Revolution bar jeder Romantik

Anja Flachs Erfahrungen als PKK-Kämpferin
Von Birgit Gärtner
|    Ausgabe vom 2. Oktober 2015

Die Hamburger Internationalistin Anja Flach schloss sich Mitte der 90er Jahre der PKK an und kämpfte zwei Jahre als „Heval Pelda“ in den kurdischen Bergen. Dort wurde sie mit der Brutalität der türkischen Armee konfrontiert – und erlebte den dennoch ungebrochenen Kampfgeist der kurdischen Bevölkerung. Das 2003 erschienene Buch „Jiyaneke din – ein anderes Leben: Zwei Jahre bei der kurdischen Frauenarmee“, in dem Flach ihre Erlebnisse authentisch und schonungslos ehrlich beschreibt, wurde vom Mezopotamien Verlag Neuss angesichts der derzeitigen Lage in Kurdistan mit einem aktualisierten Vorwort neu aufgelegt.

Zu ihrem größten Erstaunen endet die Reise von Anja Flach und einigen anderen deutschen Internationalistinnen im Sommer ’95 nicht bei der Frauen-Guerilla in den kurdischen Bergen, sondern im Ausbildungslager in der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus. Enttäuschung macht sich in der Gruppe breit: „Wir hatte uns schon als Guerillas gesehen, und jetzt Schulung!“, beschreibt Anja Flach dieses Gefühl, das jedoch sehr schnell von der Neugier auf das Unbekannte besiegt wurde. Es folgen einige Wochen mit Schulungen und Versammlungen, dann kam der ersehnte Tag: auf in die Berge. Und mit dem Point of no return kam die Panik: „Ein unbeschreibliches Gefühl – jetzt wird es Ernst, ab jetzt gibt es kein Zurück mehr. Wir gehen in den Krieg, ins Land, nach Kurdistan. So lange drauf gewartet und jetzt bekomme ich Angst vor der eigenen Courage. Angst, Aufregung, alle Gefühle purzeln durcheinander“.

Anja Flach hatte engen Kontakt zu vielen politisch aktiven Kurdinnen und Kurden. „Mich hat die Ernsthaftigkeit beeindruckt, mit der sie hier im Exil Politik gemacht haben“, sagt die Autorin rückblickend. „Anfang der 90er Jahre sah ich wenig Perspektive für die deutsche Linke, so kam ich drauf, nach Kurdistan zu gehen.“

Was Anja Flach und ihre Genossinnen dort erwartet, ist alles andere als Revolutionsromantik: „Das Leben in den Bergen ist hart“, erläuterte die Autorin gegenüber UZ. „Wir mussten alles neu lernen, selbst das Laufen. Wir trugen ja Uniform und Waffen. Ich habe schon nach einer Stunde gedacht: ‚Wie soll ich das bloß jemals durchstehen?’ Ständig werden weite Wege zurückgelegt und das ist in den Bergen nicht so einfach. Der Guerilla-Alltag muss organisiert werden: Feuer machen ohne Rauch oder Wasser holen zum Beispiel. Das hört sich so einfach an, aber wir mussten wissen, wo die Quellen sind und mussten uns bewegen, ohne gesehen zu werden. Manchmal nachts mit einem leeren Wasserkanister drei Stunden den Berg runter und dann anschließend mit dem vollen Behältnis wieder zurück.“

Das Greenhorn ist anfangs eher eine Belastung als eine Unterstützung für die Guerilla, doch Anja Flach beißt sich durch. Dabei machte ihr allerdings weniger die mangelnde Naturkenntnis zu schaffen als der Metropolenchauvinismus: „Alle bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit und haben auch unterschiedliche Vorstellungen davon, was für sie Befreiung heißt“, so Flach. „Für die Frauen aus den Dörfern genügt es oft, körperlich stark zu sein, um sich als freie Frau zu begreifen. Die Genossinnen aus den Metropolen bringen sehr häufig kleinbürgerliche Eigenschaften mit: Besserwisserei, Arroganz und Bequemlichkeit. Diese Eigenschaften habe ich dann bei mir selbst auch entdeckt, unter anderem daran, dass ich mit diesen Frauen am wenigsten zurechtkam. Da wurde mir dann plötzlich ein Spiegel vorgehalten und ich habe mich geweigert, hineinzugucken.“

Anja Flach
Jiyaneke din – ein anderes Leben
Neuauflage mit aktualisiertem Vorwort
Mezopotamien Verlag Neuss, 2015
288 Seiten, 10.- Euro.

Leicht pathetisch – jedoch ohne sich selbst zur Heldin zu stilisieren – lässt Anja Flach die Leserinnen und Leser an dem harten Guerillaalltag teilhaben. Offen und mit leichter Selbstironie erzählt sie von kleinen Intrigen und großer Solidarität – ohne jedoch die Schattenseiten der PKK in den 1990er Jahren zu verschweigen, z. B. die Erschießung von fahnenflüchtigen Guerillas oder schwangeren Guerillakämpferinnen. Für die Frauen in den Einheiten in den Bergen bedeutete die „gute Hoffnung“ das sichere Todesurteil, während die dazugehörigen Erzeuger weitestgehend unbehelligt blieben.

Heval Pelda teilt ihre Faszination für die herbe Schönheit der kurdischen Landschaft, den Mut und den Stolz der Menschen dort mit uns und ihre nahezu grenzenlose Bewunderung für den PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan, den sie persönlich kennenlernt. Schonungslos konfrontiert sie uns mit der unbeschreiblichen Grausamkeit der türkischen Armee und lässt uns teilhaben an dem Schmerz, den sie bis heute empfindet, wenn sie an die gefallenen Genossinnen denkt.

Die Zeit bei der Guerilla sei eine einschneidende Erfahrung in ihrem Leben gewesen, sagt die Autorin heute. Dabei war ihr schönstes Guerilla-Erlebnis eine Frauenkonferenz: „Ich hatte das Glück, während meiner Guerillazeit an einer Frauenkonferenz teilnehmen zu können“, sagt Flach. „Mitten im Krieg, das können wir uns hier überhaupt nicht vorstellen. Es wurde eine Höhle ausgesprengt und 500 Vertreterinnen der verschiedenen Einheiten kamen zusammen. Die Höhle war mit Transparenten ausgeschmückt und es gab Arbeitsgruppen, in denen über alle möglichen Themen diskutiert wurde.“


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Leserbrief zu »Revolution bar jeder Romantik«, UZ vom 2. Oktober 2015





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