Erinnern an die Pogromnacht vor 70 Jahren

Von -ler
|    Ausgabe vom 6. November 2015

Breites Bündnis gedenkt der Opfer in Bad Cannstatt

Am 9. November 1938 brannten in ganz Deutschland Synagogen, angezündet nicht von einem wütenden Mob, sondern wie in Stuttgart von der Feuerwehr, organisiert, vorbereitet und angestiftet von Partei, Regierung und Behörden des faschistischen Staates. Am nächsten Tag wurden jüdische Geschäfte geplündert, zehntausende jüdische Menschen gejagt, in KZs verschleppt und über 100 ermordet.

Auch die Synagoge in Cannstatt wurde in dieser Nacht angezündet. Die Geschwister Josef und Jette Buxbaum, die in Cannstatt eine Metzgerei betrieben, gehörten zu den Opfern des faschistischen Pogroms. Eine Frau berichtet: „Ich war zufällig Augenzeugin, als Anhänger der SA in Uniform mit Spitzhacken die Fenster des Metzgerladens zertrümmerten am 8./9. November 38. Es war grausam! Danach waren beide Buxbaums verschollen.“ Sie trauten sich nicht mehr auf die Straße, wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert und später im Vernichtungslager Treblinka umgebracht.

Die Gewalt erreichte einen neuen Höhepunkt.

Das Pogrom war Teil der Vorbereitung und der Einstimmung der Bevölkerung auf den Eroberungs- und Vernichtungskrieg, in dessen Verlauf auch die planmäßige Ermordung der jüdischen Bevölkerung Europas erfolgte. Auf den November 1938 folgte die Zerschlagung der Tschechoslowakei im März 1939 und der Überfall auf Polen am 1. September. Am Ende des gigantischen Raub- und Eroberungsfeldzuges standen Auschwitz und 60 Millionen Tote.

Um daran zu erinnern und um zu verhindern, dass eine vergleichbare Politik jemals wieder die Macht übertragen bekommt, führt das „Bündnis zum Gedenken an die Pogromnacht in Bad Cannstatt“ dieses Jahr zum 6. Mal eine Gedenkveranstaltung durch. Die Veranstaltung beginnt um 16.30 Uhr am Platz der ehemaligen Synagoge in Bad Cannstatt in der König-Karl-Straße 45–47.

Unterstützt wird das Bündnis von den Organisationen:

Antifaschistisches Aktionsbündnis Stuttgart (AABS), Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart, „Arbeit Zukunft“ Stuttgart, Cannstatter gegen Stuttgart 21, DIDF Stuttgart (Föderation demokratischer Arbeitervereine), Partei „Die Linke“ Stuttgart, Partei „Die Linke OV Bad Cannstatt, DKP (Deutsche Kommunistische Partei) Stuttgart, Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba Regionalgruppe Stuttgart, Grüne Jugend Stuttgart, Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e. V.; Linksjugend [‚solid] Stuttgart, Piratenpartei Deutschland Kreisverband Stuttgart, SÖS Stuttgart Ökologisch Sozial, ver.di Bezirk Stuttgart, SDAJ (Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend) BadenWürttemberg, VVN-BdA Vereinigungder Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten, Verein Zukunftswerkstatt e. V. Zuffenhausen, Waldheim Gaisburg, Waldheim Stuttgart e. V./Clara Zetkin Haus, Zukunftsforum Stuttgarter Gewerkschaften.

 

Gedenktafel im Chemnitzer Hauptbahnhof

Der Bürgerverein „FUER Chemnitz“, die Jüdische Gemeinde Chemnitz sowie die VVN-BdA laden herzlich zur Enthüllung der Gedenktafel in Erinnerung an die Deportation für den 9. November 2015, um 17.00 Uhr in die Eingangshalle des Chemnitzer Hauptbahnhofes ein.

An diesem Tag soll durch die Anbringung einer Gedenktafel im Hauptbahnhof an die Chemnitzer Bürgerinnen und Bürger erinnert werden, welche durch die brutale Ausweitung des nationalsozialistischen Terrors den Weg in die Vernichtungslager antreten mussten. Juden, Sinti und Roma, Theologen, Mitglieder der verbotenen KPD und SPD.

Die Idee zur Anbringung dieser Tafel entstand 2008 anlässlich der Ausstellung „Zug der Erinnerung“, wurde initiativ aufgegriffen von Herrn Dieter Nendel, realisiert durch den Bürgerverein „FUER Chemnitz“, die Jüdische Gemeinde Chemnitz und der VVN-BdA.

Die Tafel wurde von Prof. Karl ­Clauss Dietel mit einem Text von Dr. Jürgen Nitsche gestaltet. Justin Sonder und Siegmund Rotstein werden die Enthüllung der Tafel vornehmen. Sven Schulze (Bürgermeister), Hans-Rüdiger Minow (Zug der Erinnerung e. V., Vorstandssprecher), Dr. Jürgen Nitsche (Historiker) und Dieter Nendel (Initiator) wurden um Redebeiträge gebeten. Die kulturelle Ausgestaltung erfolgt durch den Chor der Jüdischen Gemeinde „Schir Semer“ und das Cello-Duo Clara Dietze und Jonathan Fröhlich.


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Leserbrief zu »Erinnern an die Pogromnacht vor 70 Jahren«, UZ vom 6. November 2015





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