Italien im August 1945

Bereits zu dieser Zeit konnten sich die Mussolini-Faschisten verdeckt wieder organisieren
Von Gerhard Feldbauer
|    Ausgabe vom 14. August 2015
Turin am 6. Mai 1945: Parade anlässlich der Befreiung auf der Piazza Vittorio Veneto. Doch die Faschisten formierten sich breits neu … (Foto: Giorgio Agosti / wikimedia.org / CC BY-SA 2.5 IT)
Turin am 6. Mai 1945: Parade anlässlich der Befreiung auf der Piazza Vittorio Veneto. Doch die Faschisten formierten sich breits neu … (Foto: Giorgio Agosti / wikimedia.org / CC BY-SA 2.5 IT)

Seit dem Ende des Krieges und der Hinrichtung des „Duce“ waren kaum mehr als drei Monate vergangen, als sich am 8. August 1945 die Mussolini-Faschisten in verdeckten Formen als Sammlungsbewegung Uomo Qualunque (Jedermann) wieder organisieren konnten. Sie bildeten zunächst regionale und halblegale, meist paramilitärisch aufgebaute faschistische Gruppen. Als ihre Führungszentrale wirkten die von dem früheren Staatssekretär Mussolinis, Giorgio Almirante, organisierten Fasci di Azione Rivoluzionaria (FAR). Almirante hatte noch kurz vor Kriegsschluss einen Genickschuss-Befehl gegen Partisanen erlassen. In den FAR fand sich der harte Kern der alten Faschisten zusammen, darunter aus Mussolinis Camice nere (Schwarzhemden) der spätere Chef der faschistischen Terrorbanden Pino Rauti, und der berüchtigte Rassen-Ideologe des „Duce“ Julius Evola.

Der Faschismus demonstrierte durch Terror und spektakuläre Aktionen seine Kontinuität, um die Bevölkerung einzuschüchtern, progressive bürgerliche Kräfte unter Druck zu setzen und die rechten Kreise der Democrazia Cristiana (DC) bei der Verhinderung einer antifaschistischen Demokratisierung zu unterstützen. Vor dem 1. Jahrestag seiner Hinrichtung entführten Faschisten am 23. April 1946 den Leichnam Mussolinis vom Mailänder Friedhof. Die Aktionen des Faschismus zeigten, dass dieser von einflussreichen Kapitalkreisen unterstützt wurde. Uòmo Qualunque verbreitete eine gleichnamige Tageszeitung mit über 100 000 Exemplaren, eine Wochenzeitschrift „La Rivòlta ideale“ sowie massenweise Broschüren und Flugblätter.

Dass der Faschismus eine ernst zu nehmende politische Kraft blieb, der die Nachkriegsentwicklung beeinflusste, zeigte sich an den Wahlergebnissen zur Verfassungsgebenden Versammlung, zu der die faschistische Jedermann-Bewegung mit Duldung der Besatzungsmacht ungehindert kandidieren konnte. Sie erreichte mit über 1,2 Millionen Wählern 5,3 Prozent der Stimmen und zog mit 30 Vertretern in die Konstituierende Versammlung ein. Zusammen mit den 6,8 Prozent der Monarchisten und anderen reaktionären Splittergruppen stellte sie eine wichtige Reserve der DC und anderer bürgerlicher Parteien bei der Verteidigung der Machtpositionen des Kapitals dar.

Ihren vorläufigen Abschluss fand die Reorganisation des Faschismus mit der offiziellen Wiedergründung der faschistischen Partei am 26. Dezember 1946 in Gestalt der Movimento Sociale Italiano, was durch die Abkürzung MSI eine Beziehung zum Namen Mussolinis herstellen sollte. Zum Nationalsekretär wurde Almirante, zum Vorsitzenden der Kriegsverbrecher Valerio Borghese gewählt. Zu den Grundlagen ihres Wirkens erklärte die MSI das faschistische Parteiprogramm von 1919.

Die USA brauchten sie zur Niederhaltung
der Kommunisten und Sozialisten

Der Faschismus konnte sich nach 1945 wieder organisieren, weil die USA ihn nach Außen als Erfüllungsgehilfen im Kalten Krieg gegen die UdSSR und im Inneren zur Verhinderung einer von Kommunisten und Sozialisten dominierten antifaschistischen Regierung brauchten. Dazu bekannten sie sich offen beim Abschluss des Friedensvertrages mit Italien am 10. Februar 1947, in dem sie die von der UdSSR geforderte Klausel ablehnten, niemals wieder faschistische Organisationen zu erlauben und Kriegsverbrechen nicht ungesühnt zu lassen.


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Leserbrief zu »Italien im August 1945«, UZ vom 14. August 2015





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