Blatter und Platini vorläufig „vom Platz gestellt“

FIFA: Die Millionen kassierenden Funktionäre klammern sich hemmungslos an ihre Posten
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 16. Oktober 2015

Keine Silbe gegen UZ-Leser, aber man kränkt sie auch nicht, wenn man ihnen unterstellt, weder Millionäre zu sein, noch eine Rolle an der Spitze der Sponsoren der Internationalen Fußballföderation (FIFA) zu spielen. (Dort trifft man nur Milliardäre …) Denn logisch ist: Überall, wo Ausbeutung praktiziert wird, trifft man auf Ausgebeutete und Ausbeuter – mit Ausnahme beim Fußball. Dort jagen Milliarden rund um die Welt mit Lust und Liebe und ohne nach „Kohle“ zu fragen dem Ball hinterher und werden dabei ausgebeutet, ohne es zu spüren.

Das wäre übertrieben? Auf der Werbeseite der FIFA kann man es nachlesen: „Die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft ist eine der effektivsten internationalen Marketingplattformen und erreicht Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Um eine Veranstaltung von dieser Größe ausrichten zu können, ist die Unterstützung durch kommerzielle Partner, welche zentrale Dienstleistungen und Produktunterstützung für den Ablauf der Veranstaltung erbringen, unabdingbar. Zum Standardpaket gehören folgende Elemente: Verwendung der offiziellen Marken; Präsenz im Innen- und Außenbereich des Stadions; in allen offiziellen FIFA-Publikationen und auf der offiziellen Website … Anerkennung des Sponsoring-Engagements durch ein weit reichendes Marketingprogramm anlässlich der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft; Schutz vor Trittbrettfahrern („Ambush Marketing“); … Direktwerbung, PR-Aktivitäten und bevorzugter Zugang zu Fernsehwerbung …“ Die Reklame geht noch weiter, verzichtet aber auf die unvermeidbaren Folgen dieser „Industrie“, zu der auch der eiskalte Handel mit Fußballspielern gehört. Fazit: Das in der Regel fröhliche Ballspiel spült auf Umwegen Milliarden auf die bestimmten Konten und die davon Millionen kassierenden Funktionäre klammern sich hemmungslos und gnadenlos an ihre Positionen. Allerdings haben die Herren unlängst wieder einmal so heftig zugelangt, dass eine eigens geschaffene Kommission – mit dem irritierenden Namen „Ethikrat“ – sie dieser Tage für einige Spiele vom Platz gestellt hat.

Ich weiß, dass das für den Leser keine Neuigkeit ist, wollte aber dennoch daran erinnern, weil sich ausgerechnet der Präsident des Deutschen Fußballbundes mit Kommentaren zu dieser Sperre unerklärlich zurückgehalten hat. Es ging bei der Affäre darum, dass der Präsident des Weltverbandes, der Schweizer Blatter, und der französische Präsident des Europa-Verbandes, Platini, vorerst für 90 Tage gesperrt worden waren. Die „Berliner Zeitung“ titelte diese Nachricht völlig berechtigt: „Große Ratlosigkeit beim DFB“ und kommentierte damit die Haltung des deutschen Fußballbundes zu dieser Entscheidung. Das Blatt orakelte sogar: „Wolfgang Niersbach“ – der DFB-Präsident – „konnte gar nicht verhehlen, dass ihm da offenbar sämtliche Allianzen auf einen Schlag zunichte gemacht worden waren“ und ließ damit ahnen, dass die Abgestraften im deutschen Verband Sympathie genossen hätten. Das bestätigte auch seine Ausrede: „Ich will mich in dieser Minute nicht total festlegen!“

Dass in diesem Zusammenhang auch zu fragen war, wer denn eigentlich der FIFA die umstrittenen Fabel-Summen schenkt. Die Antwort: Die Konzerne, die das Spiel um den Ball als idealen Werbeartikel nutzen. In keinem Stadion muss man lange Reklame suchen. Ich erwähne die Firmen, „verschleiere“ sie aber, um nicht noch in der UZ für sie zu werben: Es handelt sich um ein kaffeebraunes Erfrischungsgetränk; eine US-amerikanische Brauerei; eine Automarke; eine Geldkartenkategorie; einen Gaskonzern. Zwei haben verlauten lassen, dass sie demnächst aussteigen wollen, ein Autoreifenproduzent, ein Mineralölkonzern und ein Flugkonzern haben sich schon zurückgezogen, während ein Sportschuhunternehmen den Balltretern ewige Treue geschworen hat.

Übrigens: Es ist keineswegs sicher, dass Blatter sein einträgliches Zimmer auch räumt. Und Niersbach – also der „deutsche Fußball“ – scheint es nicht zu fordern …

Die Herrschaften spielen auf einem Feld, auf dem man die Abseitslinie zu ziehen vergaß!


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