Absurde Hierarchien

Ein wunderbarer Frauenfilm aus Brasilien
Von Hans-Günther Dicks
|    Ausgabe vom 28. August 2015

Es ist alles klar organisiert im komfortablen Haushalt der TV-Moderatorin Barbara in Sao Paulo, in dem jeder seinen Platz kennt und nichts ihrer Karriere im Wege sein darf. Weder der schwermütige Ehemann Carlos, den sie kaum wahrnimmt, noch der verzärtelte 17-jährige Sohn Fabinho. Dessen Erziehung hat Barbara schon seit 13 Jahren an ihre Haushälterin Val „abgetreten“, die für ihre Anstellung aus dem armen Norden Brasiliens in die Millionenstadt kam und dafür sogar ihre kleine Tochter Jessica in der Obhut von Freunden zurückließ. Aus Sparsamkeit lebt Val nun im kleinsten Zimmer der Villa und kümmert sich um Fabinho so mütterlich, wie sie es für Jessica nicht sein kann.

Alles ändert sich, als Jessica, mittlerweile eine selbsbewusste und emanzipierte junge Frau, unerwartet an Vals Arbeitsstätte auftaucht, weil sie in Sao Paulo ein Architekturstudium aufnehmen will. Im Nu stellt ihr Erscheinen die alte Ordnung auf den Kopf: Von der kargen Matratze in Vals Zimmerchen zieht sie beherzt um ins Schlafzimmer der Herrschaft, nimmt sich keck aus dem Kühlschrank, was für Fabinho reserviert ist. Vor dessen Arglosigkeit wie vor dem senilen Hausherrn spielt sie ungeniert ihre weiblichen Reize aus. Die entsetzte Barbara muss zusehen, wie Jessica den Swimmingpool mit ihrem Domestikenschweiß kontaminiert, und lässt prompt das Wasser erneuern, und Val, die wegen Jessicas Benehmen um ihren Job fürchtet, muss sich nun von ihrer Tochter auch noch Vorwürfe wegen ihrer Unterwürfigkeit anhören.

Arm und reich, alt und jung, Familie und Karriere, konservative Hierarchie und aufmüpfige Rebellion. Konflikte zuhauf also im vierten Kinofilm der brasilianischen Regisseurin Anna Muylaert, dessen Originaltitel „Que horas ella volta?“ („Wann kommt sie zurück?“) der deutsche Verleih zum irreführend idyllischen „Sommer mit Mamañ“ verunstaltet hat. Nach knappen Skizzen aus dem pulsierenden Leben in Sao Paulos Straßen, von Barbara Alvarez’ Digitalkamera präzise eingefangen, spielt sich die Handlung fast komplett in der Villa ab, wo der scharfe Ton Barbaras und die herzzerreißende Leidensfähigkeit Vals keinen Gedanken an Idylle aufkommen lassen. Wie in Stein gemeißelt erscheint hier die soziale Hierarchie – bis Jessicas Auftreten die archaischen Verhältnisse zum Tanzen bringt.

Muylaert, die auch selbst das Drehbuch schrieb, nutzt dieses Konfliktpotential des Stoffes nicht für wilde Dramatik, eher für recht leichtfüßigen Humor. Da kommt so manche Absurdität in der Alltagsroutine zum Vorschein, wenn die eingeübten Rituale des Oben und Unten nicht mehr funktionieren, weil eine, die in weniger hierarchischer Umgebung aufgewachsen ist, nicht mehr mitspielen will. Muylaerts Sympathien mögen mehr der Welt Jessicas und Vals gehören, deren Handlungsmotive sie besonders fein ausführt. Aber auch gegenüber den „Oberen“ versagt sie sich billige Späße auf Kosten ihrer Figuren. Wenn Val ihre paar Kröten zusammennimmt, um ihrer Herrin quasi als Entschädigung für Jessicas Verhalten ein schwarz-weißes Kaffeeservice zu schenken, mag man über ihren ungeschliffenen Geschmack schmunzeln; lächerlich macht sich höchstens die Beschenkte, wenn sie wenig später das ungeliebte Geschenk aus ihrem Blickfeld verbannt.

Deutlich blasser erscheinen ihre männlichen Figuren. Das mag Absicht sein, um ihren weiblichen Gegenparts mehr Spielraum zu lassen; es liegt aber auch an der hervorragenden Besetzung, die Muylaert für ihre Frauenrollen gefunden hat. Als Jessica brilliert die junge Camila Márdila in ihrer ersten großen Rolle, für die sie auf dem Sundance-Festival gleich mit einem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde – gemeinsam mit Brasiliens Superstar Regina Casé, die ihre Filmmutter Val bis in feinste Nuancen auslotet. Wenn Muylaerts Film ihr am Ende eines der unaufdringlichsten Happyends der Filmgeschichte gönnt, wird einem buchstäblich warm um’s Herz.


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Leserbrief zu »Absurde Hierarchien«, UZ vom 28. August 2015





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