteile wurden von der „Treuhand“ privatisiert. Ein Großteil der von Köppe so bedauernswert ins Bild gesetzten Mitarbeiterinnen ist demnach kurze Zeit später auf die Straße gesetzt worden. Davon gibt es wohl kaum Fotos. Und wenn, dann werden sie vorläufig nicht auf großen Ausstellungen gezeigt und nicht als „Entdeckung“ gefeiert.

* http://www.kombinatsdirektoren.de/erzaehlsalon/christa-bertag-2013–10-10.html


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Leserbrief zu »Trostloser Alltag?«, UZ vom 13. November 2015





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