„Die Leute sind stinksauer!“

Appel: Ein niedersächsisches Dorf kämpft – erst gegen Flüchtlinge, dann gegen seinen schlechten Ruf
Von Birgit Gärtner
|    Ausgabe vom 7. August 2015

In dem Film „Willkommen auf Deutsch“ dokumentieren die beiden Regisseure Carsten Rau und Hauke Wendler den schwierigen Prozess der Unterbringung von Flüchtlingen in den gutbürgerlichen und wohlsituierten Gemeinden Appel und Tespe im Landkreis Harburg (Niedersachsen).

„Der 89-minütige Dokumentarfilm ‚Willkommen auf Deutsch‘ setzt bei genau diesen Menschen an, bei ihren Sorgen und Vorurteilen. Nicht in Berlin-Hellersdorf, sondern in der bürgerlichen Mitte Westdeutschlands: im Landkreis Harburg … ein Stück Deutschland, in dem die Welt noch in Ordnung scheint“, wird auf der Webseite der Produktionsfirma PIER 53 Filmproduktion erläutert.

Der Landkreis Harburg ist der zweitreichste (!) Landkreis in der gesamten Republik … Und hatte zu dem Zeitpunkt (Stand 2013) etwa 240 000 EinwohnerInnen und insgesamt 645 AsylbewerberInnen aufgenommen, 500 weitere mussten untergebracht werden, da die Zahl der AsylbewerberInnen 2013 im Vergleich zu 2012 um fast 100 Prozent gestiegen war.

Appel hatte 415 EinwohnerInnen und zu dem Zeitpunkt keine Flüchtlinge, Tespe 4 100 EinwohnerInnen und sieben Flüchtlinge aufgenommen.

Bei Kameraschwenks über die Gemeinden Appel und Tespe sind schmucke Einfamilienhäuser zu sehen, mit Vorgarten und altem Baumbestand, echte deutsche Eichen, wie im Film stolz zum Ausdruck gebracht wird, und Deutschlandfahnen wehen, zumindest vereinzelt, im Wind.

Die Unterbringung in einer ehemaligen Sparkasse in Tespe ging einigermaßen reibungslos vonstatten, die Ablehnung wurde den Flüchtlingen eher subtil gezeigt. In Appel hingegen gründeten „besorgte Bürgerinnen und Bürger“ eine Initiative zur Verhinderung der Unterbringung von 53 männlichen Asylbewerbern in einem ehemaligen Altenpflegeheim im Ortskern ihres Dorfes. Der Deal, den sie schließlich durchsetzen konnten: statt der 53 Flüchtlinge im ehemaligen Altenpflegeheim werden zehn (letztendlich waren es zwölf) Asylbewerber im Hotel „Deutsches Haus“ untergebracht.

Der Film beginnt mit einem Spaziergang mit Hartmut Prahm, Sprecher der Bürgerinitiative (BI), auf der Hauptverkehrsstraße in Appel, die zu dem Objekt führt. Seiner Ansicht wird sich das ehemalige Altenpflegeheim – wenn nicht der ganze Ort – in Sodom und Gomorrha verwandeln, wenn dort 53 männliche Flüchtlinge untergebracht werden.

Der allererste Satz von Prahm, der allererste Satz im Film überhaupt: „Ja, das ist das – noch (!) – beschauliche Dorf Appel.“ „Ich glaube nicht, dass die Gemeinde das so akzeptieren wird“, sagt er im Hinblick auf die geplante Unterbringung. Dann – inzwischen bei sich zu Hause angekommen – liest er dem Filmteam den Brief der Bürgerinitiative an den Gemeinderat vor:

„… Die Bewohner Appels sind erschrocken über die geplante Zuweisung einer vergleichsweise hohen Anzahl von Asylbewerbern. Was und wer gibt dem Landkreis das Recht, eine so weitreichende Entscheidung über die Köpfe der Einwohner Appels hinweg zu entscheiden? Wir erwarten, dass die Einwohner Appels in den Entscheidungsprozess eingebunden werden. Wir erwarten eine zeitnahe öffentliche Anhörung.

Mit freundlichen Grüßen, die Einwohner Appels“

Nicht unterzeichnet mit „die Bürgerinitiative“, sondern „die Einwohner Appels“!

Das Hotel und Gaststätte „Deutsches Haus“ in Appel schenkt seinen Gästen Radeberger aus, und bietet „Hotelzi incl. Frühstück ab € 25“ an. Besitzer Carsten Fock hat sich erboten, Hotelzimmer, insgesamt zehn, für die Unterbringung von Flüchtlingen an den Landkreis zu vermieten. Damit soll erreicht werden, dass von der Unterbringung der 53 Personen in dem ehemaligen Pflegeheim abgesehen wird. Das klingt großzügig, bei Licht betrachtet saniert Fock sich damit. Das Aufkommen von Tourismus dürfte sich in Appel in Grenzen halten, und der Winter stand vor der Tür, was selbst in den ausgewiesenen Tourismus-Hochburgen in der Lüneburger Heide Flaute bedeutet.

Aber Prahm findet, das sei „ein faires Angebot seitens der Gemeinde“.

Im Laufe des Films wird es unwirtlicher: das Wetter, aber auch die Stimmung. Im Vorfeld der Ratssitzung, bei der über die Zustimmung zum Bauantrag für den Umbau des ehemaligen Pflegeheims zur Asylbewerberunterkunft entschieden werden soll, hat die BI symbolisch einen Zaun aus Protest-Plakaten um das leer stehende Gebäude errichtet. Zu dem Zeitpunkt bekommt der für die Unterbringung der Flüchtlinge verantwortliche Sozialdezernent des Landkreises, Reinhard Kaminski, Sprüche wie „Nimm doch deine Neger mit“ zu hören.

Der Gemeinderat springt brav über das Stöckchen – macht dabei allerdings nicht den Eindruck, als geschehe dies widerwillig – und lehnt den Bauantrag des Landkreises ab, und verhindert so die Unterbringung der 53 Flüchtlinge. Kaminski lässt sich schließlich auf die Unterbringung im „Deutschen Haus“ ein. Dort können statt der ursprünglich angebotenen zehn sogar zwölf Flüchtlinge untergebracht werden.

Seit März dieses Jahres lief der Film in Dutzenden Kinos, und kürzlich auch in der ARD. Darin kommen auch die Flüchtlinge zu Wort, können ihre erschütternden Geschichten erzählen, außerdem ehrenamtliche Helferinnen und der Kirchenkreis, die versuchen, den Flüchtlingen ihr Schicksal ein bisschen erträglicher zu machen, und diesen vor allem mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Die wirklich erstaunliche Hilfsbereitschaft einiger weniger steht im Kontrast zu der von stumpfem Rassismus getragenen Ablehnung der Mehrheit.

Die Reaktionen des Publikums auf die Doku reichen von Fassungslosigkeit bis zu geballter Wut. Erzürnt waren auch viele Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde Appel darüber, dass ihre wohlgenährte Empathielosigkeit so ungeschminkt zur Schau gestellt wird. In einer Diskussionsrunde mit den beiden Regisseuren im „Deutschen Haus“ versuchten einige Appeler sich von der feindlichen Haltung den Flüchtlingen gegenüber zu distanzieren. Die Bürgerinitiative sei nicht in ihrem Sinne gewesen. Fakt aber ist: die Bürgerinitiative bekam großen Zulauf, und der Gemeinderat sprach sich einstimmig gegen die Unterbringung von 53 Asylbewerbern in dem ehemaligen Altenpflegeheim aus.

Appel ist ein beredtes Beispiel dafür, dass die „besorgten“ Wohlstandsbürger genauso gefährlich, aber viel nachhaltiger sind als der gemeine Pöbel in Freital, Hamburg-Jenfeld oder anderswo. Sie besitzen Mitgliedsbücher demokratischer Parteien, bekleiden öffentliche Ämter, üben Berufe aus, die ihnen im Kampf gegen das Böse, in dem Fall Flüchtlinge, nützlich sind, oder haben ökonomische Mittel, sich notfalls diejenigen dienstbar zu machen, die solche Professionen ausüben. Kurzum: Sie sind sturmfest und erdverwachsen, kämpfen mit leisen Tönen, äußerst wirkungsvoll – und vor allem gnadenlos demokratisch.

Wie sang Franz Josef Degenhardt einst: „Hier darf jeder machen, was er will – im Rahmen der Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung, versteht sich.“


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