„Achtung Hochspannung“

9. Hamburger Krimifestival
Von Birgit Gärtner
|    Ausgabe vom 30. Oktober 2015

„Achtung Hochspannung“ ist das Motto des vom Literaturhaus Hamburg organisierten 9. Hamburger Krimifestivals vom 3.–7. November 2015 in der Kulturfabrik „Kampnagel“. Hochspannung ist bei der Liste illustrer internationaler Autorinnen und Autoren garantiert. Allerdings bleibt zu Gunsten der Ansammlung preisgekrönter Literatinnen und Literaten Hamburger Lokalkolorit etwas auf der Strecke.

Kluftinger-Krimis mit Herbert Knaupp in der Rolle des mürrischen und zuweilen leicht grantigen Kommissars, der im Allgäu lustlos für Recht und Ordnung sorgen muss, garantieren kurzweilige TV-Unterhaltung. Im Rahmen des Krimifestivals bringen die beiden Schöpfer der Allgäuer Kult-Krimis, Volker Klüpfl und Michael Kobr, erstmals ihre neue Multi-Media-Show „My Klufti“auf die Bühne.

9. Hamburger Krimifestival
3.–7.November 2015
Kampnagel, Jarrestraße 20, 22303 HH

Auch der Alpen-Kommissar Hubertus Jennerwein von Jörg Maurer ist inzwischen zur Kultfigur avanciert. Im verflixten siebten Band muss ein schwedischer Arzt, ein ehemaliges Mitglied des Nobel-Komitees, dran glauben. Dabei will er doch bloß seinen Ruhestand im deutschen Postkartenidyll genießen. Das Gärtnern wird ihm zum Verhängnis. Oder vielleicht auch nicht. Jedenfalls gerät er irgendwie mitsamt der Birkenstämme in den Häcksler.

„Dosenbier und Frikadellen“, das wusste Klaus-Peter Wolf 1979 zu schätzen. Seitdem steht der Name für gesellschaftskritische Krimis: Schon Anfang der 1980er Jahre setzte er sich kritisch mit dem Thema Abschiebung auseinander. Heute lebt der westfälische Autor in Ostfriesland und hat es nach der „Ostfriesenkiller“, der „Ostfriesensünde“ und dem „Ostfriesenmoor“ mit der „Ostfriesenwut“ zu tun. Darin gerät Ermittlerin Ann-Kathrin Klaasen „in eine ganz große Geschichte, die über das Wohl und Wehe aller Menschen in Ostfriesland entscheidet“.

Wo von Kriminalliteratur die Rede ist, ist Agatha Christie nicht weit. So auch beim Hamburger Krimifestival: Die „Queen of Crime“ war berühmt für ihre Reiselust. Der Schriftsteller Helge Timmerberg lädt ein zu einer Reise durch die spannendsten Kriminalfälle Christies. Dabei kommen sowohl Miss Marple als auch Hercule Poirot zu Wort.

Die Qualität der Schweden-Krimis stellten schon Maj Sjöwall & Per Wahlöö sowie der kürzlich verstorbene Henning Mankell unter Beweis. Michael Hjorth und Hans Rosenfeld sind die neuen Sterne am schwedischen Krimihimmel. Ihr Krimi-Held, oder besser Anti-Held, der Polizeipsychologe Sebastian Bergmann, stößt auf einen Gegenpart, der in Sachen Bildung das Sein hinter dem Schein sucht, und Blendern mit aller Konsequenz das Handwerk legt. Wer jetzt an Guttenberg, Schavan oder von der Leyen denkt, liegt nicht ganz falsch. In jedem Fall hätte die Kanzlerin den Opfern vermutlich ihr vollstes Vertrauen ausgesprochen.

Das Gerne Frauenkrimi darf bei einem internationalen Festival nicht fehlen. In Hamburg vertreten durch Val Mc Dermid, der „Meisterin der genau recherchierten, psychologisch fein austarierten Kriminalliteratur mit atemberaubenden Plots, fesselnder Spannung und starken Frauen“. David Nathan liest aus ihrem Werk „Der lange Atem der Vergangenheit“, der uns den kalten Hauch des Kriegs, genauer des Balkankriegs, entgegen bläst.

Illustre Namen und packende Themen versprechen spannende Literatur-Abende. Der Blick ins Programm lässt jedoch eine geballte Ladung Hamburger Lokalkolorit vermissen. Vertreten etwa durch die Schriftstellerin Doris Gercke und ihre kauzige Ermittlerin Bella Block mit Vorliebe für Gedichte von Alexander Blok und russischen Wodka. Oder Christian von Ditfurths nicht minder kauzigen Protagonisten Josef-Maria Stachelmann, seines Zeichens Dozent für Geschichte an der Hamburger Uni, mit einem ausgeprägten Hang zu Fettnäpfchen.


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Leserbrief zu »„Achtung Hochspannung“«, UZ vom 30. Oktober 2015





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