Die HeldInnen von Peking

Von Shitstorms und Rentenbescheiden
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 4. September 2015

Die Pekinger Leichtathletik-Weltmeisterschaften sind noch „aktuell“ und ihre Helden werden überall noch gebührend gefeiert. Allen voran natürlich in deutschen Landen die Diskus-Weltmeisterin Christa Schwanitz und die Speerwerferin Katharina Molitor. Die „Scheibenwerferin“ startet für den LV 90 Erzgebirge und die den Speer wirft, trägt das Trikot von Bayer Leverkusen. David Storl holte das WM-Silber für einen Verein, der eigentlich längst „verboten“ ist. Denn der SC DHfK ist fast „illegal“, nachdem Leipzigs weltberühmte Hochschule als DDR-Erbschaft bekanntlich längst verriegelt worden war. Was – wie man auch im Fernsehen verfolgen konnte – die Athleten nicht hindert, in der Weltelite Medaillen zu holen. Bewundernswert auch Raphael Holzdeppe, der Silber im Stabhochsprung nach Zweibrücken holte und vielleicht noch rühriger Cindy Roleder (Leipzig), die einen von kaum jemanden erwarteten zweiten Rang im 100-m-Hürdenlauf errang. Kaum weniger bewundernswert Gesa Krauses (Frankfurt/M.) dritter Rang im Hindernislauf und Nadine Müllers Bronze im Diskuswerfen. Bejubelnswert auch Ricco Freimuths dritter Rang im Zehnkampf! Dennoch überwogen bei den Medaillengewinnern die Frauen. Im deutschen Leichtathletikverband dürfte man aufatmen, wenn auch der siebte Rang in der Länderwertung manche Lücke offenbarte. Mal ganz am Rande: Peking erlebte die 15. Weltmeisterschaften. An den ersten beiden hatte die DDR noch teilgenommen und sie sogar vor der SU gewonnen. Und die damals errungenen 20 Goldmedaillen würden heute noch in einer ewigen Bestenliste für den achten Rang reichen!

Hürdenläuferin Christa Roleder bekam erst eine Silbermedaille, dann einen Shitstorm.

Hürdenläuferin Christa Roleder bekam erst eine Silbermedaille, dann einen Shitstorm.

( Ailura CC BY-SA 3.0 at)

Würde man die Helden von Peking suchen wollen, käme natürlich nur der jamaikanische Sprinter Usain Bolt in Frage, der dreimal gegen seinen ärgsten Rivalen, den US-Amerikaner Gatlin triumphierte. Das Duell der beiden wurde nicht nur auf der Laufbahn ausgetragen, sondern auch in rüden Wortwechseln, die natürlich von Managern gesteuert wurden, um für Schlagzeilen zu sorgen. Wenn das sportliche Duell nicht mehr genügend Interessenten anlockt, wird für Stimmung und Zulauf gesorgt. Auch Cindy Roleder wäre beinahe ein Opfer solcher Stimmungsmache geworden. Am Tag nach ihrem sensationellen Silber-Triumph erhielt sie stapelweise kritische Post auf ihrer Facebook-Seite: Sie habe der Jamaikanerin Shermaine Williams, die Platz sieben belegte, nach dem Zieleinlauf nicht die Hand gereicht. Roleder war schockiert: „Ich habe mich auf meiner Facebook-Seite entschuldigt und habe mir die Bilder in der ARD angesehen. Das sieht nicht gut aus, aber es war von mir keine Absicht, sie in diesem Moment zu ignorieren.“ Ich hatte mich im Jubel völlig auf die Gratulation meiner Freundin Alina Talay zur Bronzemedaille konzentriert und das kann man auf den Bildern deutlich erkennen“, sagte Roleder. Schließlich konferierten sogar die Trainer der beiden. Der US-Trainer widersprach der Behauptung Cindy hätte ihre Rivalin ignorieren wollen: „Das zeigt wieder einmal, wie schnell man auf Facebook in einen Shitstorm geraten kann. Ohne zu recherchieren, wird einfach alles ungefiltert veröffentlicht.“ „Selbst Rassismus-Vorwürfe wurden laut, was für mich ein völlig inakzeptabler Vorwurf ist“, sagte der deutsche Trainer Gonschinska.
Aufschlussreich, wenn auch in anderer Hinsicht, war auch ein Bericht in der „Berliner Zeitung“ über den Hallenser Trainer Wolfgang Kühne, der vier Athleten betreute: „Wolfgang Kühne genießt es still, wenn seine Athleten es in die Weltspitze schaffen. Ganz selbstlos. Denn an deren Werbeverträgen oder Verträgen ist er nicht beteiligt. ‚Manchmal gibt es ein kleines Dankeschön‘, erzählt er. Das reicht ihm. Doch gerade hat er einen Bescheid über den aktuellen Stand seines Rentenkontos bekommen. Und der machte ihn schon etwas ratlos. ‚Aber ich werde mich nicht beklagen‘, sagte er noch.“
Wäre noch zu ergänzen, dass auch im Sport die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Wer das bezweifelt muss nur die die „Wechselgehälter“ der Fußballer aufmerksam lesen …


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Leserbrief zu »Die HeldInnen von Peking«, UZ vom 4. September 2015





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