Zeitlose Erinnerung

Konrad Wolfs Kriegstagebücher 1942–1945
Von Hans-Günther Dicks
|    Ausgabe vom 30. Oktober 2015

Wir leben in Friedenszeiten, so sagt man. Brauchen wir da ein Buch mit Kriegstagebüchern und Fronterinnerungen? „Konrad Wolf – Aber ich sah ja selbst, das war der Krieg“ heißt ein jetzt im Verlag „Die Möwe“ erschienener Band mit Zeitzeugnissen des 1982 verstorbenen DEFA-Regisseurs und Akademiepräsidenten Konrad Wolf, also eines ganz ungewöhnlichen „Frontberichterstatters“, und schon dies sowie die ergänzenden Materialien legen es nahe, die erwähnte Frage klar mit Ja zu beantworten. Herausgegeben von Paul Werner Wagner in Zusammenarbeit mit der

Konrad Wolf
Aber ich sah ja selbst, das war der Krieg
Kriegstagebuch und Briefe 1942–1945.
Edition „Die Möwe“
360 S. inkl. DVD „Ich war neunzehn“, 19,80 Euro

Akademie der Künste Berlin und erschienen zum 90. Geburtstag von Wolf (vgl. UZ vom 22.10.), enthält der 360 Seiten starke Band Wolfs Kriegstagebücher (in deutscher Übersetzung) aus den Jahren 1942–1945, in denen der mit seinen Eltern aus Nazideutschland Geflohene als 17-Jähriger Soldat der Roten Armee wurde und die letzte Phase des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung seines Vaterlandes erlebte. Ergänzt wird der Text durch eine Auswahl seiner Briefe nach Hause sowie eine Karte, die seinen Weg mit der Roten Armee vom Schwarzen Meer bis nach Bernau und Berlin nachvollziehen lässt.

„Heute ist der zweite Jahrestag des Überfalls der Deutschen auf unser Land“, notiert Wolf am 22. Juni 1943. Ist er nicht selbst ein Deutscher, Sohn des deutschen Schriftstellers Friedrich Wolf und geboren in Hechingen bei Stuttgart? Und „unser Land“ ist ihm nicht Deutschland, dessen Naziregime seine Familie vertrieben hat, sondern die Sowjetunion, die den noch recht jungenhaften, russisch erzogenen Wolf für den Kampf gegen sein Vaterland rekrutiert. Später, im März 1945, seine Einheit kämpft bereits auf deutschem Boden, äußert er sich zur Frage, ob er angesichts der zerstörten deutschen Städte Mitleid empfinde: „Ich bekenne ganz offen – nein, das tut mir nie und nimmer leid, da ich selbst gesehen habe, was sie in Russland angerichtet haben, und deshalb verstehe ich, dass man sie nur so davon abbringen kann, jemals wieder Krieg zu führen.“ In Letzterem irrte Wolf leider; nach Bundeswehreinsätzen in aller Welt kann man seinen Optimismus über deutsche Friedfertigkeit heute nicht mehr teilen.

Natürlich enthält ein solches Tagebuch – auch der Autor selbst sagt es – viel Belangloses und Banales, und Passagen über militärische Karrieren und Strategien sind nicht jedermanns Sache. Doch vielfach gibt es Bezüge, die ins Heute verweisen, und so regt die Lektüre auch jenseits ihres passagenweise recht trockenen Inhalts zu spannenden Betrachtungen an. Ein Flüchtling, der sich sein Recht zurückholt bei denen, die ihn vertrieben haben – was könnte angesichts der derzeitigen „Flüchtlingskrise“ aktueller sein? Oder Wolfs wiederkehrende Gedanken über das Ausbleiben der zweiten, der von den Westalliierten erhofften Front – sind sie so fern von den taktischen Allianzen unserer Tage im „Kampf gegen den Terrorismus“? Aus Wolfs Worten spricht die Unsicherheit eines Jungen, dem der Krieg die Jugend, aber nicht seine humanistische Weltsicht geraubt hat. Seine liberale Erziehung stößt sich zwar immer wieder an den Zwängen militärischer Strukturen, aber ein Rebell ist er nicht. Da seine Familie bei Kriegsbeginn nach Alma Ata umgesiedelt wurde, sind ihm die Ängste vor derartigen Zwangsmaßnahmen nicht fremd. Von den Verdächtigungen und Prozessen in Moskau, die auch in seinem Umfeld Wirkung zeigen, dringen gelegentlich besorgte Andeutungen durch seine Notizen, aber die Verwüstungen beim Rückzug der deutschen Truppen stärken in ihm die Zuversicht, auf der richtigen Seite gekämpft zu haben.

Da Wolf sein Kriegstagebuch am 18. April 1945 – er steht noch am Ufer der Oder – plötzlich abbricht, fehlen seine unmittelbaren Eindrücke über diese letzten Kriegswochen. Ein 1966 verfasstes Filmtreatment über diese Zeit, das auch seine kurze Rolle als Stadtkommandant in Bernau und die Verhandlungen um die Kapitulation der Festung Spandau umfasst, füllt diese Lücke bestens aus. Auf diesem Treatment basiert sein wohl bekanntester Film „Ich war 19“ aus dem Jahre 1968. (Eine HD-DVD dieses Films liegt dem Band bei.)


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Leserbrief zu »Zeitlose Erinnerung«, UZ vom 30. Oktober 2015





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