Die Macht des Faschismus der BRD

„Der Staat gegen Fritz Bauer“ und die schwarz-rot-goldene Siegerbesoffenheit
Von Klaus Wagener
|    Ausgabe vom 9. Oktober 2015
Diese Skulptur in Malmö, erinnert an das Exil Fritz Bauers in Schweden während der Zeit des deutschen Faschismus (Foto: Sven Rosborn / Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)
Diese Skulptur in Malmö, erinnert an das Exil Fritz Bauers in Schweden während der Zeit des deutschen Faschismus (Foto: Sven Rosborn / Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Es scheint sich, außerhalb der Öffentlich-Rechtlichen, die Erkenntnis zu verbreiten, dass die Nierentisch-Idylle, die heile Welt der Sissy- und Heidi-Filme nicht alles war, was es im Adenauer-Deutschland der Nachkriegszeit gab. Und dass die nicht immer ganz so heile bundesdeutsche Idylle nicht nur von Nikita Chrustschow, Walter Ulbricht und Erich Mielke bedroht wurde. Die NSDAP hatte fast 8 Mio. Mitglieder, 18,2 Mio. hatten in der faschistischen Wehrmacht ganz Europa überfallen, 1,79 Mio. umfasste allein der Terror- und Vernichtungsapparat der „Gesamt-SS“. Deren Loyalitäten überstanden in der Regel sowohl den Zusammenbruch als auch die „Entnazifizierung“.Der Faschismus prägte, wenn auch in seinem öffentlichen Auftreten begrenzt, die BRD-Wirklichkeit schon rein quantitativ. Die Kontinuitäten der „Elite“ des Führers sind bis in die höchsten Positionen der Adenauer-BRD feststellbar.

„Der Staat gegen Fritz Bauer“ versucht mit Hilfe einer Art Biopics des hessi­schen Generalstaatsanwalts ein Bild dieser Zeit zu zeichnen. Im linken Nachkriegs­hessen hatte sich Bauer (Burghart Klaußner) mit der Rückendeckung durch den hessischen Ministerpräsidenten, den sozialdemokratischen Antifaschisten Georg August Zinn (Götz Schubert), der strafrechtlichen Verfolgung der faschistischen Verbrechen gewidmet. Und war dabei naturgemäß auf den massiven wie hinterhältigen Widerstand der „Alten Kameraden“ gestoßen. Laut Spiegelgibt es bis heute nur etwa 1 200 Verurteilungen wegen faschistischer Mordtaten. Die faschistischen Seilschaften hatten unter der Kalten-Kriegs-Deckung Adenauers, der US-Administration, der Franco-Faschisten und nicht zuletzt des Vatikan ganze Arbeit geleistet.

Der aus einigen „Tatort“-Filmen bekannte Regisseur Lars Kraume fokussiert in seinem Film auf die Enttarnung Adolf Eichmanns und seine Entführung durch den Mossad. Er liegt damit zeitlich vor Giulio Ricarrellis „Im Labyrinth des Schweigens“, der Bauers Kampf um die Frankfurter Ausschwitzprozesse (1963–68) thematisierte. Da der Hintergrund der Eichmann-Entführung zumindest einem sachkundigen linken Publikum weitgehend bekannt ist, versucht Kraume den Spannungsbogen seines Films durch einen Nebenstrang des eigentlichen Plots zu verstärken. Sein Oberstaatsanwalt Ulrich Kreidler (Sebastian Blomberg) und der BKA-Mann Paul Gebhardt (Jörg Schüttauf) versuchen die sexuelle Orientierung Bauers und seines Mitarbeiters Karl Angermann (Ronald Zehrfeld) zu einem Erpressungsmanöver zu nutzen. Homosexualität steht in guter alter Nazi-Tradition unter Strafe. Die Faschisten hatten den § 175 erheblich verschärft und die Strafbewehrung auf bis zu fünf Jahre Gefängnis angehoben. Gebhardt hatte Angermann in eine „Honigfalle“ (Lilith Stangenberg) gelockt. Die spannende Frage ist nun: Lässt sich Angermann zum Verrat an Bauer erpressen?

Kraumes Film behauptet einen wichtigen Kontrapunkt gegen die Omnipräsens der Stasi-DDR zum 25 Jahrestag dere schwarz-rot-goldenen Siegesbesoffenheit. Die von den Bundesregierungen und dem Bundesverfassungsgericht behauptete „Subjektidentität“ der BRD mit dem am 8. Mai 1945 nur „handlungsunfähig“ gewordenen „Deutschen Reich“ war zumindest personell nicht von der Hand zu weisen. Diese Kontinuität war keine schicksalhafte „Verstrickung“, sondern Konsequenz des Kalten Krieges und der Restauration der Herrschaft des deutschen Großkapitals. Dies in einem Spielfilm zumindest andeutungsweise aufgezeigt zu haben ist aller Ehren wert, wenn auch Kraumes Dramatisierung nicht immer gelingt in den konkreten Personen und Handlungen das Gesellschaftlich-Politische erscheinen zu lassen.

So wird der massive Gegenwind für Bauer im Falle Eichmann damit begründet, dass „außer Moskau“ niemand ein Interesse an einem Prozess gegen Eichmann habe, da dieser im Prozess Namen nennen könnte. So etwa den von Hans Globke. Der Jurist der Nürnberger Rassegesetze, „In ganz hervorragendem Maße ist er an dem Zustandekommen der nachstehend genannten Gesetze beteiligt gewesen: a) des Gesetzes zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre vom 15. September 1935, b) des Gesetzes zum Schutz der Erbgesundheit des deutschen Volkes (Erbgesundheitsgesetz) vom 18. 10. 1935“ (Innenminister Wilhelm Frick, 1938) war zu Adenauers Rechter Hand aufgestiegen und war ebenso an der umfassenden Renazifizierung der Bundesrepublik „in ganz hervorragendem Maße“ beteiligt. Wenn es gegen die Kommunisten ging, kamen qualifizierte Massenmörder gerade recht. Globke war allerdings kein Unbekannter und noch weniger ein Einzelfall. Nazis zu enttarnen, woran Demokraten und Linke durchaus ein Interesse hatten und wie es das Braunbuch der DDR tat, war natürlich kommunistischer Agitprop und gehörte verboten. Das Braunbuch wurde noch 1967 auf der Frankfurter Buchmesse beschlagnahmt.

Kraume zeigt ebenso, dass auch das Interesse der zionistischen Führung in Tel Aviv an der Ergreifung Eichmanns nicht allzu überwältigend war. Die Bundesrepublik hatte sich im Luxemburger Abkommen 1952 zur Zahlung von 3,5 Mrd. DM an den Staat Israel (nicht an die Opfer) verpflichtet, ein großer Teil in Form von Waffenlieferungen. Das Interesse der Adenauerregierung an internationaler Anerkennung und das der expansionistischen Zionisten an militärischer Unterstützung führte zu einer vertrauensvollen Partnerschaft Adenauers mit David Ben Gurion. Dieser Persilschein der israelischen Führung half über die zahllosen hochbesoldeten Faschisten in den Ämtern der BRD gnädig hinweg zu sehen. Erst später dürfte sich das israelische Estab­lishment der Möglichkeiten einer Integration des Eichmann-Prozesses in die zionistische Staatsideologie, als Staat der Verfolgten voll bewusst geworden sein.

Im Film erscheint der hessische Generalstaatsanwalt leider als Einzelkämpfer, der außer seinem Mitstreiter Angermann und seinem ihn schützenden Ministerpräsidenten Zinn keine „Mittäter“ aufbieten kann. Das stimmt sowohl für seine Person nicht, beispielsweise gründete er mit Gerhard Szczesney die Humanistische Union, und auch nicht in der gesellschaftlichen Reflektion. Es gab im Adenauerstaat eben nicht nur Nazis und Mitläufer sondern einen starken Antifaschismus, der in der 1947 gegründeten VVN seinen organisatorischen Ausdruck fand. Konsequenterweise verfolgten die unbehelligt gebliebenen Nazi-Juristen nun die VVN. Berufsverbote, finanzielle Austrocknung, eine massive antikommunistische Kampagne folgte. In Kraumes Fritz gibt es nur Fritz Bauer und nur einen Teil von ihm. Das ist nicht wenig, lässt aber noch Luft für weitere Projekte.


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Leserbrief zu »Die Macht des Faschismus der BRD«, UZ vom 9. Oktober 2015





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