Die DDR-Hymne zum zweiten

Wie BRD-Funktionäre eine Mauer um DDR-Sportler bauen wollten
Von SE/UZ
|    Ausgabe vom 18. September 2015

In Berlin ist eine Broschüre erschienen, die den ebenso aufschlussreichen wie informativen Titel „Der endlose Politfeldzug gegen den DDR-Sport“ trägt und auf 87 Seiten den vom Auswärtigen Amt in Bonn gesteuerten Kreuzzug gegen den DDR-Sport durch überzeugende Fakten belegt. Es ist im Grunde die erste Dokumentation zu diesem Thema und wurde unlängst vom Verein „Sport und Gesellschaft e. V.“ herausgegeben. Das vom ersten DDR-Olympiasieger, dem 1956 in Melbourne triumphierenden Bantamgewichts-Boxer Wolfgang Behrendt, eingeleitete Heft, offenbart nicht nur den Hintergrund des Rennschlittenskandals 1968 in Grenoble, der den IOC-Präsidenten Avery Brundage bewog, die disqualifizierten DDR-Rennschlittenfrauen demonstrativ ins IOC-Hotel zu einem Diner einzuladen, sondern auch zahllose andere Fakten, die von den bundesdeutschen Medien in der Regel bis heute verschwiegen worden waren. Der Autor mühte sich zum Beispiel die Zahl der von Bonn initiierten Visa-Verweigerungen gegen DDR-Athleten zu ermitteln und stellte bei 4 000 die Untersuchung ein. Die jahrelangen Einreiseverbote in die mit der BRD verbündeten Länder – sie brachten viele chancenreiche DDR-Athleten um Titel und Medaillen – waren nur ein Kapitel der zahllosen Anti-DDR-Aktionen.

Die Broschüre liefert zahllose konkrete Beispiele. „Harmlose“ Fälle: 1966 veranlasste Bonn, dass die DDR-Maschine, die die von der Ski-WM in Norwegen heimkehrenden DDR-Aktiven nach Berlin fliegen sollte, nicht in Oslo landen durfte. Allerdings brachte Norwegens Kronprinz Harald – damals Präsident des WM-Komitees – kein Verständnis für solche Aktionen auf und veranlasste die norwegischen Luftstreitskräfte, dass die Interflug-Maschine auf einem Nato-Flugplatz landen durfte und die Mannschaft in verhängten Bussen dorthin transportiert wurde.

1958 hatte Italien zu dem durch die Hauptstadt der DDR führenden größten Amateur-Etappenrennen, der Welt, der Friedensfahrt, gemeldet und wieder waren nach Bonner Intervention die Visa verweigert worden. Daraufhin intervenierte der Präsident des Weltradsportverbandes, der Italiener Adriano Rodoni, bei seiner Regierung und berief sich darauf, dass er nach italienischen Gesetzen hinreisen dürfe, wohin er wolle und gleiches Recht für die Nationalmannschaft gelte. Rom informierte Bonn, dass man die italienischen Gesetze nicht ändern könne und erteilte die Visa. Der Italiener Barriviera gewann von 100 000 Zuschauern in Warschau umjubelt die erste Etappe.

1961 hatte Bonn von der bundesdeutschen Eishockeynationalmannschaft sogar eine Art Garantie verlangt, dass sie bei der WM in Genf die DDR besiegt, um so das Intonieren der DDR-Hymne zu verhindern. BRD-Sportchef Daume reiste persönlich nach Genf, wurde dort aber vom Trainer informiert, dass er einen Sieg nicht garantieren könne. Auch die Mannschaft war nicht bereit, eine solche Gewähr zu leisten. Als das Spiel der beiden deutschen Mannschaften angepfiffen werden sollte, erschien die BRD nicht auf dem Eis und wurde von den Schiedsrichtern nach An- und Abpfiff mit einer 0:5-Niederlage abgestraft. Die DDR-Hymne erklang, obwohl das Spiel nicht ausgetragen worden war. Die ratlosen Schweizer hätten den Zuschauern auf den vollen Rängen die Kosten erstatten müssen, fragten aber zuvor die DDR, ob sie gegen eine internationale Mannschaft spielen würde. Die willigte ein. Spieler aller Länder fuhren in Taxis ins Stadion – das Tor hütete der USA-Torwart –, und die DDR gewann die Partie. Die Schweizer spielten ein zweites Mal die DDR-Hymne. Am Abend wurde die DDR von den Veranstaltern mit dem Fairplay-Pokal ausgezeichnet.

Als die BRD-Leichtathletik-Mannschaft bei den Europameisterschaften 1969 Athen nicht anzutreten drohte, wenn die Internationale Föderation einen in die BRD gewechselten DDR-Athleten den Regeln folgend, nicht starten lassen wollte, kündigten die Griechen an, das das olympische Feuer für die Spiele 1972 in München nicht in Olympia und nirgends in Griechenland entzündet würde. Um dem Skandal zu entgehen, ließ die BRD in letzter Minute ihre Staffeln starten.

1963 hatte Polizei DDR-Skispringer daran gehindert, an der Vierschanzentournee teilzunehmen, obwohl sie vom Veranstalter bereits die Startnummern erhalten hatten. Ein aus Bonn eingeflogener Vertreter des Auswärtigen Amtes wollte sie zwingen, zu Fuß die Schanze wieder hinabzusteigen, was sie verweigerten. Nach Telefonaten mit Bonn gestattete ihnen der Bonner „Sonderbotschafter“ wenigstens vom Schanzentisch hinabzufahren. Sie wurden vom Publikum stürmisch gefeiert.

Die Broschüre ist für 3,50 Euro und Porto beim Präsidenten des Vereins Hasso Hettrich, Triftstr. 34, 15370 Petershagen zu bestellen.


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Leserbrief zu »Die DDR-Hymne zum zweiten«, UZ vom 18. September 2015





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