Dem Westen nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen

Nach 1990 in der Bundesrepublik abgewickelt, in anderen Staaten Vorbild: Das Sportland DDR
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 9. Oktober 2015
  DDR-Turnerinnen auf dem Weg zum Training (München, 1972, XX. Sommerolympiade) (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-L0822-0026 / Gahlbeck, Friedrich / CC-BY-SA 3.0)
DDR-Turnerinnen auf dem Weg zum Training (München, 1972, XX. Sommerolympiade) (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-L0822-0026 / Gahlbeck, Friedrich / CC-BY-SA 3.0)

Nein, der 25. Jahrestag des Einmarsches der BRD in die DDR konnte nicht rundum gefeiert werden. Zum Beispiel im Sport nicht. Deshalb war es fast amüsant, die vielen Kommentare zu lesen. Die „Zeit“ (Online, 2.10.2015), eines der Flaggschiffblätter, hielt es für das Klügste als erstes den Innenminister zu zitieren und eine Schlagzeile zu wählen, die trotz dessen These keine Zweifel aufkommen ließ: „Deutscher Sport: Die DDR ist auch keine Lösung.“ Dem folgte der Minister: „Thomas de Maizière sprach vielen Sportfans sicher aus dem Herzen. ‚Wir müssten nach der Tradition in beiden deutschen Staaten und nach unserer Wirtschaftskraft, mit der wir den Spitzensport fördern, mindestens ein Drittel mehr Medaillen bekommen, vielleicht mehr‘, sagte der Innenminister im Sommer, offenbar noch immer enttäuscht von den Medaillenspiegeln der Olympischen Spiele 2012 und 2014. … der Satz hätte auch von Manfred Ewald stammen können, dem ehemaligen Obergenossen des ostdeutschen Sports. Noch viel mehr als im Westen waren die Athleten der DDR Repräsentanten ihrer Nation. Die ‚Diplomaten im Trainingsanzug‘ sollten Medaillen für das Land und den Sozialismus gewinnen, was sie auch nicht zu knapp taten.“

Da begannen die Lügen. Als der DDR-Langstreckenläufer Siegfried Herrmann wieder mal keine Einreise nach England erhielt, wohin er eingeladen worden war, intervenierte der Präsident des Welt-Leichtathletikverbandes, der Brite Marquess of Exeter bei seinem Außenminister und erzwang das Visum. Nach seinem Sieg im Stadion gratulierte ihm der Präsident mit den Worten: „Sie sind ein Diplomat im Trainingsanzug.“ Seitdem wurden diese Worte von den Westmedien wechselweise Ulbricht, Honecker oder Ewald zugeschrieben und nun, zum 25. Jahrestag, gleich der ganzen DDR. Und noch mit den Worten ergänzt: „Sport war Politik, Sport war Ideologie. …

Im Sport war das kleine Land mit den siebzehn Millionen Einwohnern rund zwei Jahrzehnte lang führend. Dem Westen nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen.“

Nun musste die „Zeit“ ihren Lesern – dem Innenminister beiseite stehend – noch erklären, wie es dazu hatte kommen können, dass das so „marode“ Land dreimal soviel olympische Goldmedaillen errungen hatte wie die BRD. Also wurden einmal mehr die Schlagworte wie Doping ausgekramt. Allerdings hatte dieses Vierteljahrhundert auch gereicht, die Legenden in den Hintergrund geraten zu lassen und so bekannte die „Zeit“: „Die DDR war Avantgarde: in der Wissenschaft, im Training, in der Förderung und Selektion der Athleten. Das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport in Leipzig war das Silicon Valley des Weltsports. Der Strömungskanal der Schwimmer und das kippbare Laufband der Skilangläufer waren Legenden. Und Trainer, Athleten, Forscher und Ärzte galten als Exportschlager, für die der Westen schon vor 1989 viel zahlte.“ Um die Wahrheiten in Grenzen zu halten, ließ man diesen Wahrheiten rasch einen Absatz über angebliches „Kinderdoping“ folgen, obwohl – im Gegensatz zur BRD – kein einziger DDR-Athlet bei Olympia je einen positiven Doping-Befund aufzuweisen hatte. Der Ausweg „Kinderdoping“ sollte diese Lücke schließen.

Die „Zeit“ – und nicht nur die – fanden noch viel mehr Ausreden: „Feiert Deutschland in diesen Tagen ein Vierteljahrhundert seine Einheit, wird man Geschichten lesen und Bilder sehen von den glorreichen Neunzigern, etwa den Olympischen Sommerspielen 1992 und 1996. Damals zählte Deutschland zu den drei besten Nationen im Medaillenspiegel, bei den Winterspielen waren wir sogar stets Erster. Die Ostdeutschen Heike Drechsler, Lars Riedel, Sven Fischer holten Gold für Deutschland.“

Und natürlich musste die „Zeit“ noch ein deutliches Schlusswort formulieren: „Alle, die nun ‚Sport frei!‘ rufen und den blauen Trainingsanzug vom Speicher holen, übersehen: Die Methoden des DDR-Sports sind weitgehend so überholt wie das Menschenbild der SED-Diktatur.“

Aber einen weiteren Mangel des BRD-Sports gegenüber der DDR verrät sogar die „Zeit“: „Ein Prinzip des DDR-Sports bewährt sich aber auch in der Gegenwart, wenn auch nicht in Deutschland. Australien und England haben ihren Sport zentralisiert. Seitdem gewinnen sie öfter.“


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Leserbrief zu »Dem Westen nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen«, UZ vom 9. Oktober 2015





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