Manipulationen der FIFA: Nichts Neues

Seit mindestens einem halben Jahrhundert ist der Sport ein Milliardengeschäft
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 25. September 2015
Olympische Spiele in Seoul 1988: Das Olympische Feuer ist entzündet. (Foto: Ken Hackman, U.S. Air Force/ wikimedia.com/ public domain)
Olympische Spiele in Seoul 1988: Das Olympische Feuer ist entzündet. (Foto: Ken Hackman, U.S. Air Force/ wikimedia.com/ public domain)

Als die Medien spektakulär mitteilten, dass die maßgeblichen Männer des Fußball-Weltverbandes (FIFA) ihrem Generalsekretär Jérome Valcke, der in einem Privatflugzeug auf dem Weg nach Moskau gewesen sein soll, in den Wolken strikte Order erteilten, augenblicklich zu wenden und nach Zürich zurückzukehren, besann ich mich nach langem Grübeln an den Abend des 29.9.1981, den ich im Restaurant des Spielkasinos in Baden-Baden verbracht hatte. Im dortigen Kongresssaal sollte am nächsten Vormittag vom IOC entschieden werden, wo die Olympischen Sommerspiele 1988 stattfinden würden. Ich wusste, dass Erich Honecker nach dem DDR-Boykott der Spiele 1984 in Los Angeles dem IOC-Präsidenten Samaranch beim IOC-Kongress in Berlin (1985) versichert hatte, die DDR würde nie wieder Olympia boykottieren, was in Moskau mit Missfallen aufgenommen worden war und sogar dazu geführt hatte, dass man die Öllieferungen in die DDR reduzierte. Aber zurück nach Baden-Baden.

Dort lud mich – was ich mir zunächst nicht erklären konnte – der adidas-Chef Horst Dassler ein, an seinem Tisch ein Glas Wein mit ihm zu trinken. (Er wusste, dass ich mehr als drei Jahrzehnte Sportchef des „Neuen Deutschland“ war). Er machte mir zunächst einige Komplimente im Hinblick auf meine Verschwiegenheit und teilte mir dann mit „Die Abstimmung morgen wird Seoul die Spiele übertragen“ und machte kein Hehl daraus, dass er dafür die nötigen finanziellen Voraussetzungen geschaffen habe (Heute noch bei Wikipedia nachzulesen) und flüsterte mir beim Anstoßen schmunzelnd über den Tisch: „Außerdem hatte Honecker beträchtlichen politischen Anteil.“

Warum mir ausgerechnet dieser Abend eingefallen war? Weil ich dem Leser mitteilen wollte, dass die FIFA-Manipulationen keine „Neuigkeiten“ waren. Seit mindestens einem halben Jahrhundert ist der Sport zum Millionen- (oder gar Milliarden-?)Geschäft eskaliert. Was kaum jemanden verwundert, denn fast jeder Leser weiß, welche Gipfel die Marktwirtschaft erklimmt und welche Rolle die Konkurrenz in der Marktwirtschaft spielt. Am Tag vor der Rückflugorder hatte in Zürich eine aufschlussreiche Pressekonferenz stattgefunden, auf der mitgeteilt worden war, dass Valcke einen „Ticketingvertrag“ abgeschlossen hätte. Der sollte ihm beträchtliche Summen für sein Privatkonto gesichert haben. Die „Berliner Zeitung“ (19.9.2015) meldete: „Valcke soll ab der WM 2014 die Hälfte des Profits aus dem Erlös aus 2400 Karten zugesagt worden sein… Es wurde in Zürich auch ein Koffer vorgezeigt, der Bargeld für Valcke enthalten haben soll.“ „Neues Deutschland“ (19.9.2015) wusste: „Normalerweise hat Valcke, nach Joseph Blatter der zweite Mann im Staate FIFA und Intimus des Präsidenten, gar kein Problem mit großer Öffentlichkeit. Er ist ein Medienprofi… 2006 verschwand er das erste Mal von der Bildfläche. Ein New Yorker Gericht urteilte, dass er rechtswidrig gehandelt hatte…. Der Weltverband musste 60 Millionen Euro Strafe zahlen und entließ ihn: ‚Die FIFA kann ein solches Verhalten ihrer eigenen Mitarbeiter nicht einfach hinnehmen.‘ Keine sechs Monate später lächelte Jérome Valcke wieder in die Kameras. Präsident Blatter nahm ihn erneut in die FIFA-Familie auf: ‚Starke Leute holt man zurück.‘ Der eine Schritt zurück brachte Valcke zwei nach vorn: Er wurde Generalsekretär.“

Die britische Press Association enthüllte, dass Valcke eine Woche vor seiner inzwischen erfolgten „Beurlaubung“ eine Abfindung von mehreren Millionen Euro gefordert hatte, obwohl sein Vertrag bis Februar 2016 lief. Begründet hatte er die Abfindung damit, dass er die Absicht hatte, gemeinsam mit Blatter demnächst zurückzutreten.

Zwangsläufig kam mir der Abend in Baden-Baden wieder in den Sinn. Damals waren die Olympischen nach Seoul verkauft worden. Vielleicht haben einige einst auch daran verdient, aber im Vergleich zu den Milliarden-FIFA-Geschäften, würde ich es nur mit einem harmlosen Skatspiel vergleichen und gebe zu, dass Dassler damals den Wein bezahlt hat und ich heute noch glaube, im Sinne Olympias und Honeckers gehandelt zu haben. Zur Erinnerung: Die UdSSR hatte dann in Seoul 55 Goldmedaillen errungen, die DDR 37 und die USA 36 … (die BRD 11).


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Leserbrief zu »Manipulationen der FIFA: Nichts Neues«, UZ vom 25. September 2015





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