Meine progressive Woche

Vom 17. bis 23. Oktober
Von Adi Reiher
|    Ausgabe vom 30. Oktober 2015

Mittwoch
Um den Teufel zu verwirren, haben die Malteser die meisten ihrer etwa 300 Kirchen mit zwei Uhren versehen. Nur eine zeigt die richtige Zeit, die andere ist nur ein blindes Zifferblatt. Die Rechtgläubigen sind anscheinend der Überzeugung, dass Beelzebub blöd genug ist, dadurch die rechte Zeit zum Stören des Gottesdienstes oder zum Einkassieren einer armen Seele zu verpassen. Wenn‘s denn hilft.

Diese Verwirrung hat sich anscheinend auch auf Mario Draghi übertragen, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Deren Rat tagt auf Malta, dem kleinen Inselstaat, der seit 2004 Mitglied der EU ist. Draghi jedenfalls sendet im Vorfeld der Tagung widersprüchliche Signale. Der Leitzins sinkt, der Leitzins bleibt; der Aufkauf von Staatsanleihen wird planmäßig fortgesetzt, der Aufkauf wird erweitert. Letzteres würde bedeuten, dass noch mehr als 1,1 Billionen Euro in den Kapitalmarkt gedrückt werden. Das wäre wohl das Eingeständnis, dass diese Politik gescheitert ist. Der Bankenkrach von 2008 würde sich auf höherer Stufenleiter wiederholen. Am Ende haben die Damen und Herren der EZB aber doch noch die richtige Uhr gefunden. Es bleibt alles beim Alten: Der Zeiger steht nach wie vor auf 5 vor 12. Jetzt blickt alles gespannt nach Frankfurt, dort soll am 3. 12. die nächste Ratssitzung stattfinden. Kirchen mit zwei Uhren gibt es dort eher nicht.

„Ich höre grundsätzlich immer erst fünf Minuten nach zwölf auf“, dröhnte es stattdessen dort – wie überall im Reich – aus dem Volksempfänger. Er habe alle Zeit der Welt, um Stalingrad zu nehmen, sprach Hitler im November 1941. Drei Monate später kapitulierte die 6. Armee. Mal sehen, wie lange die EZB noch durchhält.

Donnerstag
Glaubt man dem DeutschlandTrend der ARD sind Dreiviertel der Bevölkerung davon überzeugt, dass die deutsche Gesellschaft vor starken bis sehr starken Veränderungen steht. Das ist zweifellos richtig.

Der Grund ist aber keineswegs der starke Flüchtlingsstrom, wie mancher fürchtet und man uns glauben machen will. Die Gründe liegen ausschließlich in der Großmacht- und Kriegspolitik der großen Konzerne in Deutschland und den anderen G7-Staaten. Die Hauptaufgabe bleibt die Bekämpfung dieser – hausgemachten – Politik.

Freitag
Eine „schreckliche Tragödie“ nennt Frankreichs Präsident den schrecklichen Busunfall bei Bordeaux. Wie falsch, wie heuchlerisch. Tragödien entwickeln sich, weil die HeldInnen in unausweichliche gesellschaftliche Konflikte verstrickt sind. Davon kann hier wohl kaum die Rede sein.

Hollande und seine europäischen AmtskollegInnen müssten nur die Verkehrspolitik ändern, den Last- und Personenverkehr wieder stärker auf die Schiene verlegen und die Sicherheitsbestimmungen für Lastwagen und Busse verschärfen und die Durchsetzung kontrollieren. Das würde Menschenleben retten und unsere Lebensqualität drastisch erhöhen.


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Leserbrief zu »Meine progressive Woche«, UZ vom 30. Oktober 2015





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