Auf der Mordliste der Gladio-Putschisten

Vor 40 Jahren wurde Pier Paolo Pasolini ermordet
Von Gerhard Feldbauer
|    Ausgabe vom 6. November 2015

In der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975 fiel Pier Paolo Pasolini einem furchtbaren Verbrechen zum Opfer. In Ostia wurde er von mehreren Männern überfallen schwer misshandelt und dann umgebracht. Gegen die Hintermänner wurde nicht ermittelt. In seinem preisgekrönten biographischen Roman „In der Hand des Engels“ (1985) verbreitete Dominique Fernan­dez die Version, der Dichter habe den Tod gesucht. Er orientierte sich an Pasolinis letztem Film „Salò oder die 120 Tage von Sodom“, in dem er nach Marquis de Sade fiktiv die grausamen Zustände in einem Gefangenenlager in Salò, dem Sitz des Mussolini-Regimes am Gardasee unter der Okkupation der Hitlerwehrmacht, gestaltete. Den umstrittenen Film haben Resignation und Lebensekel geprägt.

Zur Wahrheit stieß Marco Tullio Giordana in dem dokumentarischen Spielfilm „Pasolini, ein italienisches Verbrechen“ vor. In dem 1996 auf dem Festival in Toronto uraufgeführten Streifen stellte er die Tat als einen politisch motivierten Mord dar. Als 30 Jahre nach seinem Tod die Ermittlungen neu aufgenommen wurden, identifizierte die „Neue Zürcher Zeitung“ am 12. November 2005 „Faschismus, Mafia und Geheimdienste“ als „mögliche Täter“. Eine späte Erkenntnis, denn schon in den 70er Jahren war bekannt geworden, dass Pasolini zusammen mit anderen linken Schriftstellern, darunter Alberto Moravia, 1964 auf den Mordlisten der von der CIA-Truppe Gladio geführten faschistischen Putschisten stand. Denn Pasolini war nicht nur der vielseitige weit über Italien hinaus einmalige Künstler, sondern auch ein überaus gebildeter kommunistischer Intellektueller, der auf dem Weg war, ein führender Ideologe zu werden, wie Giorgio Galli in seiner Pasolini-Biografie (Laika 2014) schrieb.

Ich bin Pasolini selbst zweimal begegnet, zuletzt wenige Wochen vor seinem schrecklichen Tod im November 1975. Ich war erstaunt, wie fundiert er sich zu den 1973/74 bekannt gewordenen neuen faschistischen Putschversuchen äußerte. „Ich weiß die Namen der Verantwortlichen für das, was man Putsch nennt“, hatte ihn der Corriere della Sera am 14. November 1974 zitiert. Er charakterisierte die Putsche als „ein System der Herrschaftssicherung“, und verwies auf die „Unterstützung des amerikanischen CIA“ und die „der griechischen Obristen und der Mafia“ und vergaß auch den „11. September 1973 mit dem Putsch in Chile“ nicht. Nach dem Sturz des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende hatten die Faschisten der Mussolini-Nachfolgerpartei Movimento Sociale Italiano (MSI) offen eine „chilenische Lösung“ für Italien propagiert.

Pasolini war eine faszinierende Persönlichkeit, deren hageres Gesicht mit den asketischen Zügen unter dem schwarzen Haar und dem durchdringenden Blick sich unauslöschlich einprägte. Seine politischen Gedanken, die er streitbar und manchmal mit einem Anflug von Besessenheit darlegte, waren von einer Scharfsinnigkeit, die kaum einer seiner Genossen in der Italienischen Kommunistischen Partei (IKP) aufzuweisen hatte. Die politischen Aussagen des „geistigen Korsaren des sozialen und politischen Lebens, vielseitigen Künstlers, Dichters, Romanciers, Dramatikers, Filmemachers, Philologen, Kritikers, Journalisten und Polemikers“, wie die staatliche italienische Nachrichtenagentur ANSA ihn zu seinem 40.Todestag würdigte, hatten mehr Gewicht als Wertungen der Führung der IKP, die zu dieser Zeit den Weg der Klassenzusammenarbeit mit der großbourgeoisen Democrazia Cristiana (DC) einschlug, was Pasolini entschieden verurteilte.

Das bürgerliche Staatsmodell, zu dem sich die IKP bekannte, nannte Pasolini „eine Scheindemokratie“; im Scheitern der Studentenrevolte von 1968, die er als „ein kurzes bürgerliches Strohfeuer“ charakterisierte, sah er bereits „ein Vorzeichen für die unmittelbar anstehende reaktionäre Wende“, die in die Ermordung des linken DC-Führers Aldo Moros mündete. Die Schärfe der politischen Gedanken Pasolinis zeige sich in seiner Ansicht, dass „die Masse der kommunistischen und progressiven Stimmen (hätte) dazu verwendet werden können, eine „liberale Revolution“ im Sinne Piero Gobettis zu verwirklichen, anstelle eines in Wahrheit unmöglichen „Historischen Kompromisses“ oder eines ebenso unmöglichen „italienischen Weges zum Sozialismus“. Obwohl Pasolini sich zum revolutionären Marxismus bekannte, von dem die IKP spätestens seit Anfang der 70er Jahre abrückte, stand er weiter zu ihr, was in seiner Verbundenheit mit deren Basis wurzelte.

Mitte der 50er Jahre war Pasolini als Schriftsteller mit seinen Büchern „Ragazzi di Vita“ (1955) und „Una Vita vio­lenta“ (1959) sowie durch seine ersten Filme „Accatone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß“ (1961) und „Mamma Roma“ (1962 mit Anna Magnani) als Regisseur rasch auch international bekannt geworden. Er schrieb Gedichte und Essays in bildhafter, lebendiger Sprache, verfasste Streitschriften (Freibeuterbriefe, Lutherbriefe, Paulusbriefe) die seine kommunistische Gesinnung bezeugten, aber auch seine Sicht auf religiöse Gefühle ausdrückten, was auch seine verfilmte Matthäus-Evangelisation zeigte. In der Lyrik sind „Gramscis Asche“ (1957) und „Die Nachtigall der katholischen Kirche“ (1958) zu nennen, von den Romanen „Der Traum von einer Sache“ (1962) und „Ali mit den blauen Augen“ (1965). In der Bundesrepublik erschienen viele seiner Werke bei Wagenbach.

Seine Homosexualität hat Pasolini nie verheimlicht. Anschuldigungen einer Beziehung zu einem Minderjährigen, die 1948 zu seiner Entlassung als Lehrer führten, hat er entschieden zurückgewiesen und sie konnte ihm auch nicht nachgewiesen werden. Die IKP nahm das dennoch zum Anlass, ihn auszuschließen. Er blieb trotzdem ihr treuer und engagierter Sympathisant. Seine Hinwendung war der Liebe eines Kindes vergleichbar, das sich nach Zuneigung sehnt. Im Leben nicht erwidert, wurde sie ihm im Tode zuteil. Unter den Tausenden Trauergästen befanden sich viele Parteimitglieder, an ihrer Spitze Generalsekretär Enrico Berlinguer. Alberto Moravia sagte in seiner Totenrede: „Jedes Jahrhundert werden nur drei oder vier Dichter geboren, und wir haben einen Dichter verloren.“


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Leserbrief zu »Auf der Mordliste der Gladio-Putschisten«, UZ vom 6. November 2015





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