Unterwegs mit einem, der fragt: Für wen komponiere ich?

Theodorakis’ Musik in einer Babylon-Filmwoche als Stimme der Zeit
Von Hilmar Franz
|    Ausgabe vom 14. August 2015

Zum 90. Geburtstag des in aller Welt verehrten Ausnahmekünstlers Mikis Theodorakis setzte es sich dessen Übersetzer und Biograf Asteris Kutulas zum Ziel, in 90 Minuten Non-stop-Musik und unkommentierten Filmbildern den allgegenwärtigen Freund in der ganzheitlichen Genrebreite seines Schaffens zu zeigen. Zum Jubiläum in Athen und zwei Tage später auch in Berlin stellte er „Dance Fight Love Die“ zunächst in einer Arbeitsfassung vor. Das poetische Roadmovie, wie er es nennt, ist eigentlich ein großer Musik-Videoclip. Es resultiert aus dem privaten, bisher unangetasteten Tournee-Archiv des Regisseurs mit über 600 Stunden Film-Material aus fast 30 Jahren (1987 bis 2014).

Diesem Auftakt im ausverkauften Kino Babylon, vorangestellt die Live-Präsentation der neuesten CD mit bearbeiteten Theodorakis-Liedern, „Echowand“, folgte eine Woche mit täglich einer Filmvorführung über Theodorakis oder mit seiner Musik. Kutulas’ 2014 fertiggestellter Beitrag „Recycling Medea“ ist ein politisch-künstlerischer Filmessay über die griechische Krise. Er verschränkt den Probenprozess 2012 für das „Medea“-Ballett (Choreographie: Renato Zanella, Primaballerina: Maria Kousouni) mit den heftigen Polizeieinsätzen gegen massive Troika-Proteste in Athen. In der Zeit dieses „abfärbenden“ Erarbeitungsprozesses für die Bühne hatte sich der Komponist im Rollstuhl an die Seite der Demonstranten bringen und schützen lassen. Trotz der damals übergestülpten Gasmaske leidet er bis heute an den Verletzungen durch Tränengas.

Theodorakis rief schon 1967 zum Widerstand auf, als die Obristenjunta die Macht ergriff. Damals wurde seine Musik verboten, er selbst Monate später inhaftiert. In seiner Zelle schrieb er sich in Wort und Ton vorerst nur im Gedächtnis einen Liederzyklus: „Sonne & Zeit“. Der gleichnamige Film (1999) berichtet authentisch über die Entstehung, den praktischen Erarbeitungsprozess u. a. mit Maria Farantouri und Rainer Kirchmann und über die legendäre Aufführung. „Mikis Theodorakis. Komponist“ (2010) beleuchtet auch seinen Kampf in den späten 1940er Jahren gegen die britische Intervention in Griechenland, die Teilnahme am Bürgerkrieg, Verbannung und Folterung bis hin zu den Konzertreisen im Exil, die zum Sturz der Junta 1974 beitrugen. Für beide Filme zeichnen Klaus Salge und Asteris Kutulas verantwortlich. „Zorbas“ (1964, Regie: Michael Cacoyannis) ergänzte die Retrospektive. Den Vorgeschmack dazu lieferten von Kutulas verwendete Archiv-Schnipsel: Der greise Anthony Quinn der 90er Jahre, vom Dirigenten Mikis zum Äußersten getrieben, im Bühnen-Sirtaki.

In den neunzig Minuten seines jüngsten, genresprengenden Films „Dance Fight Love Die“ verwebt Kutulas sehr persönliche Momente mit historischem Material, dokumentarische Aufnahmen mit verstörender Fiktion – in speziell angefertigten epischen „Spielfilm“-Szenen mit Liebenden, Schwangeren, Bruderkämpfen oder demonstrativen Selbstmordarten. Nicht zuletzt geht es auch um den Widerhall von Theodorakis’ Musik in jungen Künstlern, sei es als Jazz, Klassik, Electro oder Rap. Die „Microphone Mafia“ ist mit Esther Bejarano dabei, ebenso der Münchner Musikstudent Sebastian Schwab und die junge Sopranistin Johanna Krumin. Indem er nachschaffend 13 Theodorakis-Melodien für Gesang und Klavier arrangierte (deutsche Nachdichtungen von Ina Kutulas), „hat Sebastian meine Lieder auf magische Weise wiedergeboren“, meint Mikis. „Wie das Modale und Tonale ins Atonale kippt, das zeugt von einer wunderbaren, lebendigen Vorstellungsgabe. Johanna singt das so, dass man zuhören muss. Näher kann man mir als Musiker nicht sein.“

Mit Theodorakis im Fokus, den es am Pult regelmäßig nicht hält mitzusingen, springt die vorläufige Fassung dieser Reisefilmcollage hin und her, chronologisch wie geografisch. Die kontrastierend gemischten Clips und Kamerabeobachtungen folgen musikalischen Assoziationen auf einer „Echowand“. Bedeutende sinfonische und chorsinfonische Theodorakis-Aufführungen in der DDR (wenigstens ab 1987) sucht man dann vergebens. Ein afrikanischer Chor in Johannesburg probiert das Oratorium „Axion Esti“ nach der Dichtung von Odysseas Elytis. Es vereint unterschiedliche Strömungen der griechischen Musik, fordert und prophezeit ein neues Glück, eine neue Unschuld, eine durch die Liebe verklärte Welt. Dies sei eine „ganz andere Art von Nationalhymne“, schreibt Kutulas in seinem aktuellen Internet-Blog und berichtet aus Athen vom „Axion Esti“ zum diesjährigen Theodorakis-Geburtstag. Bei diesen Gesängen im Amphitheater Herodes Attikus waren fünfeinhalbtausend Menschen und der 90-jährige Komponist im Rollstuhl eins gegen die Berlin-Brüsseler Würge-Durchgriffe.

Eine ins Schlafzimmer geträumte lyrische Sopran-Aphrodite, mit Rousseau philosophierend, scheint Theodorakis’ Utopie von einer Gesellschaft zu verkörpern, die ihre schöpferischen Geister nicht mehr dazu zwingt, ihre Kreativität in geist- und kunstlose Tätigkeiten zu vergeuden. Die Musik stammt aus seiner Oper über den griechischen Dichter Kostas Kariotakis und dessen Selbsttötung 1928. Arbeiter in Norwegen singen Mikis ein Volkslied dort, wo es offenbar nur noch Schnee, aber keinen Stahl mehr gibt. So ist dem einsam Summenden die leere Werkhalle Echowand.

90 Minuten über 90 Jahre: Trauer musikalisch überwindend, erklingt 2011 das „Lied der Lieder“ aus der Mauthausen-Trilogie von 1964 zu offizieller Stunde in jener KZ-Gedenkstätte. Faschismus zertritt die Würde aller Menschen, heißt es dort sinngemäß. Man erinnert sich an den vergeblichen Versuch der österreichischen Parlamentspräsidentin, die Aufführung zu verhindern aufgrund einer „Antisemitismus“-Debatte gegen den Komponisten. In Sydney Musik zum Film „Im Belagerungszustand“, bedrückende Bilder aus Athen. Die antike Antigone-Gestalt, deren unversöhnliche Gesten thematisch immer wiederkehren. „Zeit zu sehen“ mit Esther Bejerano aus den Andreas-Liedern des Bürgerkriegs. Bald kommen die für Mikis sehr gegenwärtigen Erlebnisse am Syntagma-Platz während der Probenpausen zu „Medea“ hinzu; aus dem hineingeschnittenen Filmszenenausschnitt bleibt das kindlich-reine Gesicht einer „Verlorenen“ (Generation) an den „Küsten des Lichts“ haften. In der Solo-Ballettfassung des Liedzyklus’ „Raven“, nach Giorgos Seferis am Moskauer Bolschoi Theater, rückt der Rabe choreografisch ins Bild, der lebendige Wurzeln benagt.

Das Finale ist ein kraftvoller Chor im Theater Monumental von Santiago: „Aufständisches Amerika“. 1993, nach dem Sturz des Faschismus, leitete Franz Peter Müller-Sybel die großartige erste Aufführung von Pablo Nerudas „Canto General“ in Chile. Mikis Theodorakis prägte 1980 anlässlich der eigenen Aufführung (musikalisch einstudiert von Müller-Sybel) in Berlin/DDR den Satz: Kunst im vertrauensvollen Dienst des Freiheitskampfes eines Volkes muss nicht nur die Liebe des Volkes erwecken, sondern auch den Hass seiner Feinde auf sich ziehen.


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Leserbrief zu »Unterwegs mit einem, der fragt: Für wen komponiere ich?«, UZ vom 14. August 2015





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