Mauer, Stasi, alles grau

Von Peter Greif
|    Ausgabe vom 2. Oktober 2015
 (Foto: www.ddr-museum.de)
(Foto: www.ddr-museum.de)

Die DDR hat’s nie gegeben“ stand als Graffiti auf den Resten des Fundaments des abgerissenen Palastes der Republik. Tatsächlich könnte man gerade an diesem Ort meinen, die DDR und ihre Hinterlassenschaften sollten restlos aus dem Stadtbild und dem kollektiven Gedächtnis getilgt werden. Denn hier erhebt sich nun wieder Preußens Glanz und Gloria in Form des Wiederaufbaus des Stadtschlosses der Hohenzollern. So will man es haben, das wiedervereinigte Deutschland, 25 Jahre nach Einverleibung der DDR: bereinigt vom sozialistischen „Ausrutscher“, wieder stolz in alte Traditionen sich stellend, geschlossen nach Innen und „verantwortungsbewusst“ nach Außen. Ein Land, das zynisch genug ist, angesichts seiner Flüchtlingspolitik die Feierlichkeiten zum 3. Oktober unter das Motto „Grenzen überwinden“ zu stellen.

Und doch ist das Austilgen nur die eine Seite des Umgangs der Herrschenden mit der DDR. Denn wer gerade in diesen Tagen Fernsehen oder Radio einschaltet oder die Zeitung liest, der kommt an der DDR nicht vorbei, an einen Staat, den es nicht mehr gibt.

Wozu aber die Mühe? Es scheint, als stecke eben doch noch mehr Leben in der DDR, als es die Mächtigen hierzulande gerne hätten. Also wird zugleich dämonisiert, was das Zeug hält: ein graues Land, ein großes Freiluftgefängnis, ein Spitzelstaat mit allgegenwärtiger Stasi, die zweite deutsche Diktatur, ein ewiger Pleitegeier mit einer funktionsunfähigen Mangelwirtschaft, ein Staat voller Spießer, regiert von Parteibonzen. Die Liste der Verleumdungen ließe sich fortsetzen.

Auch wenn sie manchmal sogar wissenschaftlich verbrämt daherkommen, mit einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der DDR, ihrem Gesellschaftssystem und der Lebensrealität ihrer Bürgerinnen und Bürger haben sie nichts zu tun. Es geht um die postume Diskreditierung des ehemaligen Systemgegners, auf dessen Ableben der Westen mit allen Mitteln hingearbeitet hat. Und es geht um die Verordnung dieser Sichtweise.

Gerade in den Schulen wird dieses Zerrbild mit viel Aufwand vermittelt. Aber immer wieder wird öffentlich darüber geklagt, dass Jugendliche zu wenig über die DDR wissen. Allen voran jammern der Forschungsverbund SED-Staat (FU Berlin) und der Leiter der „Stasi-Gedenkstätte“ in Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, darüber, dass viele junge Menschen ein „zu positives“ Bild von der DDR haben. Dagegen wird einiges aufgeboten: Veröffentlichungen, Ausstellungen, Fernsehserien wie „Weißensee“, Filme usw. Einzelschicksale werden immer wieder medial aufbereitet und zum Lehrmaterial für den Schulunterricht. Das wirkt bei manchen, andere sind gleichgültig, wieder andere werden aufmerksam und fragen nach.

„Über die DDR haben wir in der Schule eigentlich nur gehört: Mangelwirtschaft, Mauer, Stasi. Mehr kam da nicht“, erinnert sich Andrea an ihren Geschichtsunterricht. Katha, die jetzt in Leipzig lebt, erzählt vom Besuch in Hohenschönhausen: „In der Oberstufe haben sie uns auf der Klassenfahrt gesagt: Das DDR-Museum in Berlin (siehe Bild – die Red.) besuchen wir nicht, weil es zu unwissenschaftlich ist. Allerdings waren wir in der Unterstufe schon da. Also für Kinder ist es ok, in ein völlig einseitiges und plattes Museum zu gehen?“ Der Erfolg des Besuchs: „Ich weiß noch, das Gefühl, das ich da bekommen habe, war ganz klar: Die DDR, das war der zweite Faschismus.“ Zweiter Faschismus wird die DDR bislang zwar noch nicht genannt, wohl aber „zweite deutsche Diktatur“. Zum Beispiel in der Selbstbeschreibung der Gedenkstätte Hohenschönhausen, einer ehemaligen Haftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit, also der „Stasi“: „In dem ehemaligen Gefängnis können sich junge Leute auf anschauliche Weise mit der SED-Diktatur auseinandersetzen.“ Hohenschönhausen ist für die Geschichtsschreibung und -vermittlung in der Bundesrepublik das Symbol für die DDR: ein großes Gefängnis. Die Gedenkstätte wird von etwa 150 000 SchülerInnen im Jahr besucht.

Katha: „Alles war total emotional aufbereitet. Normalerweise soll man auch von ehemaligen Häftlingen durch die Gedenkstätte geführt werden, bei uns war es aber eine ganz junge Frau, die selbst gar nicht in der DDR gelebt hat. In einer Zelle sollten wir uns dann mal für eine Zeit lang ganz aufrecht hinstellen, um nachzufühlen, wie das für die Häftlinge gewesen ist, die das dort stundenlang machen mussten.“ Den Stasi-Knast mit allen Sinnen erleben. „Es gibt da im Keller solche Zellen, die angeblich mal für Wasserfolter benutzt wurden, dazu hat die Führerin gesagt: ‚Eigentlich haben wir das hier nur nachgestellt, aber wir sind ziemlich sicher, dass es so gewesen ist‘, das ist schon vielen in der Klasse komisch vorgekommen.“ Forscht man weiter, stößt man darauf, dass die Zellen erst in den Neunzigerjahren beim Aufbau der Gedenkstätte in den Keller eingebaut wurden, ein Beleg dafür, dass es sie gegeben habe, wird nicht erbracht … (zitiert nach: „Ein anderes Deutschland war möglich“, Hrsg. SDAJ). Wissenschaftlichkeit steht weder in Hohenschönhausen noch beim Forschungsverbund SED-Staat im Vordergrund. Und die Wahrheit wird man dort nicht erfahren.

Die zu verbreiten und das Andenken an den ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden wachzuhalten, dafür müssen auch wir sorgen.


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Leserbrief zu »Mauer, Stasi, alles grau«, UZ vom 2. Oktober 2015





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