Doping ohne Ende …

… und das ganz ohne die DDR
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 23. Oktober 2015

Der Überlieferung nach lief Pheidippides über 42 km von Marathon nach Athen, um die Nachricht vom Sieg in der Schlacht gegen die Perser zu überbringen. Danach brach er tot zusammen. Das tun sie bis heute: die modernen Marathonläufer.

Der Überlieferung nach lief Pheidippides über 42 km von Marathon nach Athen, um die Nachricht vom Sieg in der Schlacht gegen die Perser zu überbringen. Danach brach er tot zusammen. Das tun sie bis heute: die modernen Marathonläufer.

( Hammer of the Gods27/CC BY-SA 3.0)

Jahrzehntelang war, wenn Doping erwähnt wurde, in den bundesdeutschen Medien die DDR gemeint und diese Ära wird man auch in die Zukunft zerren. Dass urplötzlich von der „anderen Seite“ die Rede ist, lässt nicht etwa darauf schließen, dass man sich dort mit der Wahrheit befasst. Sogenannte „Doping-Experten“ sind dahintergekommen, dass sich die DDR als weltgrößter Dopingsünder nicht mehr verkaufen lässt und haben „neue“ entdeckt. Zum Beispiel beim WDR, wo Hajo Seppelt und Andreas Spinrath fleißig waren und neue Dopingsünder entdeckten. So: „Geoffrey Tarno starb am selben Tag, an dem er mit der Hoffnung auf ein besseres Leben losrannte.,Wenn ich zurückkomme, werde ich reicher sein als jemals zuvor‘, sagte er vorher zuversichtlich. Dann lief er: Marathon, 42,195 Kilometer, die Kenianer sind eine Weltmacht auf dieser Strecke. Nach 40 Kilometern führte Tarno, das Preisgeld von 3 000 Dollar war ihm kaum mehr zu nehmen. Doch der 32-jährige erreichte das Ziel in Eldoret im Oktober 2013 nicht. Tarno brach zusammen. Alles deutet darauf hin, dass er mit EPO gedopt war. Der Autopsiebericht spricht von einer Lungenembolie, sein Herz verkraftete das Mittel nicht. Tarnos Tod ist ein Symbol für ein beispielloses Dopingsystem, das offenbar Teile der internationalen Leichtathletik-Szene beherrscht. Ein System, das sich abschottet gegenüber Menschen, die Fragen stellen: Informanten werden eingeschüchtert, Ärzte bestochen, Goldmedaillen gefeiert. Eldoret im Westen Kenias ist das Zentrum des Laufsports des Landes. Wegen der Höhenlage trainieren hier viele Stars. (…) Es sind hunderte Seiten, eine Datenbank mit Athleten aus aller Welt. Olympiasieger, Weltmeister, Gold-Hoffnungen. Hinter den Namen: ihre Blutwerte. Die Daten kommen offenbar aus dem Innersten des Weltleichtathletikverbandes IAAF. Es ist der größte Datensatz mit Blutwerten von Spitzensportlern, der jemals nach außen gelangte.“

Oder: „ARD-Journalist Hajo Seppelt berichtet über Doping in der Leichtathletik: Die ARD-Dopingredaktion hat die Datenbank in den vergangenen Monaten gemeinsam mit Kollegen der britischen ‚Sunday Times‘ ausgewertet – und die Ergebnisse sind noch viel brisanter, als vermutet.“

Vor allem natürlich bei den Russen entdeckte Seppelt: „Verstrickt war darin neben Ärzten, Betreuern und Sportlern auch die russische Anti-Doping-Agentur. (…) Die Datenbank bricht das Problem auf nackte Zahlen herunter: Bei rund jedem siebten Athleten in den Listen finden sich Werte, die in den allermeisten Fällen nicht natürlich zu erklären sind. In manchen Nationen ist fast die Hälfte der Athleten auffällig. Der Experte Michael Ashenden bringt seine Analyse auf den Punkt: ‚Die Werte in der Datenbank lassen aus meiner Sicht keinen Zweifel zu, dass die Ausdauerdisziplinen von Blutdoping durchsetzt waren. Es tut mir sehr leid für die sauberen Athleten, die um ihre Medaillen betrogen wurden.‘ (…) Beispiele: Im vergangenen Jahr gewinnt Rita Jeptoo den Boston-Marathon, bei der anschließenden Urinkontrolle wird sie des EPO-Dopings überführt. Sie ist gesperrt und geständig. Und gegenüber uns behauptet die Kenianerin, dass sie in ihrem Heimatland seit 2006 keinen einzigen Bluttest habe abgeben müssen.

Die Marathonläuferin Viola Chelangat Kimetto wird im Dezember 2013 positiv getestet, der IAAF fordert vom kenianischen Verband eine unverzügliche Suspendierung. Nach neun Monaten steht sie aber plötzlich in Kroatien wieder auf dem Marathon-Siegertreppchen. Bei unseren Recherchen vor Ort treffen wir Athletenbetreuer, die eidesstattlich versichern, dass man sich nach einer positiven Dopingprobe freikaufen könne. Die Hälfte der 20 000 Dollar Preisgeld gebe man dann ab – ‚und niemand wird vom Doping erfahren‘. Der kenianische Verband will sich dazu nicht äußern. Ist das alles nur Zufall?“

Ein Wissenschaftler (Rolf Ullrich) spricht vor der Kamera von einer „Verschwiegenheitsklausel“ – in der BRD! Niemand fordert dortzulande strikte Kontrollen. Der Sachverhalt ist simpel: Die milliardenreiche Pharma-Industrie amüsiert sich über die bettelarme Doping-Kontrollgeräte-Industrie! Erinnern Sie sich an das Märchen vom Hasen und vom Igel? Wie schön war doch die Zeit, als die DDR noch existierte …


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Leserbrief zu »Doping ohne Ende …«, UZ vom 23. Oktober 2015





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