Nie wieder Hiroshima und Nagasaki!

70 Jahre nach den Atombombenabwürfen am 6. und 9. August 45
Von UZ
|    Ausgabe vom 7. August 2015

Völlig anders als Frédéric Joliot-Curie und andere verhielt sich dagegen beispielsweise Edward Teller, der 1933 das faschistische Deutschland verlassen musste. Teller hatte bereits am ersten Atombombenprojekt der USA mitgewirkt. Er gehörte zu jenen Forschern, die später die Entwicklung der Wasserstoffbomben und weitere Bombentests der US-Amerikaner uneingeschränkt befürworteten und „die Kollegen in die Laboratorien“ zurückriefen. Er sah eine weitere Waffenentwicklung als unumgänglich an. Für ihn bestand die „Verantwortung“ eines Forschers nur darin, „Macht“ zu schaffen und neue Atomwaffen für seinen Staat zu entwickeln, da es eine Pflicht der Wissenschaftler und Techniker sei, „der Menschheit Werkzeuge zu entwickeln“, die in einer Demokratie ohne Grenzen sei, weil diese jede Waffe „richtig verwenden werde“. (Wagner, S. 177) – Teller gehörte wie Robert Oppenheimer (siehe UZ vom 24.7.2015, S. 10) zu den Schülern des deutschen Physikers Max Born, eines entschiedenen Gegners der Atomwaffen.

Dieser musste 1957 bekümmert feststellen: „Es ist schön, so kluge und tüchtige Schüler gehabt zu haben, und doch wünschte ich, sie wären weniger klug als weise. Nun ist durch ihre Klugheit die Menschheit in eine fast verzweifelte Lage geraten.“

Nach der Zerschlagung des deutschen Faschismus und seiner Verbündeten wurde die Welt nicht friedfertiger. Der heiße Krieg war beendet. Der Kalte Krieg, der sich gegen die Sowjetunion und die mit ihr verbündeten jungen Volksdemokratien richtete, begann und verschärfte sich. Die Atomkriegsgefahr wuchs.

Im April 1949, zum Zeitpunkt der NATO-Gründung und der Unterzeichnung des Militärpakts durch die USA, Großbritannien, Frankreich, Italien sowie weitere sieben Staaten, verkündete US-Präsident Truman, bisherige „Rücksichten“ fallenlassend: „Ich bin bereit, die Atombombe für den Frieden der Welt einzusetzen.“ Noch wähnten sich die USA im alleinigen Besitz der Bombe. General Groves erklärte auf die Nachricht, die Sowjetunion sei kurz davor, das Atombombenmonopol der USA zu brechen, spöttisch, die Sache belustige ihn, und er frage sich nur, welches Märchen man ihm als nächstes auftischen werde.

Am 29. August 1949 zündete die UdSSR ihre erste Versuchsbombe. Nach Bekanntwerden des erfolgreichen sowjetischen Atombombenexperiments verstärkten die westlichen Massenmedien ihre Propaganda gegen die Sowjetunion. Eine Jagd auf „Atomspione“ begann. Trauriger Höhepunkt dieser Verfolgungen wurde der Justizmord an Ethel und Julius Rosenberg im Juni 1953.

TASS erklärt am 25. September 1949 im Namen der Sowjetregierung jedoch ausdrücklich, dass die UdSSR auch weiterhin unerschütterlich an ihrer Auffassung über das bedingungslose Verbot der Atombombe festhalte. Am selben Tag erklärte zudem der sowjetische Vertreter in der Vollversammlung der UNO, sein Land bestehe unnachgiebig auf der Ächtung der Atomwaffen und der Vernichtung aller Kernbombenvorräte.

Die „Antwort“, die Truman am 31. Januar 1950 gab, war eindeutig: „Ich habe angewiesen, die Entwicklung aller Atomwaffen, einschließlich der sogenannten Wasserstoff-oder Superbombe, fortzusetzen.“

Mit dieser Entscheidung stellte der US-Präsident die Weichen für ein weiteres atomares Wettrüsten. Denn er sanktionierte den Bau einer noch schrecklicheren Vernichtungswaffe, der thermonuklearen Wasserstoffbombe, deren Größe praktisch keine Grenzen gesetzt sind.

Am 1. November 1952 verschwand die Insel Elugelab. Elugelab gehörte zum Eniwetok-Atoll der Marshallinseln im Pazifischen Ozean. Die Insel wurde durch die erste US-amerikanische thermonukleare Explosion von der Landkarte radiert. Alle größeren Erdbebenstationen der Welt registrierten die Schockwelle der Explosion. Die „Super“, wie sie amerikanische Fachleute nannten, entlud eine Sprengkraft von drei Megatonnen (drei Millionen Tonnen) TNT. Das entspricht der Gesamtstärke sämtlicher im zweiten Weltkrieg eingesetzten Bomben und etwa der zweihundertfachen Sprengwirkung der Hiroshimabombe.

In Washington war man nach dem erfolgreichen Test fest davon überzeugt, den Verlust des Atombombenmonopols wettgemacht und einen entscheidenden Vorsprung gegenüber der UdSSR errungen zu haben.

Doch bereits am 12. August 1953 explodierte die erste sowjetische Wasserstoffbombe. Militärs und Politiker der USA waren schockiert, denn es war eine Wasserstoffbombe mit dem Zündstoff Lithiumdeuterid. Allein eine solche Bombe war militärisch einsatzfähig, weil transportabel.

Am 1. März 1954 zündeten die USA ihre erste sogenannte Dreistufenbombe, auch Fission-Fusion-Fission-Bomb genannt. Ihre Detonationswirkung betrug wenigstens 15 Megatonnen TNT. Als Zünder für die eigentliche Wasserstoffbombe diente ein Atomsprengkörper. Beide waren eingehüllt in einen Mantel aus normalem Uran (U 238), das sich unter der Wirkung der H-Bomben-Explosion ebenfalls als spaltbar erweist.

Mehrphasenbomben entfalten eine unvorstellbare Detonationswirkung, die auf 50 und mehr Megatonnen gesteigert werden kann. Mit solchen Bomben können Länder und Kontinente mit einem Schlag verwüstet werden.

Die fürchterliche Wirkung der Wasserstoffbombe beschränkt sich nicht nur auf ihre gegenüber der Atombombe um das Tausendfache gesteigerte Explosivkraft. Sie setzt auch Strahlung von einer Intensität frei, wie sie auf Erden bisher unbekannt war. Man schätzt, dass eine Minute nach der Detonation einer mittleren H-Bombe am Explosionsort immer noch eine Radioaktivität herrscht, die der von mehreren 100 Millionen Tonnen Radium entspricht. Eine solche Strahlendosis ist für Mensch und Tier im Wirkungskreis der Bombe unbedingt tödlich.

Ist die stärkste Aktivität abgeklungen, bleiben genügend gefährliche Spaltprodukte übrig, die mit dem radioaktiven Niederschlag (Fallout) aus der Stratosphäre langsam auf die Erdoberfläche herabrieseln und weite Teile auf viele Jahre verseuchen, zudem – wie Strontium 90 – mit der Nahrung in den menschlichen und tierischen Organismus gelangt, dort in den Knochen angereichert wird und unweigerlich Krebs erzeugt. (Siehe Seite 13)

Der amerikanische Nobelpreisträger Linus Pauling, der sich mit seiner ganzen Autorität der Ächtung der Atomwaffen verschrieben hat, gab folgendes Beispiel für die Gefährlichkeit des Fallouts: 1 Teelöffel Strontium 90, auf alle Menschen der Welt gleichmäßig verteilt, würde unabänderlich ihren Tod innerhalb weniger Jahre herbeiführen. Eine jener Superbomben aber, so rechnete Pauling vor, schleudert bei ihrer Detonation die tausendfache Menge in die Luft.

H

Gegen die Atomrüstung wandten sich damals Menschen in aller Welt – nicht nur die Regierungen der Sowjetunion und der anderen Staaten des sozialistischen Lagers, sondern auch Bürgerinnen und Bürger, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie verantwortungsbewusste Wissenschaftler.

Der französische Atomforscher Frédéric Joliot-Curie, Präsident des im November 1950 gegründeten Weltfriedensrats und Vorsitzender der Weltföderation der Wissenschaftler (ab 1946), gehörte zu ihnen. Der Atomforscher und Kämpfer der Resistance wurde 1942 Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs. Nach der Befreiung seines Vaterlandes vom Faschismus ernannte man ihn zum Hochkommissar für Atomenergie. Unter seiner Leitung wurde im Dezember 1948 der erste französische Atommeiler kritisch – d. h., der Reaktor erreichte eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion. Zusammen mit seinen Mitarbeitern gelobte er feierlich, das Kommissariat für Atomenergie sofort zu verlassen, falls sie gezwungen würden, für die Herstellung von Atomwaffen zu arbeiten.

Im März 1950 tagte in Stockholm der Ständige Ausschuss des Weltfriedenskongresses. Auf Initiative Joliot-Curies verabschiedeten die Delegierten aus aller Welt einen Aufruf an alle friedliebenden Menschen, sich mit ihrer Unterschrift für die Ächtung der Kernwaffen einzusetzen. „Wir fordern das absolute Verbot der Atombombe als einer Waffe des Angriffs und der Massenvernichtung“, begründete Joliot-Curie diesen Schritt. „Wir sind der Ansicht, dass die Regierung, die als erste die Atomwaffe gegen irgendein Land benutzt, ein Verbrechen gegen die Menschheit begeht und als Kriegsverbrecher zu behandeln ist.“

Joliot-Curie registrierte mit Genugtuung das weltweite Echo auf den Aufruf. 600 Millionen Menschen unterzeichneten diesen ersten Stockholmer Appell, den die sozialistischen Staaten uneingeschränkt unterstützten. Eine noch nie dagewesene Massenaktion begann sich gegen Atombewaffnung und Atomkriegsgefahr zu entfalten. „No more Hiroshima!“ – „Nie wieder Hiroshima!“ – lautete eine von vielen Losungen, die die Atomwaffengegner seitdem in ihrem Kampf vereint.

Quellen u. a.: Klaus Hoffmann, Otto Hahn. Stationen aus dem Leben eines Atomforschers, Berlin 1978/Friedrich Wagner, Die Wissenschaft und die gefährdete Welt, München 1964/Wissenschaft und Verantwortung. Ausgewählte Schriften von Frederic Joliot Curie. Berlin 1962

Völlig anders als Frédéric Joliot-Curie und andere verhielt sich dagegen beispielsweise Edward Teller, der 1933 das faschistische Deutschland verlassen musste. Teller hatte bereits am ersten Atombombenprojekt der USA mitgewirkt. Er gehörte zu jenen Forschern, die später die Entwicklung der Wasserstoffbomben und weitere Bombentests der US-Amerikaner uneingeschränkt befürworteten und „die Kollegen in die Laboratorien“ zurückriefen. Er sah eine weitere Waffenentwicklung als unumgänglich an. Für ihn bestand die „Verantwortung“ eines Forschers nur darin, „Macht“ zu schaffen und neue Atomwaffen für seinen Staat zu entwickeln, da es eine Pflicht der Wissenschaftler und Techniker sei, „der Menschheit Werkzeuge zu entwickeln“, die in einer Demokratie ohne Grenzen sei, weil diese jede Waffe „richtig verwenden werde“. (Wagner, S. 177) – Teller gehörte wie Robert Oppenheimer (siehe UZ vom 24.7.2015, S. 10) zu den Schülern des deutschen Physikers Max Born, eines entschiedenen Gegners der Atomwaffen.

Dieser musste 1957 bekümmert feststellen: „Es ist schön, so kluge und tüchtige Schüler gehabt zu haben, und doch wünschte ich, sie wären weniger klug als weise. Nun ist durch ihre Klugheit die Menschheit in eine fast verzweifelte Lage geraten.“


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Nie wieder Hiroshima und Nagasaki!«, UZ vom 7. August 2015





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.