Sisyphos lässt grüßen

„Gefahrlos leben“ rund um Fukushima?
Von Oliver Wagner
|    Ausgabe vom 2. Oktober 2015
Geigerzähler mit Dosisleistungsanzeige in Minamisoma, Präfektur Fukushima, 4 November 2011. (Foto: Raneko/wikimedia.com/CC BY 2.0)
Geigerzähler mit Dosisleistungsanzeige in Minamisoma, Präfektur Fukushima, 4 November 2011. (Foto: Raneko/wikimedia.com/CC BY 2.0)

Die Betreibergesellschaft des Atomkraftwerks im japanischen Fukushima hat begonnen große Mengen dekontaminierten Wassers ins Meer zu leiten. Wie das nach der Reaktorkatastrophe am 11. März 2011 verstaatlichte Unternehmen TEPCO mitteilte, handelt es sich um Wasser, das im Umfeld der havarierten Atomanlage aufgefangen und dann von hochradioaktiven Substanzen wie Strontium und Cäsium gereinigt wurde. Allerdings enthalte das in den Pazifik geleitete Wasser noch das strahlende Wasserstoffisotop Tritium, räumte TEPCO ein.

Viereinhalb Jahre nach dem Super-GAU werden mittlerweile 680 000 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser in Tausenden großen Tanks gelagert. Bis zu 100 Tonnen sollen TEPCO zufolge allein vergangene Woche unkontrolliert ins Meer gelaufen sein, als es infolge des Taifuns Etau im Nordosten des Landes zu schweren Überschwemmungen kam. Das alles hält Premier Shinzo Abe nicht davon ab, die Opfer der Flut- und Reaktorkatastrophe vom März 2011 zu drängen, in die verstrahlten Gebiete um Fukushima zurückzukehren. Anfang September wurde die Sperrung des Dorfes Naraha aufgehoben, das bis zum GAU 7 000 Einwohner zählte. Nach Abschluss bereits begonnener Dekontaminierungsarbeiten sollen bis März 2017 zudem Tausende Evakuierte in den Distrikt Iitate zurückkehren.

Mit dem Auslaufen des Evakuierungsbeschlusses für die Gegend würden sie bis März 2018 den Anspruch auf ihre – ohnehin mickrigen – staatlichen Entschädigungszahlungen verlieren. Betroffene, die schlicht zu arm für einen endgültigen Umzug sind, werden somit zum Wohnen in einem hochgefährlichen Gebiet gezwungen.

Während die Regierung in Tokio beteuert, dass man im nur 30 Kilometer von Fukushima entfernt gelegenen Iitate „gefahrlos“ leben könne, kommen Analysen der Umweltschutzorganisation Greenpeace zu einem völlig anderen Ergebnis. Auf bereits gesäuberten Feldern hatten deren Aktivisten vor Ort eigene Untersuchungen durchgeführt. Dabei wurden Strahlenwerte gemessen, die einer Jahresdosis von mehr als zehn Millisievert entsprachen.

„Das ist das Zehnfache des international zulässigen Grenzwerts“, kommentierte Greenpeace die Befunde. Die Wälder und Hügel Iitates würden noch immer große Mengen an Radioaktivität bergen, die mit jedem Regen erneut auf die Felder und Wiesen der Region ausgewaschen werden. Greenpeace spricht von einer „Sisyphosarbeit“, die „auch in Hunderten von Jahren noch nicht abgeschlossen“ sei.

„Die Wahrheit ist: Diese Gegend lässt sich nicht dekontaminieren“, heißt es im Hinblick auf die im ukrainischen Tschernobyl gesammelten Erfahrungen. 1991, fünf Jahre nach der Reaktorkatastrophe, galt für die 30-Kilometer-Zone die Hälfte des Werts, den Greenpeace in Iitate gemessen hat – und in die Sperrzone um den „Sarkophag“ in Tschernobyl dürfen die Menschen bis heute nicht zurück.

Auch wenn Japans Premier an der überholten, da brandgefährlichen Energiegewinnung aus Kernkraft verbittert festhalten will: Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hat auch in Nippon ein Umdenken bewirkt. Zwar sähe es Abe gern, wenn alle Reaktoren im Land wieder hochgefahren würden, doch in der Bevölkerung und bei den lokalen Behörden, die jedem einzelnen Reaktorneustart zustimmen müssen, gibt es starke Widerstände dagegen.


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Leserbrief zu »Sisyphos lässt grüßen«, UZ vom 2. Oktober 2015





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