Meine progressive Woche

Vom 15. bis 21. August
Von Adi Reiher
|    Ausgabe vom 28. August 2015

Mittwoch

Offiziell dürfen sie nicht einmal die Krätze behandeln, die in vielen Flüchtlingslagern angesichts von Raumnot und mangelhafter Hygiene herrscht – die zahlreichen Ärztinnen und Ärzte unter den Geflüchteten.

Hier greift nicht nur das allgemeine Arbeitsverbot für Asylbewerber, sondern speziell der komplizierte Zugang für Ärzte und Fachärzte mit ausländischen Qualifikationen. 88 Seiten umfasst eine diesbezügliche Broschüre des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Darin wird einerseits festgestellt, dass es einen Mangel im Bereich von 35 000 bis 70 000 Ärzten gibt, während andererseits nur ein Drittel aller ausländischen Ärzte die Berufszulassung erhalten, um die sie sich bemühen. Diese wird außerdem nur regional und fachbezogen erteilt.

Vor einiger Zeit kannte ich einen Genossen Arzt aus Nicaragua, der jahrelang nur nachts im Rettungsdienst arbeiten durfte. Das Einsammeln der Leichen auf den Autobahnen rund um Köln war deutschen Ärzten dagegen immer nur wochenweise im Rahmen ihrer Facharztausbildung zuzumuten.

 

Donnerstag

Seit beinahe 20 Jahren schweigt BLÖD zu der Frage, was eigentlich passiert, wenn Frauen Viagra (die Potenzpille für Männer) nehmen. Nun endlich bildet man sich eine Meinung.

Anlass ist die Zulassung einer Pille für Frauen, die deren Lust steigern soll. Beim durchschnittlichen männlichen BLÖD-Redakteur löst das anscheinend die Assoziations-Kette Frau-Lust-Bedrohung-(meine) Potenz-Versagen aus. Im Zuge einer Übersprungsreaktion führt das zu der „naheliegenden Frage“, was eigentlich passiert, wenn Männer die „Lustpille“ für Frauen nehmen. Gedacht, gefragt geantwortet, heute veröffentlicht: „Nimmt ein Mann also diese Pille, bewirkt das statt Lust wohl eher Frust: in Form von Schwindel, Müdigkeit, vielleicht sogar Verstopfung.“ Den Namen des Auskunft gebenden Mediziners lassen wir hier weg. „Schwindel, Müdigkeit, Verstopfung“; Potenz klingt anders. Das entschuldigte Ego des BLÖD-Redakteurs atmet durch.

Wir kehren zurück zur Ausgangsfrage, die mit 20-jähriger Verspätung nun auch gestellt wurde; bei Frauen, die (irrtümlich) Viagra schlucken, passiert nichts – nach Auskunft des (von uns) nicht genannten Mediziners. Entwarnung auf der ganzen Linie also.

In den Betten der BLÖD-Redakteure werden wir zukünftig immer öfter den Satz hören: „Schatz, heute nicht, ich glaub‘, ich hab Verstopfung“.

 

Freitag

Die Nachrichten aus den USA über staatliche Gewalt gegen Afroamerikaner reißen nicht ab. In dieser Woche starb ein 18-jähriger bei einem Polizeieinsatz in St. Louis und der 30-jährige Samuel Harrell in einem Gefängnis bei New York City. Samuel hatte eine psychische Erkrankung und nahm irrtümlich an, dass seine Strafe abgelaufen sei. Beim folgenden Konflikt stellten 15–20 Wärter ihn „ruhig“. Unter anderem, indem sie ihn gefesselt die Treppe hinunterwarfen.

Solche Vorfälle müssen auch vor dem Hintergrund des privatisierten US-Gefängnissystem begriffen werden. Möglichst viele Gefangene zu möglichst geringen Kosten. Rassismus ist vor allem ein Problem des real existierenden Kapitalismus.


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