Schwimmen oder Nichtschwimmen …

Von KH
|    Ausgabe vom 4. September 2015

Es wird Sie vielleicht nicht allzu sehr interessieren, aber ich wohne mitten in Berlin und vor meiner Haustür steht eine Schwimmhalle. Sie steht dort, seitdem sie in der DDR errichtet worden war. Wenn ich früher zur Straßenbahn ging oder mich zu erinnern versuchte, wo ich mein Auto geparkt hatte, begegnete ich vielen lärmenden Schulklassen – vorne eine Lehrerin und hinterdrein eine – und hatte allein mit dem Blick in die Gesichter der Steppkinnen und Steppkes ein kleines Erfolgserlebnis: Die würden ihr Leben lang vor dem Risiko bewahrt, irgendeines Tages zu ertrinken. Das änderte sich – zumindest bei mir vor der Tür – nachdem die „große Freiheit“ bejubelt worden, aber mir eines Tages keine lärmenden Kinder mehr begegneten, weil die Halle wegen Schäden am Dach geschlossen worden war. Eine andere gab es rundum nicht. Um Irrtümern zu begegnen: Auch in der DDR litten Dächer, aber wenn es sich um die der Schulschwimmhallen handelte, musste man nicht drei Jahre warten, bis die Dachdecker kamen.
Als dieser Tage Bauarbeiter auf das Dach stiegen, erinnerte ich mich, dass drei „schwimmlose“ Jahre vergangen waren. Ich befasste mich mit dem Thema und hatte schon am 30. 7. 2006 in der „Welt am Sonntag“ gelesen: „ … noch ist die Bilanz dieses Jahrhundertsommers 2006 nur vorläufig, die Martin Janssen von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) zieht: ‚In den ersten zwei Juli-Wochen haben unsere Retter weit mehr als 40 Personen tot aus Gewässern bergen müssen. Eines steht jetzt schon fest: Es waren viele Kinder unter den Toten‘, sagt Janssen, ‚überraschend ist das angesichts der Lage im Land nicht. Denn ein Drittel aller schulpflichtigen Kinder kann nicht schwimmen. Die Gründe für die mangelnde Schwimmfähigkeit der Kinder in Deutschland‘ – er meinte das neue Deutschland - ‚sind vielfältig. Schwimmen lernen die Kleinen meist in öffentlichen Bädern, doch an denen mangelt es.‘ So stellte der Kölner Professor für Sportökonomie und -management Christoph Breuer im Rahmen einer Studie zur Situation im Sportunterricht schon 2004 fest, dass inzwischen mehr als 20 Prozent aller Schulen in Deutschland keine Sportstätten für den Schwimmunterricht nutzen können.“
Dieser Tage hatte der Vizepräsident der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG) Jochen Brünger auf einer Fachtagung mitgeteilt „zwischen 2007 und 2014 wurden in Deutschland 320 der rund 7 000 öffentlichen Bäder geschlossen, weitere 580 waren gefährdet. Lediglich 85 wurden saniert und 18 neu erbaut, darunter nur eines im Osten der Republik.“ Und dann teilte er auch noch mit: „Öffentliche Armut auf der einen Seite – und auf der anderen? 660000 private Schwimmbadbesitzer gibt es bereits laut Bundesverband Schwimmbad und Wellness e. V. Es überwiegen die Pools im Garten mit 472 000 und private Hallenbäder mit 126 000. Die Zahl nimmt zu: Rund 260000 Haushalte planen in den nächsten Jahren, einen Pool oder ein Hallenbad zu bauen. Und außerdem: Die Eintrittspreise in den öffentlichen Bädern sind für viele Arme ein Problem, ein regelmäßiger Schwimmbadbesuch ist für Einkommensschwache oder Hartz-IV-Betroffene reine Utopie.
Die Folgen? ‚Ich versuche das platt auf eine Formel zu bringen: Keine Schwimmbäder, keine Wasserfläche, keine Schwimmausbildung, keine Schwimmfertigkeit bei den Menschen. Menschen ertrinken!‘ sagte DLRG-Sprecher Achim Wiese. Und fügte hinzu: ‚Der Trend ist erkennbar – die Kurve zeigt nach unten.‘“
Wenn ich aus dem Fenster sehe und die Bauarbeiter beobachte, die wohl ein neues Dach auf die Halle decken sollen, kann ich die Frage nicht unterdrücken, ob mir jemand mitteilen könnte, wieviel Kinder in den vergangenen Jahren nicht schwimmen lernen konnten und ich denke auch darüber nach, ob auch nur eine der Steppkinnen – oder Steppkes – eines Tages vielleicht jämmerlich ertrinkt.
Die DDR war angeblich „marode“ und soll auch nicht menschenfreundlich gewesen sein? Ich will hier kein Lied auf die DDR singen, muss aber doch erwähnen: Alle Kinder lernten schwimmen und niemand fragte danach, wieviel ihre Eltern verdienten oder ob sie sich sogar ein Becken im Keller leisten konnten. Blanke Tatsache! Übrigens habe ich mal gefragt, wieviel Kinder rund um meine Wohnung nicht schwimmen lernen konnten, weil die Halle geschlossen war. Es wusste angeblich niemand!


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Leserbrief zu »Schwimmen oder Nichtschwimmen …«, UZ vom 4. September 2015





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