Überlasteter Planet

Nachhaltig nutzbare Ressourcen eines Jahres immer eher verbraucht
Von Bernd Müller
|    Ausgabe vom 28. August 2015
Aktion am Erdüberlastungstag 13. 8. 2015 vor dem Kanzleramt. (Foto: germanwatch.org)
Aktion am Erdüberlastungstag 13. 8. 2015 vor dem Kanzleramt. (Foto: germanwatch.org)

Ein überdimensionaler Getränkekarton vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. So mancher mag sich am 13. August gefragt haben, wieso er dort aufgestellt war: Er war Teil einer Aktion verschiedener Umwelt- und Entwicklungsorganisationen. Drei Meter war er hoch und mit einem lauten Schlürfgeräusch fiel er in sich zusammen.

Dieser Karton war nichts anderes als ein Symbol für unseren Planeten, den wir aussaugen und der in sich zusammenfällt. Das Motto hatten die Organisatoren entsprechend gewählt: „Leer! Die nächste bitte!“ Leben wir weiter wie bisher, wollten die Organisatoren deutlich machen, reicht die eine Erde nicht. Würde der weltweite Lebensstil beibehalten, bräuchten wir die Ressourcen von 1,5 Erden. Wenn alle Menschen den Lebensstil der Deutschen annähmen, wären schon 2,6 Planeten nötig. Wollten alle so leben wie die Einwohner der USA oder Katar bräuchten wir sogar 3,9 bzw. 4,8 Erden.

Der 13. August 2015 war in diesem Jahr der „Erdüberlastungstag“. Er beschreibt den Tag, an dem die nachhaltig nutzbaren Ressourcen eines Jahres verbraucht sind. „Wir verbrauchen die Ressourcen der Erde, als hätten wir noch eine zweite Erde im Keller“, erklärte Christine Pohl, Referentin des INKOTA-Netzwerks. So sei es aber nicht: „Alles, was wir ab heute verbrauchen, wächst nicht nach oder kann von der Erde nicht kompensiert werden.“

Der Tag, ab dem die Erde von uns überlastet wird, ist immer zeitiger im Jahr. 2014 war es „erst“ sechs Tage später, am 19. August, so weit. Vor 15 Jahren war der Stichtag am 1. Oktober.

Unsere Wirtschaftsweise sei weder ökologisch nachhaltig noch global gerecht, erklärte Jutta Otten von der Entwicklungsorganisation Germanwatch. „Damit beuten wir die Erde auf Kosten künftiger Generationen und der in Armut lebenden Menschen aus, die insbesondere im globalen Süden leben“, sagte sie. Die Bundesregierung unterstütze zwar bessere Energie- und Rohstoffeffizienz der deutschen Wirtschaft, „bezieht aber die Einhaltung globaler Umweltgrenzen nicht konsequent in ihre Rohstoffpolitik ein“, erklärte Christoph Röttgers von der Naturschutzjugend. „Wir brauchen eine Wirtschaftspolitik, die nicht mehr nach Wachstum um jeden Preis strebt, sondern die dem übermäßigen Ressourcenverbrauch ein Ende setzt und ein Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen ermöglicht“, so Röttgers weiter.

Der ökologische Fußabdruck

Berechnet wird der Tag, an dem die Erdüberlastung erreicht wird, jedes Jahr vom Global Footprint Network und soll die ökologischen Grenzen des Planeten verdeutlichen. Dabei wird der gesamte Bedarf an nutzbaren natürlichen Ressourcen von Wäldern, Flächen, Wasser, Ackerland und Lebewesen, den die Menschen derzeit für ihre Lebens- und Wirtschaftsweise brauchen, der biologischen Kapazität der Erde, Ressourcen aufzubauen sowie Abfälle und Emissionen aufzunehmen, gegenübergestellt. Auf diese Weise zeigt sich dann, ab wann die Erde sich im „ökologischen Defizit“ befindet, also mehr Ressourcen verbraucht wurden, als die Erde nachhaltig zur Verfügung stellen kann. Alles, was nach diesem Tag verbraucht wird, wächst entweder nicht nach oder kann nicht von der Erde kompensiert werden.

Die ursprüngliche Methode zur Berechnung des ökologischen Fußabdrucks wurde 1990 von Mathis Wackernagel und William Rees an der University of British Columbia entwickelt. Dabei fließen über 6.000 Datenpunkte pro Land, Kopf und Jahr in die Berechnung ein. So ist es möglich, für einen Großteil der Länder und Regionen den Fußabdruck von 1961 bis heute nachzuzeichnen.

Wie die Berechnung funktioniert, sei an dem Beispiel der Emissionen von Kohlendioxid dargestellt. Auf der einen Seite wird der gesamte CO2-Ausstoß in einem Land durch Verbrennung fossiler Energieträger, wie Kohle, Öl und Gas, aber auch Holz sowie die CO2-Belastung durch importierte Güter zusammengerechnet. Auf der anderen Seite steht die Waldfläche, die benötigt wird, um das Kohlendioxid zu binden. Die Emissionen, die von den Ozeanen aufgenommen werden, werden davon abgezogen. Beide Seiten werden miteinander verrechnet und ergeben den CO2-Fußabdruck, der inzwischen der größte Faktor im gesamten ökologischen Fußabdruck ist.

Das Global Footprint Network erfasst mit seiner Berechnungsmethode die nachwachsenden Rohstoffe. Der Verbrauch von mineralischen Rohstoffen wird dagegen nicht erfasst, weil sie nicht regenerierbar sind. Einbezogen werden aber die Energie und die Emissionen sowie natürliche Materialien, die für den Abbau, Transport, Veredelung und Verarbeitung fossiler Rohstoffe notwendig sind. Plastik oder giftigen Stoffen, die in der Produktion anfallen können (z. B. Quecksilber), aber nicht von biologischen Stoffkreisläufen aufgenommen oder aufgespalten werden, kann ebenfalls kein direkter ökologischer Fußabdruck zugerechnet werden, obwohl diese Stoffe sehr wohl bereits erhebliche Umweltprobleme hervorrufen.

Deutschlands Fußabdruck

Deutschland liegt beim Verbrauch natürlicher Ressourcen im oberen Viertel weltweit: Würde sich der deutsche Lebensstil überall durchsetzen, bräuchten wir rund 2,6 Erden. Im globalen Vergleich liegt die Bundesrepublik auf Platz 34 von insgesamt 182 Staaten. Besonders hoch ist die Belastung in den Bereichen der CO2-Emissionen (Rang 30), Ackerland (Rang 15) und dem Verlust der Artenvielfalt durch bebaute Flächen (Rang 12). Um den gesamten Ressourcenverbrauch und Flächenbedarf zu decken, bräuchte Deutschland eine Fläche, die etwa 2,1-mal so groß ist, wie die Bundesrepublik selbst.

Konkret bedeutet das: In Deutschland ist der Ausstoß von Kohlendioxid pro Kopf auf 9,86 Tonnen im Jahr 2014 gestiegen, 2013 waren es noch 9,4 Tonnen. Zum Vergleich: Der weltweite Durchschnitt an Pro-Kopf-Emissionen lag 2013 bei 4,9 Tonnen. Soll das Zwei-Grad-Ziel bei der Erderwärmung eingehalten werden, dürften bis 2050 nur noch zwei Tonnen Kohlendioxid pro Kopf in die Atmosphäre gepustet werden.

Alle Deutschen zusammen haben 2014 rund 800 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft geblasen. Dagegen steht die Waldfläche, die Kohlendioxid wieder bindet: Ein Hektar Wald in Deutschland bindet im Jahr etwa 10 Tonnen Kohlendioxid. Die gesamte Waldfläche beträgt allerdings nur 11,4 Millionen Hektar. Anders ausgedrückt: Wir pusten jeden Jahr rund 800 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft, aber nur 114 Millionen Tonnen werden ihr durch die deutschen Wälder wieder entzogen.

Studie des WWF

Ähnlich wie die Organisatoren des Weltüberlastungstags argumentiert die Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF). Diese gab im Dezember den „Living Planet Report“ heraus, indem sie auch mit dem ökologischen Fußabdruck argumentiert. Dabei gelingt es dem WWF aber besser, zu zeigen, dass unser Lebensstil nicht für alle Menschen möglich ist und unseren Planeten langfristig überlasten muss.

Dem Ökologischen Fußabdruck steht laut WWF der Begriff der Biokapazität gegenüber. Dieser gibt das Vermögen der Natur wieder, nutzbare Ressourcen hervorzubringen, Land für bebaute Flächen und zur Aufnahme von Abfällen und Reststoffen wie etwa Kohlendioxid, bereitzustellen. Sowohl der Ökologische Fußabdruck als auch die Biokapazität werden in der Einheit „globaler Hektar“ (gha) angegeben. Er entspricht einem Hektar Land mit weltweit durchschnittlicher Produktivität.

Im Jahr 2010 betrug der globale Ökologische Fußabdruck laut WWF 18,1 Milliarden globale Hektar oder 2,6 gha pro Kopf. Dem stand die Biokapazität der Erde von 12 Milliarden gha oder 1,7 gha pro Kopf gegenüber.

Fazit

Das Wissen um die Probleme ist vorhanden. Es gibt durchaus auch Vorstellungen, wie diese Probleme gelöst werden könnten. Vor diesem Hintergrund ist es bedenklich, dass sich nur eine erschreckend kleine Zahl an Menschen an den Aktionen zum Erdüberlastungstag beteiligte. Selbst die Organisatoren scheinen sich immer noch Illusionen zu machen, wer die Probleme lösen kann. So schrieb Germanwatch, man habe sich mit der Aktion vor allem an Politiker und andere Entscheidungsträger wenden und sie für die Probleme sensibilisieren wollen. Diese Mission ist gescheitert: Es ist nicht vorherzusehen, dass die breite Masse der Bevölkerung ihren Lebensstil in den nächsten Jahren radikal ändern wird. Woran das liegt, könnte Teil einer Fortsetzung sein.


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Leserbrief zu »Überlasteter Planet«, UZ vom 28. August 2015





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