Der Fall Petter Northug

Norwegens Skiverband knickt – vorerst – nicht ein
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 6. November 2015
Das bekannte Bild: Northug jubelt schon, während die anderen sich noch abmühen. (Foto: Wikimedia Commons, Frankie Fouganthin)
Das bekannte Bild: Northug jubelt schon, während die anderen sich noch abmühen. (Foto: Wikimedia Commons, Frankie Fouganthin)

Die Norweger schwärmen für Northug, der elfmal Ski-Langlauf-Weltmeister wurde, und verzeihen ihm sogar Sünden, die keinem anderen Norweger nachgesehen würden. So die Affäre, als er stinkbesoffen (1,65 Promille Alkohol im Blut) nicht nur einen Autounfall unweit Trondheim verursachte, sondern obendrein danach auch weitergerast war, und als man ihn dann doch noch erwischte, behauptete, sein Freund hätte den Wagen gefahren. Der Skistar wurde zu einer Geldstrafe von 185 000 norwegischen Kronen (22 500 Euro) verurteilt, die er wohl auf seinen Konten gehabt haben dürfte, aber zudem auch noch zu 50 Tagen Gefängnis. Und damit hätte er im Knast gesessen, als die Weltmeisterschaft stattfand. Weltweit hätte er wohl vielerorts auf den Versuch, die nächsten Titel zu holen, verzichten müssen – aber nicht in Norwegen! Wegen dieser Weltmeisterschaft verwandelte das Gericht die Knast-Strafe in Hausarrest plus Fußfessel.

Der geschockte Star bekundete angemessene Reue: „Ich habe meine Nächsten und die, die zu mir aufblicken, enttäuscht. Ich werde mich für den Rest meines Leben dafür schämen.“ Der Doppel-Olympiasieger von Vancouver zeigte sich denn auch dankbar, trainierte rund um die Uhr und fügte während der WM im schwedischen Ski-Walhalla Falun seiner einmaligen Karriere die WM-Titel Nummer zehn (im Sprint), elf (im Teamsprint) und zwölf (in der Staffel) hinzu.

Northug ist seitdem also Welt-Rekord-Weltmeister und hat seinen großen Landsmann Björn Daehlie entthront. Der ist freilich fast 15 Jahre nach seinem Rücktritt in Norwegen noch immer populär – und beliebt. Northug dagegen muss nun immer gewinnen, um bejubelt zu werden. Obendrein kann er es bei „einfachen“ Siegen nicht bewenden lassen. Den Höhepunkt seiner bis zur Engstirnigkeit wachsenden Eitelkeit hatte er sich bei der WM 2011 in Oslo geleistet, als er den schwedischen Schlussläufer überholte und Zentimeter vor der Ziellinie gelangweilt auf ihn wartete und dann hinter sich ließ.

Nach solchen Triumphen glaubte er, nun auch den norwegischen Verband mit einer fetten Gage austricksen zu können. Er teilte den Oberen mit, dass er bei den nächsten Weltmeisterschaften zwar offiziell für Norwegen starten würde, auf dem Trikot aber das Emblem eines österreichischen Erfrischungsgetränk-Produzenten tragen würde. Die Kommerzialisierung des Sports hätte damit eine neue Etappe erreicht. Man erinnert sich: Bis 1961 waren bei der Tour de France nur Nationalmannschaften gestartet, 1967 und 1968 kehrte man noch einmal zu dieser Regelung zurück, aber dann berief sich der Weltradsportverband darauf, dass die Tour ja kein vom Verband arrangiertes Rennen sei und gestattete, dass nur noch Fabrikmannschaften starteten. Northug plädierte nun also dafür, künftig auch bei Ski-Weltmeisterschaften diese Variante anzuwenden, durch die Siegerliste mitzuteilen, dass Schulze (Firma XYZ) gewonnen habe. Die Firma, die ihm vorgeschlagen hatte, das zu fordern, glaubte, clever beraten gewesen zu sein, weil sie sicher war, dass niemand dem Super-Weltmeister etwas abschlagen würde. Die Manager hatten sich jedoch geirrt. Der norwegische Skiläuferverband teilte Northug mit, dass er für seinen neuen „Besitzer“ durchaus als „Privatläufer“ beim legendären Wasalauf oder sonstwo starten könne, die Mannschaften für die Weltmeisterschaft aber nach wie vor nur der Verband nominiert.

Man sollte dem norwegischen Skiverband einen Orden verleihen, vielleicht sogar den Friedens-Nobelpreis, weil er – was kaum jemand bemerkte – fürs erste Olympia gerettet hatte. Was die maßlosen Fernsehübertragungen bewirkten, hatte der FIFA-Skandal deutlich genug gemacht. Allein die Vergabe der Spiele erwies sich als enormer Werbefaktor. Wie könnte ein Land prächtiger für sich werben als durch eine WM oder gar Olympia? Was aber hatte Olympia durch seine „Sponsoren“ erreicht? Um Haaresbreite wäre Ringen vom Programm gestrichen worden. Weil es nicht „aufregend“ genug sein soll. Programmänderungen um der Werbung willen. Ich weiß nicht, wie reich der Norwegische Skiverband ist und wie viele Millionen ihm der Erfrischungs-Getränkler hinter Northugs Rücken geboten hatte? Nochmal: Der Norwegische Skiverband hat einen Orden verdient. Vielleicht sollte man eine „Coubertin-Medaille“ stiften …


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Leserbrief zu »Der Fall Petter Northug«, UZ vom 6. November 2015





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